Alltagsprosa von mir

2016

Ein etwa 4-jähriges Mädchen steht vor dem Haupteingang der Thomaskirche, die Mutter sitzt gegenüber auf dem Freisitz vor dem Bachstübl. Die Kleine rüttelt heftig an der Tür und ruft: „Mama, die geht nicht auf.“
Die Mutter winkt dem Mädchen zu und ruft laut über den Platz: „Komm wieder her. Gott schläft schon.“

2012

Gebrauchte Worte

Ich ließ den Blick schweifen. Überall in seinem Zimmer liegen merkwürdige Tüten herum. Papiertüten, beschriftet. Solche Tüten gibt es in Amerika, meist ist dann Alkohol drin. Er sitzt mir gegenüber, der Unbekannte. Redet. Was er sagt, klingt gut, authentisch, sehr nah. In seinen Tüten ist kein Alkohol. Ich nehme eine Tüte, öffne sie. In der Tüte sind Texte. Alles, was er mir erzählt, steht auf den Blättern in meiner Hand.
Ein gemeinsamer Freund betritt den Raum. Er hat ebensolche Tüten in der Hand. Der Unbekannte nimmt sie ihm aus der Hand, setzt sich in den Sessel und lernt die neuen Texte auswendig. Zwischendrin lächelt er mich an. Ich frage den gemeinsamen Freund, warum der Unbekannte die Texte auswendig lernt. Er antwortet: „Er ist stumm. Nicht, dass er nicht sprechen kann, aber er findet keine eigenen Worte. Ich suche ihm die Sätze aus, aber ich weiß nicht, ob er ihre Bedeutung versteht. Über die Sätze kann er Anteil haben und ist vielleicht nicht so einsam.“

2009

Verlust

Die Puppe. Wo konnte sie sein? Warum kam sie ihr nur plötzlich in den Sinn? Die Puppe. Handarbeit. Von ihrer Mutter genäht, zu ihrem ersten Geburtstag. Weil die Mutter kein Geld hatte, aber noch Stoff übrig vom Hochzeitskleid. Die Hochzeit der Mutter mit dem Vater. Die Mutter in Pink, der Vater in Schwarz, das weiß sie, von dem Foto. Da tragen beide die Hochzeitstafel. 20 Stück rohes Fleisch vor den pinkschwarzen Körpern, Fleisch für den Grill. Hochzeitsgäste haben eben auch Hunger. Als die Mutter die Puppe nähte, da war die Hochzeit schon ein Jahr vorbei, die Scheidung zwei Monate. Schwarze Puppe mit pinkfarbenem Hosenanzug, gelben Tredlocks. Das waren bestimmt Wollreste aus der Fadenkiste. Der schlapprige Puppenbauch mit Watte gefüllt. Watte hält die Form nicht viele Jahre.
Ganz platt war die Puppe, vom Knuddeln und Küssen und Kindertränen. Hat sie oft getröstet, wenn sie mal wieder nicht durfte, was sie wollte. Da konnte die Mutter auch stur sein.
Sah nicht mehr schön aus, die Puppe, erinnerte peinlich an die vergangene Armut. Lag lange in der Ecke hinter dem Bett. Jetzt ist sie weg. Weg, wie die Mutter.

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, inneren Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
Für ein erfülltes Leben in Verbundenheit.

Quietschfidel Wolken schaufeln
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