Mein Weg aus dem Trauma – Zu Hause in mir


Mich emotional zu Hause in mir zu fühlen, ist ein starker Indikator für innere Stabilität und Geborgenheit. Es ist ein Bewusstsein, dass ich, trotz aller Unebenheiten und Kurven auf dem Weg des Lebens, ich immer bei mir selbst landen kann – sicher und zufrieden mit meinem Dasein.

Doch das war nicht immer so. Lange fühlte ich mich wie ein Alien auf dieser Welt. Fremden Wesen ausgesetzt und obwohl ich gestaltwandlerische Fähigkeiten hatte, mich also in Aussehen, Sprache und Gebaren und dem auf diesem Planeten üblichen Verhalten so weit anpasste, dass ich im Außen als weiblicher Mensch durchging, fühlte ich mich fremd. Fremd in dieser Welt, fremd in mir, nirgendwohin gehörend. Nackt und unbehaust stolperte ich mehr durchs Leben. Orientierungslos und unsicher. Voller Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Ich akzeptierte, dass ich einsam bin. Eine ET, die ständig nach Hause telefoniert, doch niemand antwortet.

Lange Zeit war ich zu Hause in der Sehnsucht nach einem Zuhause in mir

Doch im Laufe der Zeit begegneten mir immer mehr Menschen, Frauen, deren Sprache einen ähnlichen Klang hatte. Suchende auf dem Weg nach einem Zuhause. Wir erkannten einander, an verstörten oder trotzigen Blicken, an den Mauern, die wir mit uns herumtrugen und an dem Geruch der Sehnsucht, der uns umgab. Einige von uns präsentierten sich der Welt grell überschminkt, andere zeigten von sich nicht viel mehr als einen Schatten. An der Art, wie wir uns bewegten, uns der Welt präsentierten, erkannten wir jeweils den Versuch dazuzugehören, auch wenn keine so recht wusste, was es ist, dieses Dazugehören und wozu wir eigentlich gehören wollten, jede für sich.

Jedes Schiff hätte ich damals bestiegen, wenn mir die Reise geholfen hätte, anzukommen. Wenn das Schiff mich dahin gebracht hätte, wo meine Sehnsucht endet. Zu Hause.

Durch die Begegnung mit den anderen Frauen wusste ich, dass ich nicht das einzige Alien auf diesem Planeten bin, dass es viele von uns gibt. Viele, die sich fremd fühlen in der Welt, mit nichts und niemandem verbunden. Das glaubte ich, bis zu dem Tag, an dem wir begannen miteinander zu sprechen. Wir hörten einfach auf, uns nur zu beobachten. Wir sprachen miteinander. Und je länger wir miteinander sprachen, desto deutlicher wurde: Wir sind keine Aliens. Wir sind Menschen, so wie alle anderen um uns herum auch. Doch wir sind dennoch anders, weil wir in jungen Jahren beraubt wurden. Uns wurde die Integrität genommen, die Sicherheit, das Vertrauen. An das Gefühl von Geborgenheit erinnerten sich die meisten von uns nur noch vage. Doch an eines erinnerten wir uns alle.

Ursachen der Entfremdung

Wir waren Frauen und wir waren als Mädchen den Blicken, den Sprüchen, der körperlichen und psychischen Gewalt ausgeliefert. Ausgeliefert an Männer, die uns schützen sollten: Väter, Brüder, Opas, Onkel, Cousins, Freunde der Familie. Diese Männer sorgten mit ihrem Verhalten dafür, dass wir uns ungeschützt, ohnmächtig, ausgeliefert fühlten. Die Frauen in den Familien schauten weg, wollten nicht sehen, konnten nicht sehen.  Indem wir einander unsere Geschichten erzählten, verstanden wir: Sexuelle Übergriffe, emotionale Vernachlässigung und Gewalt in jeglicher Ausprägung war die Ursache dafür, dass wir uns von uns selbst abgeschnitten fühlten. Diese traumatischen Erfahrungen erzeugten negative Selbstbilder und hinterließen einen lang anhaltenden Effekt auf die Selbstwahrnehmung.

Wir verstanden, dass jegliche Formen von Grenzüberschreitungen dazu führen, dass Menschen sich von sich selbst entfremden. Ob es sich nun um Verletzungen der Privatsphäre, emotionale Missachtung oder physische Invasionen handelt, sie lassen die betroffene Person daran zweifeln, wer sie ist und verändern ihre Beziehung zu ihrer eigenen Identität drastisch.

Aufwachen aus einem Albtraum

Wir, das war Anfang der 90-er Jahre eine Gruppe von Frauen, die sich zusammenfand, um den ersten Verein gegen sexuellen Missbrauch in Leipzig zu gründen, den AVALON e.V. Die Dimension des Geschehens in unserer Kindheit und Jugend, begriffen wir erst durch die Erzählungen unserer Geschichten. Soweit wir überhaupt Worte dafür fanden. Doch mit den Worten kam etwas zurück, was zumindest für mich tief in mir verborgen war: die Emotionen. Es brach der Schmerz hervor, die Trauer, aber auch die Wut. Wir allesamt waren beraubt worden, auf ganz unterschiedliche, in der Dimension aber doch ähnliche Weise. Beraubt um etwas, was uns niemand wiedergeben konnte: die Lebendigkeit, die Verbundenheit, das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.

Durch die Gespräche wurde viel berührt, aufgewühlt und hochgespült, mit dem jede von uns einen Umgang für sich selbst finden musste. Die Gruppe löste sich nach dem Suizid von Angela, lieb gewordener Freundin und Mitkämpferin, nach 2 oder 3 Jahren wieder auf. Einzelne Frauen aus der Gruppe sind mir bis heute wichtige Wegbegleiter:innen und eine tiefe Freundschaft ist daraus entstanden, die bis heute trägt.

Zu Hause in mir: die Rückkehr

Nach diesem Anfang der Aufarbeitung meiner Geschichte begann eine lange Odyssee durch Therapien, Beziehungen und Überwindung von Herausforderungen. Ich lernte meine Triggerpunkte und meine Gefühle zu erkennen, sie anzunehmen und mich von ihnen nicht mehr überwältigen zu lassen, ich lernte Selbstregulation. Es ging Schritt für Schritt vorwärts und es gab immer wieder Rückschläge. Mit Rückschlägen meine ich dieses Hineinfallen in alte unangenehme Gefühle von Fremdheit und Entwurzelung. Doch mit jedem Aufraffen und jedem noch einmal Losgehen lernte ich und überwand die Grenzen und Mauern, die ich zu meinem eigenen Schutz gebaut hatte. Heute sind diese Prozesse, die damals Monate oder Wochen dauerten, eine Sache von Stunden. Ich weiß, wenn ich mich abgeschnitten und von mir getrennt fühle, was ich in dem Moment brauche, wie ich mir selbst Sicherheit und Geborgenheit geben und wen ich darum bitten kann. Ich habe mir mein eigenes System aufgebaut, welches es mir ermöglicht, immer wieder zu mir nach Hause zu finden.

Ein Lagerfeuer, egal an welchem Ort, ist für mich der Inbegriff von warm und sich und verbunden. Am Feuer fühle ich mich zu Hause. Liegt vielleicht auch daran, dass ich im chinesischen Tierkreiszeichen ein Feuerpferd bin ;-).

Meine Methode – so kehre ich schnell wieder zu mir nach Hause zurück

An dieser Stelle teile ich mit dir die sieben Schritte, die mir helfen, wenn ich mich wieder einmal wie ein Alien fühle: nackt, einsam, unbehaust, verwundet, nirgendwo dazugehörend. Vorab gesagt: Diese Methode ist als begleitende Unterstützung gedacht, also für dich zu Hause, wenn du schon weißt, wie es sich anfühlt, dich für Momente geborgen und sicher zu fühlen! Wenn du noch ganz am Anfang deines Heilungsprozesses stehst, hol dir bitte professionelle Unterstützung.

Wahrnehmen:

Sobald ich in irgendeiner Weise ein Unbehagen empfinde, halte ich inne und spüre dem nach. Wo im Körper fühle ich mich unbehaglich? Was geht mir gerade durch den Kopf, beschäftigt mich? Wie fühle ich mich an dem Ort, an dem ich gerade bin? Wie fühle ich mich mit den Menschen, die mich gerade umgeben? Als würde ich es durch eine Lupe betrachten, nehme ich alles in mir, an mir, um mich herum in Augenschein. Meist identifiziere ich auf diese Art die Quelle des Unbehagens.

Akzeptieren:

Ich beobachte, was ist, wie ich mich fühle, was mich verwirrt, verunsichert, stört. Nehme wahr und nehme es an. „Ah, so ist es. Das ist es. So bin ich heute.“ Alle bewertenden Gedanken, die sich zeigen, nehme ich ebenfalls wahr, gebe ihnen aber keine Bedeutung. Stell dir vor, du legst alles, was sich zeigt vor dir auf einen Tisch, nebeneinander. Dort landen auch die Gedanken, die bewerten wollen. Am Ende machst du von allem, was du eingesammelt hast, ein Foto und dokumentierst damit, wie und womit du genau jetzt, in diesem Moment ausgestattet bist.

Erschaffen:

Das, was da ist, liegt jetzt auf dem Tisch. Es ist ohnehin da und keiner wird kommen, um dir etwas davon wegzunehmen. Deshalb kannst du es jetzt für einen Moment liegen lassen und etwas erschaffen. Das ist der Moment, in dem du etwas tust, was dir guttut. Egal, ob du jetzt kreativ wirst, dich sportlich betätigst, kochst oder bäckst, nähst, strickst, häkelst oder dich deinen Lieblingspflanzen im Garten widmest, jetzt ist der Moment, indem du dich freundlich und wohlwollend mit etwas beschäftigst, was deine Sinne und Emotionen beruhigt. Du erschaffst dir mit dieser aktiven Pause vom „Problem“ die innere Distanz und Stärke, die du für die folgenden Schritte benötigst.

Reflektieren:

Jetzt ist der Moment gekommen, das eingesammelte „Material“ ein wenig genauer zu betrachten. Wichtig: immer dann, wenn negativ bewertende Gedanken kommen, geh noch einmal die Schritte 1 bis 3: also nimm sie wahr, akzeptiere sie und erschaffe. Dann erst machst du weiter mit Schritt 4. Reflektieren kannst du auf ganz unterschiedliche Art und Weise – aufschreiben, aufsprechen, mit einer Freundin sprechen. Wichtig dabei ist, dass du versuchst herauszufinden, was von den eingesammelten „Fakten“ welche Emotion in dir auslöst. Du stellst Zusammenhänge her, gehst aber noch nicht tief in das Gefühl hinein.

Ankern: 

Setze oder lege dich bequem hin. Lass deine Augen langsam durch den Raum schweifen. Nimm wahr, was du siehst. Welche Farben, Gegenstände. Für mich ist es hilfreich, dies laut zu sagen: Ich sehe an der Wand über dem Tisch ein Bild von einem Strand. Der Strand ist verlassen, aber es scheint stürmisch zu sein, denn die Wellen tragen Schaumkronen. Links unterhalb des Bildes steht eine Bodenvase … Das laut sagen, macht es für mich noch realer, weil es zwei meiner Sinne anspricht. Spüre, wie du liegst oder sitzt, liegt der Arm neben oder auf deinem Körper, ist es warm an der Stelle, wo dein Po auf dem Stuhl sitzt? Mit dieser Übung kommst du ganz im Augenblick an, in deiner aktuellen Lebensrealität: Du liegst oder sitzt an Ort XY und bist umgeben von XY. Dort, wo du gerade bist, ist es warm, kalt, laut, still etc.

Zwiegespräch:

Jetzt erst ist der Moment gekommen, an dem du dich der Emotion, die du ganz am Anfang gespürt hast, zuwendest. Du weißt jetzt, was sie ausgelöst hat und du bist bereit, dich ihr zu stellen. Es ist eine Emotion und diese hat eine wichtige Funktion in deinem Leben: Sie zeigt dir, was in dir vorgeht und wie du auf das was ist reagierst. Wenn du jetzt bspw. Angst fühlst, dann lass die Angst da sein, sie tut dir nichts, außer, dass deine Gedanken über die Angst, dir Angst machen. Also die Angst ist da, du spürst sie, z.B. als Kloß im Hals. Sprich mit ihr (also mit dir, denn es ist ja dein Gefühl), so wie du mit einem Kind sprechen würdest, mit Liebe und Mitgefühl. Frage sie, was sie dir sagen will. Warum zeigt sie sich gerade jetzt? Hast du etwas übersehen oder bist du über ein Bedürfnis gegangen, welches in dir war?

Neuausrichtung:

Jetzt weißt du, warum sich das Gefühl gezeigt hat. Ich habe mir angewöhnt, mich gerade bei den von mir als negativ empfundenen Gefühlen (Angst, Wut, Trauer) zu bedanken, dafür, dass es sich gezeigt hat. Weil es mir den Weg weist, zu meinen Bedürfnissen. Zumindest bei mir zeigen die auftauchenden Emotionen auf Bedürfnisse. Häufig habe ich dann etwas, was ich benötige, um mich in mir sicher, geborgen und zu Hause zu fühlen übergangen. Habe ignoriert, dass mein Körper eine Pause braucht. Oder ich habe wieder einmal den Kontakt zu all meinen Lieben einschlafen lassen, mehrere Verabredungen abgesagt. Habe zu oft JA gesagt, obwohl ich gar keine Kraft mehr hatte, noch einen Auftrag anzunehmen. Jetzt weiß ich wieder, was ich brauche und tun muss, um mich in meinem Leben zu Hause und wohlzufühlen.

Warum falle ich immer wieder mal in alte Muster zurück?

Beispiele gibt es viele, wie ich mich selbst immer wieder in die Situation bringe, mich nicht mehr zu Hause zu fühlen. Mein schlauer Kopf hat mich dann zwar gewarnt, aber ich habe ihn ignoriert. So hat meine Psyche die Emotionen aktiviert und die haben mich zurück gebeamt in einen Zustand, indem ich nicht mehr sein will, indem ich mich so fühle, wie es gar nicht mehr meiner Lebensrealität entspricht. Dieses „alte und schmerzhaft vertraute Gefühl“ zeigt sich immer dann, wenn ich denke, alles ist gut und ich brauche nicht mehr immer auf mich zu achten. Doch das ist ein Trugschluss, wie mir diese „Rückfälle“ zeigen. Und weil ich das weiß, lehne ich mich nicht mehr dagegen auf. Ich weiß ja, wofür es gut ist. Für mein Wohlbefinden und meine Freude am Hiersein.

Noch vor ein paar Jahren habe ich es gehasst, mich lachend auf Fotos zu zeigen. Ich dachte, wenn ich mich so voller Freude zeige, mache ich mich angreifbar. Heute weiß ich, dass mein Lachen eine meiner Stärken ist: Ich bin innerlich frei mich so zu zeigen, wie ich mich fühle.

Fazit

Für mich war all das eine lange Reise zur Selbstfindung, Selbstakzeptanz und Selbstliebe, denn das sind aus meiner Sicht die unentbehrlichen Komponenten für ein erfülltes Leben. Deshalb war diese Reise mit dem Ziel, ein Zuhause in mir selbst zu finden, nichts weniger als eine heroische Reise, eine Odyssee. Eine Reise, auf der ich nicht nur mein eigenes Fundament entdecken, sondern auch meine Identität, meine Fähigkeiten und meine innere Stärke kennenlernen und befreien durfte. Eine Reise, die mitunter beschwerlich, von Umwegen, Unwettern und Verlockungen wie trügerischen Sirenengesängen geprägt war, sich dennoch gelohnt hat, weil sie mich zu mir zurückgebracht hat und weil ich auf dieser Reise gelernt habe, mein Leben und mich zu lieben. Diese Reise geht immer weiter, Ergebnis offen, aber ganz sicher eine Bereicherung für die Menschen, die mit mir sind und für mich.

Falls du dich noch nicht bereit fühlst, diesen Weg allein zu gehen und dir Unterstützung wünschst, buche dir gern ein Kennenlerngespräch mit mir und wir schauen, ob wir füreinander die passenden Weggefährten für deine Reise sind.

In Verbundenheit

Die Idee zu diesem Artikel kam mir beim Lesen eines Blogartikels zum Thema Vertrauen. In ihrem Artikel „Vertrauen können“ schreibt Eva Strübing über ihre Wege nach Hause und warum Vertrauen dabei eine so große Rolle spielt. Danke Eva für deinen Artikel, der mich motiviert hat, diesen hier zu schreiben.

3 Kommentare

  1. - 23. September 2023 um 20:27 Uhr

    […] folgte diesem Weg und nahm sowohl das Trauma mit all seinen Wirkungen als auch die Trennung als gegeben an. Dadurch brachte mir dieser Prozess […]

  2. Carolin Weise 13. August 2023 um 17:58 Uhr

    Liebe Sylvia,
    du beschreibst deine (lange) Reise hier sehr anschaulich und mitreißend. Die 7 Tipps sind super, auch für nicht durch solch infame Ereignisse Traumatisierte. Vielen Dank für deine Offenheit!
    Herzliche Grüße
    Carolin

  3. Gesa Pankonin 9. August 2023 um 07:43 Uhr

    Großartig geschrieben, hilfreich als Wegekarte – step by step – und eine ‚sichtbare‘ Therapeutin zur Begleitung durch die eigene Verlorenheit um zu erfahren und zu lernen, sich selbst wieder zu bergen. Schwesterliche Grüße aus Avalon!

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, inneren Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
Für ein erfülltes Leben in Verbundenheit.

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