Wut – Das missverstandene Gefühl

Diese Woche veröffentlichte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Fluch. Er entstand aus der Wut über das so selbstverständlich übergriffige Verhalten mancher Männer gegenüber Mädchen und Frauen. Männer, die sich herausnehmen, Mädchen zu beurteilen, für die Mädchen und Frauen nichts anderes sind, als sexuelle Objekte, Freiwild. Zu erleben, wie eine 17-Jährige nach solch einem Übergriff durch eine Männergruppe in der Straßenbahn leidet, macht mich wütend. Noch wütender werde ich, wenn das überhaupt möglich ist, wenn dieses Mädchen aufgrund familiärer Umstände in einer Jugendhilfe-WG lebt, es also per se nicht einfach im Leben hat. Dieser Männer wissen überhaupt nicht, welchen Schaden sie dem Mädchen zufügen, bzw. ist es ihnen egal. Sie haben ihren Spaß, das Wohl des Mädchens zählt nicht.

Ich spüre also diese flammende Wut in mir und weiß nicht, wohin damit. Diese Wut, so brennend in mir, kann sich nirgendwohin richten. Sie macht mich hilflos. Vor allem, weil es so eine altbekannte Wut ist, schon oft gespürt. Eine, die nichts ändert und sich im schlimmsten Fall gegen mich richtet. Den Fluch zu schreiben, ändert nichts, an dem wie die Welt ist, wie diese Männer sind. Aber die Energie meiner Wut hat damit einen Kanal gefunden. Diese Erfahrung motiviert mich zu diesem Blogbeitrag, in dem ich die Emotion Wut einer näher betrachten werde.

Wut – Was ist das eigentlich?

Wut ist eine intensive Emotion, die oft als starke Verärgerung, Unmut oder sogar Zorn beschrieben wird. Sie kann als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung, Frustration, Ungerechtigkeit oder Beleidigung entstehen. Wut kann sich in verschiedenen Formen äußern, von leiser Verärgerung bis hin zu intensivem Zorn und Aggression.

Die Wut (auch lateinisch Furor ‚Raserei, Leidenschaft, Wahnsinn‘ oder französisch Rage [ʀaʒ] ‚Raserei, Zorn, Toben‘) ist eine sehr heftige Emotion und häufig eine impulsive und aggressive Reaktion (Affekt), die durch eine als unangenehm empfundene Situation oder Bemerkung, z. B. eine Kränkung, ausgelöst worden ist. Die resultierende Affekthandlung wird als Raserei oder Wüten bezeichnet. Wut ist heftiger als der Ärger und schwerer zu beherrschen als der Zorn. Wer häufig in Wut gerät, gilt als Wüterich. Implizit ist damit ausgesagt: Wer leicht in Wut gerät, ist weniger gut imstande, sich selbst zu kontrollieren. – Wikipedia

So wie Wikipedia es beschreibt, wird es häufig wahrgenommen. Wer wütend ist, hat sich nicht unter Kontrolle. Wer wütend ist, funktioniert nicht so richtig. Das gilt in besonderem Maß für Frauen – dazu später mehr. Dabei sind Emotionen wie Wut Teil des menschlichen Erfahrungsspektrums und können in bestimmten Situationen als Antrieb für positive Veränderungen dienen, etwa indem sie uns motivieren, ungerechte Situationen zu konfrontieren oder Lösungen für Probleme zu suchen. Allerdings kann unkontrollierte oder chronische Wut schädlich für die psychische und physische Gesundheit sein und Beziehungen zu anderen Menschen belasten. Deshalb ist es wichtig, gesunde Wege zu finden, um mit Wut umzugehen, um negative Auswirkungen auf das eigene Leben und das Leben anderer zu vermeiden.

Wut ist eine der 6 Grundemotionen

Der Psychologe Paul Ekman, der durch seine Forschung über den Zusammenhang zwischen Emotionen und Gesichtsausdrücken bekannt wurde, identifizierte Wut als eine von sechs Grundemotionen. Diese Emotionen sind:

Wut ist eine der 6 Grundemotionen: Freude, Traurigkeit, Überraschung, Ekel, Angst, Wut

Grundemotionen werden so bezeichnet, weil sie als universell für die menschliche Erfahrung gelten, unabhängig von der Kultur oder dem sozialen Kontext. Sie haben charakteristische, universelle Signale, insbesondere im Gesichtsausdruck. Sie entstehen als direkte Reaktion auf bestimmte Auslöser. Wut entsteht typischerweise als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung, Ungerechtigkeit oder Frustration. Sie kann uns defensiv machen. Wut kann aber auch eine motivierende Rolle spielen, indem sie Individuen dazu anregt, auf Herausforderungen oder Bedrohungen zu reagieren.

Der Unterschied zwischen Wut und Zorn

Wut und Zorn, sind zwei Emotionen, die schnell miteinander verwechselt werden können. Dabei gibt es kleine, feine Unterschiede. Sie unterscheiden sich in ihrer Intensität, Dauer, Kontrollierbarkeit und sozialen Akzeptanz.

Wut

Definition: Wut ist eine heftige, manchmal unkontrollierbare Reaktion auf akute Frustration oder Bedrohung. Wut kann plötzlich entstehen und ist oft von körperlichen Reaktionen wie erhöhtem Herzschlag, Zittern, verkrampfter Muskulatur oder lautem Sprechen begleitet.

Dauer und Intensität: Wut ist oft eine unmittelbare, explosive Reaktion, die schnell entsteht und schneller wieder abklingen kann.

Kontrolle und Ausdruck: Wut ist ein aus einer als gefährlich empfundenen Situation entstehendes und spontanes Gefühl. Es wird häufig als weniger kontrollierbar als Zorn empfunden und dadurch kommt es mitunter zu sehr impulsiven und manchmal destruktiven Verhaltensweisen.

Zorn

Definition: Zorn wird als eine intensivere, tiefergehende Emotion beschrieben. Zorn kann als eine starke, oft kontrollierte Missbilligung gegenüber etwas oder jemandem empfunden werden. Er ist oft das Ergebnis von anhaltenden oder wiederholten Verletzungen oder Ungerechtigkeiten.

Dauer und Intensität: Zorn tendiert dazu, sich über einen längeren Zeitraum aufzubauen. Dadurch hält er meist auch länger an.

Kontrolle und Ausdruck: Personen, die Zorn empfinden, sind sich ihrer Gefühle oft bewusster und neigen dazu, ihre Reaktionen bewusster zu steuern oder zu planen. Zorn kann sich in entschlossenen Handlungen oder langfristigen Strategien zur Bewältigung der zugrunde liegenden Probleme äußern.

Darum haben viele Menschen Angst vor ihrer Wut

  • Gesellschaftliche Stigmatisierung: In vielen Kulturen wird Wut als negative Emotion betrachtet, die unterdrückt werden sollte. Die Angst vor der eigenen Wut kann daher auch aus der Sorge entstehen, sozial unakzeptabel oder abgelehnt zu werden.
  • Persönliche Erfahrungen: Individuen, die in ihrer Vergangenheit negative Erfahrungen mit Wut gemacht haben (sei es durch eigene unkontrollierte Ausbrüche oder durch die Wut anderer), neigen dazu, diese Emotion zu fürchten, um nicht ähnliche Situationen zu erleben.
  • Kontrollverlust: Wut wird oft mit einem Verlust der Selbstkontrolle assoziiert. Viele Menschen fürchten, dass sie, wenn sie ihrer Wut freien Lauf lassen, Dinge sagen oder tun könnten, die sie später bereuen.

Wut - Zitat von Chimamanda Ngozi Adichie:

Zusammenhang zwischen Wut und Hilflosigkeit

Wut wird verstanden als eine Reaktion auf Bedrohung oder Frustration. Das heißt, sie entsteht, wenn Menschen sich in einer Situation der Machtlosigkeit oder Hilflosigkeit befinden. Wenn Individuen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse ignoriert werden, sie keine Kontrolle über eine Situation haben oder akut Gefahr droht, kann Wut eine natürliche Reaktion sein. In diesen Momenten wird Wut zu einem Verteidigungsmechanismus. Gemeint ist die Verteidigung gegenüber Gefühlen der Hilflosigkeit. Damit gehört die Wut zu den vier universellen Stress- und Traumareaktionen: Kampf, Flucht, Erstarren oder Unterwerfung. Wer wütend ist, flüchtet, erstarrt nicht und unterwirft sich nicht. Wer wütend ist, kämpft.

Exkurs: Frauen und Wut

Die Tendenz, dass Frauen im deutschen Kulturkreis – wie auch in vielen anderen Kulturen – ihre Wut unterdrücken, lässt sich durch eine Kombination aus sozialen, kulturellen und historischen Faktoren erklären. Diese Faktoren beeinflussen, wie Emotionen ausgedrückt und wahrgenommen werden, und tragen zu unterschiedlichen Erwartungen an das Verhalten von Männern und Frauen bei. Hier sind einige Gründe, die speziell diesen Aspekt betreffen:

Soziale und kulturelle Normen

Geschlechtsspezifische Erwartungen: Frauen werden oft dazu erzogen, freundlich, fürsorglich und nachgiebig zu sein. Wut als Ausdruck von Konfrontation oder Aggression passt nicht zu dem traditionellen Bild von Weiblichkeit, das in vielen Kulturen gefördert wird.

Furcht vor Stigmatisierung: Frauen, die offen Wut oder Frustration zeigen, werden häufig negativ als „hysterisch“, „überemotional“ oder „schwierig“ etikettiert. Diese Stigmatisierung kann dazu führen, dass Frauen ihre Wut unterdrücken, um nicht abgelehnt oder kritisiert zu werden.

Rollenerwartungen und Erziehung

Erziehungsstile: Mädchen wird von klein auf oft beigebracht, Konflikte auf nicht konfrontative Weise zu lösen. Dies kann dazu führen, dass Frauen lernen, ihre Wut zu internalisieren und gegen sich selbst richten, anstatt sie direkt auszudrücken.

Konfliktvermeidung: Frauen wird häufiger beigebracht, Harmonie zu bewahren und Konflikte zu vermeiden. Die direkte Konfrontation durch das Ausdrücken von Wut wird oft als unangemessen oder unweiblich angesehen.

Wut - Zitat von Malala Yousafzai: "Ich werde meine Vergangenheit nicht vergessen, ich werde mich einfach nicht von meiner Vergangenheit im Stich lassen. Ich werde meine Wut und meinen Schmerz in Kraft verwandeln."

Arbeitswelt und professionelle Umgebung

Doppelstandards in der Arbeitswelt: Im beruflichen Umfeld kann das offene Ausdrücken von Wut oder Frustration durch Frauen als unprofessionell wahrgenommen werden, während Männer, die dasselbe tun, häufig als durchsetzungsfähig oder führungsstark gelten.

Karrierefolgen: Frauen können befürchten, dass das Zeigen von Wut ihre Karrierechancen beeinträchtigt, da dies gegen die Erwartungen an ihr Verhalten verstößt.

Psychologische Faktoren

Internalisierung von Emotionen: Die Tendenz, Emotionen zu internalisieren statt zu externalisieren, ist bei vielen Frauen stärker ausgeprägt. Dies kann zu einer höheren Rate von emotional bedingten Problemen wie Depressionen oder Angststörungen führen.

Historische Perspektiven

Die Rolle der Frau in der Gesellschaft hat sich zwar im Laufe der Zeit erheblich gewandelt, doch historisch bedingte Rollenbilder und Erwartungen wirken noch immer nach. Lange Zeit wurden Frauen öffentliche Stimmen und politische Rechte verwehrt, was dazu beitrug, dass der Ausdruck von Meinungen und Emotionen, einschließlich Wut, eingeschränkt war.

Wie du die Energie von Wut nutzen kannst

Anstatt Wut in destruktiver Weise auszudrücken, brüllen, blind um dich schlagen, Geschirr an die Wand werfen, kannst du sie als Motivation nutzen. Zum Beispiel, um Probleme offen anzusprechen und konstruktiv zu kommunizieren. Das Erlernen von Techniken zur effektiven Kommunikation kann dir dabei helfen, die Ursachen der Wut anzugehen. Dabei hilft dir das Verständnis für die Ursachen deiner Wut und die Annahme von Wut als Teil der menschlichen Erfahrung. Beides sind wesentliche Schritte zur Bewältigung dieser Emotion. Hier zeige ich dir einige spezifische Aspekte und Techniken, die dich dabei unterstützen können:

Erkennen und Akzeptanz

Emotionale Bewusstheit: Der erste Schritt besteht darin, ein tieferes Bewusstsein für deine Emotionen zu entwickeln. Dies beinhaltet, zu lernen, die Anzeichen von Wut frühzeitig zu erkennen, wie etwa erhöhte Herzfrequenz, Anspannung oder bestimmte Gedankenmuster.

Akzeptanz: Anstatt deine Wut zu unterdrücken oder dich dafür zu schämen, ist es wichtig, diese Emotion als eine gültige Reaktion auf bestimmte Situationen anzuerkennen. Akzeptanz bedeutet nicht, dass du allen Impulsen nachgeben solltest, sondern vielmehr, die Emotion ohne Selbstkritik anzuerkennen.

Verstehen der Ursachen

Reflexion: Nachdem du die Wut erkannt hast, ist es hilfreich, über ihre Ursachen nachzudenken. Was hat die Wut ausgelöst? Liegt es an einer spezifischen Situation, an unerfüllten Bedürfnissen oder vielleicht an tiefer liegenden Problemen?

Mustererkennung: Oft folgt Wut bestimmten Mustern. Durch das Erkennen dieser Muster verstehst du besser, warum du in bestimmten Situationen wütend wirst und wie du in Zukunft proaktiv handeln kannst.

Wut-Ausdruck auf gesunde Weise

Kommunikation: Lerne, Wut in einer Weise auszudrücken, die konstruktiv ist und nicht verletzend. Dies kann durch „Ich-Botschaften“ geschehen, die deine Gefühle und Bedürfnisse vermitteln, ohne andere anzuklagen.

Problemorientierte Strategien: Statt dich auf die Emotion selbst zu konzentrieren, entwickle lieber Strategien, um das zugrunde liegende Problem anzugehen. Dies kann Verhandlung, das Setzen von Grenzen oder das Suchen nach Kompromissen umfassen.

Wut - Zitat von bell hooks: "Die Funktion unserer Kunst ist es, uns zu heilen, zu enthüllen, zu transformieren. Sie sollte uns nicht in unseren Verzweiflungszuständen stecken lassen. Und Wut ist ein Verzweiflungszustand."

Umgang mit der physischen Komponente

Entspannungstechniken: Techniken wie tiefe Atmung, progressive Muskelentspannung oder Meditation können dir dabei helfen, die körperlichen Symptome von Wut zu reduzieren.

Physische Umleitung: Die Energie von Wut kannst du durch körperliche Aktivität, wie Laufen, Schwimmen oder Yoga, umleiten. Diese Aktivitäten helfen dir dabei, Spannung abzubauen und einen klareren Kopf zu bekommen.

Langfristige Strategien

Selbstfürsorge: Regelmäßige Praxis der Selbstfürsorge kann dein allgemeines Wohlbefinden verbessern und deine Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress erhöhen, was wiederum hilft, besser mit Wut umzugehen.

Professionelle Unterstützung: Bei anhaltenden Schwierigkeiten im Umgang mit Wut kann therapeutische oder psychologische Unterstützung wertvoll sein. Dort lernst du individuelle Strategien und Techniken, um effektiver mit deiner Wut umzugehen.

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Fazit

Aus meiner Sicht ist es wichtig, eine gesunde Beziehung zur Emotion Wut zu entwickeln. Eine Beziehung, in der diese Emotion weder unterdrückt noch in einer Weise ausgedrückt wird, die schädlich für einen selbst oder andere ist. Durch das Verständnis, dass Wut eine normale und durchaus nützliche Emotion sein kann, können wir lernen, sie als Signal für Veränderung oder Selbstfürsorge zu nutzen und sie auf eine Weise zu kanalisieren, die persönliches Wachstum und positive Veränderungen fördert.

Für mich war das Schreiben dieses Beitrags spannend, da ich wieder einmal etwas dabei gelernt habe: Meine erste Reaktion auf die Berichte über die Übergriffe gegenüber unserer 17-jährigen WG-Bewohnerin in der Straßenbahn war glühende Wut. Diese traf allerdings auf einen seit meiner Jugend schwelenden Zorn über die Ungerechtigkeit aufgrund von Männergewalt und kulturnormierte Achtlosigkeit von Männern gegenüber Frauen. Das Dahinterliegende ist definitiv Hilflosigkeit und bei Hilflosigkeit ist das Wichtigste, wieder in die eigene Energie zu kommen. Das hat mir das Schreiben meines Fluchs definitiv gebracht.

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, inneren Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
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