Reise nach Lesbos

Tag 1 – von Leipzig nach Berlin

04.05.2014

Gestern Abend 17 Uhr begann unser zweiter gemeinsamer Urlaub. Ziel in diesem Jahr ist Griechenland, die Insel Lesbos.
Inas Berliner Bruder Karsten und seine Frau Kerstin stellten uns freundlicherweise ihre Gästezimmer zur Verfügung, damit wir am Montagmorgen etwas länger schlafen konnten. Die beiden Söhne (12 und 18) unserer Gastgeber ließen die Fragen der beiden Tanten nach Schule, Hobbys und Zukunftsideen über sich ergehen – was hatten sie auch für eine Chance – wir saßen gemeinsam beim Abendessen und die beiden hatten Hunger. Gesättigt verkrümelten sie sich schnell in ihre Zimmer. Für uns gab es vor dem Schlafengehen lecker Whisky und ein wenig Fachsimpelei über eine Grafikmappe. Danke für Essen, Bett und den angenehmen Abend.

Tag 2 – von Berlin nach Athen

05.05.2014

3.40 Uhr vom Gesang der Amsel geweckt – eine von uns nennt es zu dieser Tageszeit Gebrüll, begannen wir den Tag mit Katzenwäsche, schnellem Kaffee und Frost von der Frontscheibe kratzen. Zum Fliegen mit Easyjet muss ich ja nix sagen, alles wie gehabt souverän und unfreundlich (also einige Mitarbeiter).
Schon beim Anflug auf Athen war ich froh, dass wir in dieser Betonwüste nur ein paar Stunden verbringen, trotz (erstmal) herrlichstem Sonnenschein und 23 Grad…
Athen ist ein Moloch, wir haben mit dem Bus vom Flughafen bis zum Fährhafen Piräus 1,5 Stunden gebraucht und hatten zwei gräuliche deutsche Frauen an der Seite, die sich lautstark darüber freuten, dass die Straßen so sauber und die Häuser so neu sind, was ja auch kein Wunder sei, bei dem vielen deutschen Geld… Ich war genervt, ganz kurz und konnte mir den Kommentar nicht verkneifen, dass die Griechen den Deutschen schließlich nach dem Krieg ebenfalls die Entschuldung ermöglicht haben…
Am Hafen Tickets holen, Gepäck abgeben bei einem jungen Mann im Internetcafé, der sich auf sehr freundliche aber entschiedene Weise über unsere Versuche englisch zu kommunizieren schlapp lachte. U-Bahn suchen und mit Hilfe eines MP bewaffneten Soldaten finden – das war Inas Idee, sie wollte unbedingt einen ansprechen :-).
Was tun, wenn 7 Stunden Zeit in Athen? Greek-Coffee und Tauben ärgern, räudige Katzen und Hunde bedauern, die allesamt diesen Nimm-Mich-Mit-Blick draufhaben. Müssen wir hart bleiben, was schwer ist, weil die Tiere laufen uns hinterher und Ina gibt ihnen Namen. Schick du doch mal eine Gina weg…
Jedenfalls sind wir die komplette Tourimeile abgelaufen, inklusive uralte Göttersteine glotzen… Ein sehr erhebendes Gefühl.
Der Himmel dunkelte und während eines kurzen aber heftigen Regengusses gab es den ersten kleinen Ouzo. Ich fürchte, diesem folgen noch Diverse, schließlich wurde das Zeug auf Lesbos erfunden oder wenigstens stammen die besten Ouzo von dort und es gibt 30 verschiedene Marken :-)…
Gegen 19.30 Uhr fanden wir im Hafen von Piräus unsere Fähre, bezogen unsere Sparsessel – dank Ina, die sich auch in diesem Urlaub wieder als Top-Reiseorganisatorin erweist – mit super Fensterblick. Jedenfalls weiß ich nicht, wie Ina das macht, sie kann in jeder Reiseposition schlafen, egal ob Flieger, Sessel oder Bus. Ich trank die gesamten Kaffeevorräte der Schiffsbar weg und ließ mich durch die Nacht schaukeln.

Tag 3 – Ankunft in Anaxos

06.05.2014

Heute morgen gegen fünf saß ich frierend an Deck. Wasser glotzen und Inseln vorüberziehen lassen. Auf so langen Fährtouren kann sogar ich meditieren und jedesmal aufs Neue entsteht der Wunsch: irgendwann mal eine längere Schiffsreise… Träum… Eine Stunde vor Lesbos wachte Ina auf und stellte entsetzt fest, dass wir mit einem türkischen Netz verbunden waren. Wir dachten, das Land welches an uns vorüber zog, sei schon Lesbos, aber es war die Türkei. Eigentlich ist uns erst in diesem Moment bewusst geworden, dass wir uns für unsere erste Griechenlandreise die von Griechenland entfernteste Insel ausgesucht haben. (Inzwischen haben uns verschiedene Levosianer erklärt, dies sei auch die schönste aller griechischen Inseln :-)).
Ankunft gegen 8.00 in Mytilene
der ältesten Hafenstadt in dieser Mittelmeerregion (seit 3000 vor Chr. bekannt). Vollkommen übernächtigt erst einmal Busbahnhof gesucht, Tickets gekauft, Rücksäcke abgelegt und im bezaubernden Fischerhafen ein Frühstück gesucht und gefunden… Traumhaft, beim Frühstücken zwei alten Fischern beim Netze flicken und Boot putzen zugeschaut und den bezaubernden Herrn Stamos Stefanoy kennengelernt. Er sprach sehr gut deutsch – hat in Deutschland Bauingenieur studiert und seine Kinder und Enkel leben in Paderborn. Sein Hobby war / ist Archäologie und seine Tochter ist Archäologin geworden. Er erzählte über die griechische Geschichte, empfahl uns die Lektüre des Historikers Thukydides zum Thema. Herr Stamos gab uns seine Telefonnummer und will uns seine Stadt zeigen. Unbedingt nehmen wir diese Einladung an.
Wir waren nach dem Gespräch ganz euphorisch, in diesen wenigen ersten Stunden begegneten uns so viele freundliche Menschen. Nach ca. 1,5 Stunden abenteuerlicher Busfahrt über sehr sehr schmale Straßen, Kreuzungen an denen nur gehupt wird, um die Fahrt zu erzwingen, kamen wir an der Tankstelle in Petra an. Daneben ein Supermarkt, erster Einkauf und dann die Frage an einen älteren Herren, wo wir denn ein Taxi finden. Er bedeutete uns zu warten (es ist krass, hier sprechen selbst die ganz alten Menschen Englisch – ich erröte kurz und quassel weiter drauf los). Er hatte gerade seinen Kumpel bestellt und sein Ziel war ebenfalls Anaxos in der Nähe von Mithymna (Molyvos). Der Taxifahrer kam, diskutierte nicht, sondern schnallte unsere Rucksäcke aufs Dach und plötzlich teilte der alte Herr mit uns sein Taxi. So etwas haben wir beide in Deutschland noch nicht erlebt.
Außer einem kurzen Spaziergang und ganz verliebt in die Insel sein, passierte heut nichts weiter, oder doch: der Taxifahrer erteilte uns griechisch Unterricht, Ina zauberte lecker Salat und jetzt gerade geht die Sonne unter 🙂

Tag 4 – Strandspaziergang nach Petra

07.05.2014

Heute war ein Tag der Stille. Kein Stress, keine Vorhaben, kein Müssen oder Wollen. Einfach nur sein. Ha, einfach nur sein… Vor lauter Nichts wurde die eigene Unruhe ganz laut. Still in der Sonne liegen schien fast unmöglich. Etwas krabbelte immer: Ameisen oder Käfer, Sonne oder Wind. Da wendeten und drehten sich zwei auf ihren Decken. lasen, machten die Augen zu, sprangen auf um da einen Kaffee zu kochen, dort einen Schluck Wasser zu trinken. Plötzlich musste das schmutzige Geschirr sofort abgewaschen werden, das duldeet keinen Aufschub.
Zurück auf der Decke den Vögeln zuhören, dem Wind lauschen. Treiben lassen in der Zeit. Den lauter werdenden Gedankenfluss von Sollte, Könnte, Will, Muss und Wollen stoppen. Mich selbst immer wieder daran erinnern: ich bin jetzt hier. Mehr nicht und das ist gut so. Trotzdem, war ich froh, als Ina die mich erlösende Frage stellte: „Wollen wir uns dann vielleicht doch mal bewegen?“
5 km Strandspaziergang nach Petra. Der Strand besteht hier zu weiten Strecken aus Steinen und einem nicht enden wollenden Teppich aus getrockneten Algen. Inas Lust barfuß zu laufen, konnte ich zum Glück damit ausbremsen, dass ich ihr herumliegende Seeigel zeigte. Abgebrochene Seeigelstacheln aus dem Fuß entfernen zu lassen ist äußerst schmerzhaft, daran kann Ina sich gut erinnern :-).
In Petra das Dorf erkundet. Kleine enge Gassen, ein Meer aus Farben: Dächer, Türen, Fensterrahmen und überall prächtige oder zarte Blüten, die sich selbst in der düstersten Ecke ihren Weg bahnen. Ein Fest für Augen und Nase.
Überall im Ort streuende Katzen und Hunde. Was auffällt, die Hunde sehen wesentlich besser aus, meint gesünder, als die Katzen. Wer stehenbleibt wird umschnurrt oder angebellt, auf jeden Fall aber mit bettelnden Augen angesehen. Oder ist das nur eine menschliche Zuschreibung?
Die 114 Stufen zur Felsenkirche sind wir hochgeklettert, aber das werden wir an einem anderen Tag in langen Hosen und Shirts wiederholen. Mit einem Schild wurden wir gebeten, die Tradition zu achten und nur mit bedeckter Haut einzutreten.
Auf der Kaimauer von Petra saßen wir ca. eine Stunden und hörten verzückt die Musik des Meeres: Brandungsrauschen und im Tanz klappernde Steine. Mit von der Party war ein sehr preiswerter, sehr milder und dadurch super leckerer Retzina.
Im übrigen sitzen auch wir gerade klappernd am Tisch: der erste Sonnenbrand sagt Hallo.
Quintessenz des Tages: Zur Ruhe kommen ist verdammt harte Arbeit.

Tag 4 – Nachtrag

07.05.2014

Gestern saßen wir auf den Sonnenuntergang wartend, bei einem Glas Wein auf der Terrasse, als sich Dietmar aus Berlin zu uns setzte. Auch er mit dem Wunsch nach Wein und Naturereignis. Es dauerte nicht lange, da waren wir in ein intensives Gespräch vertieft. Dietmar und seinem Freund Osman aus Izmir sind wir vorgestern schon begegnet und haben uns kurz über unsere Inselerlebnisse ausgetauscht. Faszinierend, mit welcher Offenheit sich Menschen auf dieser Insel begegnen. Die beiden sind seit 2 Jahren ein Paar und treffen sich einmal im Monat in Izmir, Berlin oder eben auf einer der griechischen Inseln. Spannend die Diskussion, die zwischen uns entstand. Drei unterschiedliche Meinungen prallten aufeinander: „So könnte ich nicht Beziehung leben“ und „Es ist anstrengend, manchmal traurig, hat aber auch Vorteile“ oder „Bis auf die mit den Reisen verbundenen Kosten, wäre das derzeit die für mich perfekte Beziehungsform“. Ein wunderbarer Abend mit schönen Menschen vor farbenfroher Kulisse.

Tag 5 – Molivos

08.05.2014

Heute morgen 8.30 Uhr aus dem Bett fallen. Im Urlaub auf den Bus angewiesen sein bedeutet Stress. Die Busse hier fahren nur sehr selten. Dafür ist Busfahren super preiswert: 0,80 € pP für 30 min Busfahrt. Unser Ziel ist die Donkey Farm in der Nähe von Mithymna, von den Einheimischen auch Molivos genannt. Der Fahrer setzt uns direkt an der Farm ab und drückt uns vor dem Aussteigen einen Zettel mit den Busfahrzeiten in die Hand. Bis auf Katzen und einen Esel zwischen Müllbergen eingepferchten Esel ist niemand da und beim traurigen Anblick des Tieres vergeht uns die Lust auf Eselreiten.
Wir wandern die Feldstraße hinauf nach Molivos und holen uns erst einmal die fehlende Ration Kaffee.
Molivos ist eine auf Fels gebaute Kleinstadt mit verträumten Gassen, viel Kopfsteinpflaster und wartet zu dieser Jahreszeit noch auf Touristen. Gekrönt wird die Stadt vom zweitältesten Castle der Insel Lesbos, aus der Zeit der Byzantiner. Alte Ruinen interessieren Ina nicht so sehr, also ging ich allein alte Steine gucken und fand mich plötzlich auf der Jagd nach Fotos. Gepanzerte Urviecher auf vier Beinen, mit endlos langen und gezackten Schwänzen spielten mit mir Verstecken. Meist haben sie gewonnen.
Nach so viel Kultur war dann endlich der Abstieg zum Hafen dran. Was auffällt, in diesem Teil von Lesbos gibt es, wenn überhaupt nur kleine Fischerboote. Segler habe ich bisher nur einen gesehen.
Romantisch am Kay von Molivos sitzend, beobachteten wir die Fische am Grund. So klares Wasser. Uns gegenüber ein Hafenrestaurant am anderen. Eine Gruppe Jugendlicher fütterte streunende Katzen mit Pommes. Lockten die Katzen immer näher an die Kaymauer. Die älteren Katzen zogen sich misstrauisch zurück. Zwei Jüngere waren mutiger, wagten sich an die Mauer heran. Ein schneller Tritt von einem Jungenfuß und die Katze landete schreiend im Wasser. Im selben Moment schrie Ina wüste Beschimpfungen in Richtung der Jungen. Die Jungen lachten. Die Gäste an den Nachbartischen standen gestikulierend auf, beobachteten ebenfalls lachend die Versuche der Katze an der Mauer hochzuklettern. Im vierten Anlauf gelang es. Alle setzten sich wieder auf ihre Plätze und die jungen Männer begannen das Spiel von vorn. Wir flüchteten und waren uns einig, dass die Griechen ein merkwürdiges Verhältnis zu den Tieren auf ihrer Insel haben. Vermutlich sagen sie das über unser Verhältnis zu Tieren auch.
Im Hafen von Molivosh in der Sonne sitzend, auf das Panorama der Berge von Lesvos blickend, einer alten Dame beim Zeichnen von Hafenansichten mit Buntstiften über die Schulter sehend, den Fischern vorm Auslaufen zusehen, wie sie ihre Boote klarieren und weißen Sangria trinkend, das alles ließ die Zeit stillstehen. So sehr, dass für Ina aus Möwen Adler oder Fliegevögel wurden.

Tag 6 – Golf von Kalloni

09.05.2014

Gestern haben wir unser Vorhaben wahr gemacht und uns mit Herrn Stefanoy Stamos verabredet. Mit Kaffee trinken am Hafen und Geschichten über die penepoleische Seeschlacht vor Mytilene begann der Tag. Weiter ging es im Auto über die Berge, vorbei an Olivenhainen zur Seestraße am Golf von Kalloni. Mit Bach und Vivaldi auf den Ohren, war das ein überwältigendes Erlebnis.
Zwischendrin gab es spannende Geschichten über die Vorfahren von Herrn Stamos (der im übrigen schon 77 Jahre alt ist) und viel Wissenswertes für Griechenlandneulinge. Zum Beispiel, dass „Skala“ der kleine Hafen ist, der zu einem Bergdorf gehört also Kalloni / Skala Kalloni, Eressos /Skala Eressos. Oder, dass Olivenbäume bis 1000 Jahre alt werden können. Herr Stamos sagt: „Du kannst ihn absägen und er kommt wieder.
Der Olivenbaum ist ein gesegneter Baum. Er hat immer Holz gegeben, sein Öl hat Licht gegeben und seine Frucht gibt Gesundheit.“
Nach einem imposanten griechischem Essen, mit Calamari und Oktopus ging es weiter zu den Heilquellen von Polichnitos. Dampfende und blühende Landschaft mit der alten Ruine eines Thermalbades.
Den Abschluss fand unsere kleine Rundreise in Ajassos – dem zweitältesten Pilgerort von Lesbos. Jedes Jahr am Abend vom 14. zum 15.8. pilgern die Lesbier dorthin, das ist ein großer Feiertag in Griechenland, es ist der Sterbetag der Madonna.
Alles in allem ein wunderschöner Tag, wenn, ja, wenn die große Enttäuschung am Abend nicht gewesen wäre. Die Zeichen wurden in der letzten Stunde des Miteinanders immer eindeutiger. Der alte Mann wünschte Sex. Ich weiß immer noch nicht, was bei uns beiden gerade überwiegt: die Empörung darüber, dass ein 77jähriger uns an die Wäsche wollte, oder die Enttäuschung, dass aus einer schönen und offenen Begegnung etwas derart Widerwärtiges und Kleinliches wird.
Im Verlauf des Tages sagte Herr Stamos: „Wenn du nie spielst, kannst du hundertprozentig nie gewinnen. “ Nun ja, gestern hat er definitiv verloren. Aber ich auch, für einen kurzen Moment das Vertrauen in die Möglichkeit unbefangener Begegnungen. Schade eigentlich.

Tag 7 – Begegnung mit den Turtles

10.05.2014

Heute war ein langer Autotag. Ina war die Heldin des Tages: Serpentinen ohne Ende und vor allem ohne Befestigung. Ich wäre vermutlich irgendwann heulend aus dem Auto ausgestiegen und hätte es einfach stehen gelassen. Laufen ist so viel sicherer und langsamer. ????
Viel Landschaft zog an uns vorüber, Ina erinnerte sie an Irland, mich an Schottland. Inklusive karge Berge und Schafe. Das kleine Plus oben auf: Esel.
Das Highlight des Tages war ein kleiner Tümpel. Auf Felsen sonnten sich Schildkröten. Aber wir waren zu laut oder bewegten uns zu schnell, jedenfalls flohen sie alle vor uns ins Wasser. Wie Raubtiere warteten wir gefühlt Stunden, bis sich die Tiere wieder auf die Felsen trauten.

Tag 8 – Umzug nach Skala Eressos

11.05.2014

Heute war ein Tag des Wartens. Warten, dass die Zeit vergeht. Vom Frühstück 9 Uhr bis zum frühen Nachmittag. Denn wir hatten ein Problem. Wir sind auf Lesbos und die Tourisaison hat noch nicht begonnen, ergo, es fahren Sonntags keine Busse. Konnten wir schließlich nicht ahnen, dass die Busfahrpläne im Internet aus dem Jahr 2006 stammen. Da fuhren die Busse Sonntags noch. Heißt, wir wären heute beinahe obdachlos geworden. Denn heute stand der Umzug an, von Anaxos nach Skala Eressos. Aber der albanische Barmann unserer Hill Village Bar hat sich erbarmt und uns seinen arbeitsfreien Sonntagnachmittag geopfert. Hat uns die ca. 70 km mit seinem Auto gefahren, für 50 €. Taxi hätte 80 gekostet… Nun sind wir hier, in Skala Eressos, dem Inselparadies für Lesben (ist sicher noch zu kalt hier, denn es sind nur wenige Touristinnen hier ????).
Während Mykonos die Insel der Schwulen ist, ist Lesbos die Insel der Lesben. Weil die einzig bekannte Lyrikerin der Antike, Sappho, in Mytilene geboren und in Skala Eressos gestorben ist. Angeblich hat sie sich hier von einem Felsen gestürzt. Keine Angst, machen wir nicht, wir glotzen nur Felsen an. Haben wir zumindest heute gemacht, während wir in einer Bar Prosecco tranken. Und viel mehr haben wir heute auch nicht gemacht: Haut in Sonne gebraten, gelesen, geschlafen, Umzug, Einkauf, Essen, Trinken, Landschaft gucken, Grillenkonzert gehört. Und jetzt: Gute Nacht!

Tag 9 – Sonne, Strand und nichts weiter

12.05.2014

Die nächsten Tage könnte es hier ein wenig ruhiger werden. Wir sind am Ende der Griechenwelt angekommen, Busse fahren nur 6 Uhr morgens, Taxi können wir uns nicht allzuoft leisten, der Strand ist höchstens 2 km lang und in den Hügeln lauern giftige Vipern… Also zumindest heute lagen wir faul am Strand. Lesend oder schlafend. Hin und wieder ein Strandspaziergang. Die Ausbeute an Muscheln ist mager, der Erholungseffekt hoch. Am kleinen Fischerhafen gab es Kunst zu sehen und auf der Hälfte des Berges hatte ich plötzlich große Angst vor den Schlangen. Die Vorstellung gebissen zu werden und ganz allein am Ende dieses Landes zu sterben und meine Überreste verrotten in der Hitze… Also bin ich ganz schnell wieder runtergeklettert und habe mich am Strand neben Ina von der Sonne braten lassen. Morgen müssen wir herausfinden, ob der Schulbus (8 Uhr) eine Möglichkeit ist, diesen Ort zu verlassen ????

Tag 10 – schon wieder Strand

13.05.2014

Heute habe ich mir unfreiwillig einen lange gehegten Wunsch erfüllt. Ich habe mich gelangweilt. Langeweile ist, wenn ich in Erwartung bin, dass etwas Großartiges passieren muss – schließlich bin ich in Griechenland – und es passiert einfach nichts Großartiges. Mangels (finanziellen) Mitteln (Taxi ist zu teuer, Busse fahren nicht), bleibt uns nur aus dem was ist Etwas zu machen. Am brütend heißen Strand liegen und Hörbuch hören. Von einer Seite auf die andere drehen, einschlafen, aufwachen und immer noch am Strand liegen. Vor lauter Unruhe und Hitze ins Wasser hopsen. Lesen geht nicht, zu unkonzentriert, also Wellen, Wind und Vögeln lauschen. Die Augen zusammen kneifen und das Flirren der Luft bewundern. So stelle ich mir das Licht der Wüste vor. Steine sammeln, noch mal im Wasser abkühlen. Irgendwann wurde auch ich ruhiger und konnte annehmen was ist: ein heißer Tag am Strand. Da kam mir plötzlich die Idee. Ich könnte mich ja in eines der vielen Cafés setzen und schreiben. Dieser Gedanke hat mich mit Skala Eressos versöhnt. Kein Abenteuerurlaub mehr, sondern Ruhe und Zeit zum Schreiben. Warum nur fällt mir das Naheliegende manchmal so spät ein? Vermutlich, weil ich mich erst einmal von meiner Erwartungshaltung in Bezug auf das Großartige verabschieden musste. Auch die Stille kann großartig sein. Nur eben anders.
Abends 2,5 Stunden Wanderung auf einem Feld-, Wald- und Wiesenweg. Meine Sinne sind bei der Vielfalt der Farben, Gerüche und Geräusche fast kollabiert. Viele mir unbekannte Pflanzen und Blüten, riesige rauschende Gräser neben Feldern voller berauschender Ginsterbüsche. Feigenbäumen deren viele viele Feigen leider zu grün zum verkosten sind. Vögel, die offensichtlich dazu neigen, vor der Nachtruhe noch einmal richtig Rabatz zu machen, Froschkonzerte und Hundegebell. Das Alles wurde vom Farbspiel des Sonnenuntergangs auf der rechten Seite meines Weges verzaubert, während der Aufstieg des Vollmondes auf der linken Seite die klärende Ruhe der Nacht ankündigte.

Tag 11 – Wanderung zum Stausee

14.05.2014

Heute Morgen wurde ich vom Sturm geweckt, der in mein Zimmer pfiff und die Stores fast von der Stange holte. Der Himmel war verhangen, der Wind unangenehm laut und kühl, es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Bücher weiterzulesen… Ein langer, wunderbarer Betttag also. Gegen 15 Uhr zeigte sich endlich die Sonne und bei diesem kurz zeigen blieb es heute auch. Diesen Moment der Motivation haben gebracht. Raus aus den Betten, anziehen, loswandern.
Es gibt von Skala Eressos aus zwei Wanderwege und einen davon haben wir geschafft. Menschen begegneten uns nicht, dafür aber Hunde, Katzen, Ziegen, Schafe, ein Salamander, ein quietschebunter Vogel und ein Schwein. Am Wegesrand standen Bambus, Olivenbäume, prallvolle Feigenbäume und jede Menge Pflanzen und Blüten, die wir nicht kennen. Am Stausee hatte ich kurz das Gefühl in Schottland zu sein, während Ina die grasgrün glitzernde Eidechse entdeckte. Nach 5 Stunden Laufen endlich wieder am Strand – bei Meterhohen Wellen und einem Wind, der schon ein wenig beängstigend ist. Lecker essen, mit Salat, Käse und Knoblauchbrot als Vorspeisen waren wir schon satt, als unsere Hauptgerichte kamen: Ina hatte breitgeklopftes, gegrilltes Huhn, ich hatte sehr leckeren, aber leider sehr grätigen Red Mullet. Die sieben Katzen um uns herum hat es gefreut.
Bei dem Sturm heute länger draußen sitzen ist unmöglich, also gehen wir jetzt ganz schnell in unsere Betten – weiterlesen.

Tag 12 & 13 – Sonne, Pflanzen, Wanderungen

15. + 16.05. 2014

Die letzten Tage waren ruhige Tage, soll heißen viel lesen, am Strand oder auf der Dachterrasse in der Sonne unsere Häute grillen, lecker Fisch essen und ab und an eine kleine (max. 2 stündige) Bergwanderung. Viele Wanderwege gibt es hier nicht, um genau zu sein, haben wir 3 entdeckt. Je einen Wanderweg zur Talsperre, zur Kirche auf dem Berg rechts von Skala Eressos und zur Ruine über dem kleinen Hafen. Wir wären ja wirklich gern noch weiter gewandert, aber mangels Wanderwegen in der Nähe und mangels Busverbindungen zu den weiter entfernten Wanderwegen mussten wir ganz faul sein.
Heute haben wir durch Zufall den kleinen See mit den Schildkröten entdeckt, von dem Inken vor Jahren erzählt hat, dass sie jeden Morgen dort war. Ich hätte das als See gar nicht wahrgenommen, ich dachte, es sei eine große Pfütze vom letzten Sturm. Die Bedienung in der Flamingo Bar erzählte uns davon. Leider erst gestern Nacht, sonst wäre ich jeden Tag dort gewesen. Im See leben sehr viele Schildkröten und mit ihnen große Fische, u.a. Aale. Hier habe ich zum ersten Mal gesehen, dass Aale an Schildkröten knabbern, was diese aber nicht zu stören scheint. Ich könnte stundenlang auf dieser Brücke (nahe dem Café De La Luz) stehen und dem Gewimmel im Wasser zuschauen. Und genau das werden wir jetzt gleich noch einmal machen. ????

Tag 14 – Sappho-Spring-Festival

17.05. 2014

Das Ende unseres Urlaubs naht und damit mussten wir eine Entscheidung treffen. Abreise am Samstag mit dem Bus 6.15 Uhr und in Mytilene noch ein Hotel suchen oder am Sonntag mit Taxi – kostet von Skala Eressos nach Mytilene ca. 100 € oder Mietwagen. Manchmal treffen wir die richtigen Entscheidungen. Mietwagen für 75 €, den wir am Flughafen stehen lassen können, den Autoschlüssel auf dem Reifen abgelegt ????. Somit konnten wir wenigstens noch einen Teil des Sappho-Spring-Festival miterleben. Samstag morgen ab 11 Uhr Brunch mit Musik in einer Strandbar. Das Festival ist sehr klein und bis auf wenige Deutsche nehmen vor allem Holländerinnen teil. Abends dann Party. Nach einem Tag in der Sonne hatte ich erst einmal keine Lust, aber die war sofort da, als Micky Kieboom anfing zu singen. Sie stand barfuß da, die Gitarre in der Hand, in eine Ecke der Flamingo-Bar gequetscht und mein erster Eindruck war ‚gähn‘. Nach den ersten Tönen war ich hellwach. Eine wunderbar rauchige und raumgreifende Stimme. Die Frau musste nichts weiter machen, nur singen und ich hatte Gänsehaut. Nach dem Konzert legte DJane Jasmin auf und wir haben getanzt, bis die Füße nicht mehr wollten und uns in diesem Raum voller wunderbar ausgelassener Frauen haben wir uns einfach nur wohlgefühlt. Danke an dieser Stelle von uns an die Organisatorinnen.

Tag 15 – entlang der Küstenstraße

18.05.2014

Der letzte Tag auf Lesbos. Einerseits freue ich mich auf zu Hause, auf Leipzig, auf mein Kind, meine Freunde und ja, sogar auf meine Arbeit. Andererseits ist da natürlich auch ein wenig Wehmut. Urlaub vorbei. Aber diesen einen letzten Tag hatten wir ja noch und einen Mietwagen. Heißt, wir waren endlich wieder mobil und wollten die Möglichkeit nutzen, uns noch ein paar Inselhighlights anzusehen, z.B. den versteinerten Wald. Nun ja, den Wald haben wir nicht gesehen, aber zwei von den Bäumen. Warum? Nun ja, Lesbos eben. Der Tank des Mietwagens war fast leer, als wir das Auto übernahmen. Nach ca. 20 km leuchtete die Tankanzeige. Nirgendwo in der Mondlandschaft in der wir uns befanden, war eine Tankstelle. Noch 17 km bis Sigri. Auch dort, keine Tankstelle. Insgesamt sind wir mit leerem Tank fast 40 km gefahren. 2 Tankstellen hatten geschlossen, es war ja Sonntag. Dann endlich eine geöffnet. Kommt die Tankfrau raus und sagt: „Gas yes, Elektrizität no.“ Mit uns an der Tankstelle ein verzweifelter Türke mit Mietwagen. 5 km entfernt sei eine geöffnete Tankstelle, aber die wollten von ihm Bargeld, keine Kreditkarte. Wir gaben ihm 10 € und fuhren in Kolonne zur Tankstelle. „Gas yes, Elektrizität no.“ Der Tankwart blieb gelassen, schickte uns in den Ort Kaffee trinken. Wir sollten es in einer Stunde noch mal probieren.
Hat dann auch geklappt. Der Adrenalinpegel senkte sich im Verlauf des Nachmittags auf Normalmaß.
Über unseren Lieblingsort Molivos, übers Gebirge fuhren wir dann am Meer nach Mytilene. Das war noch einmal eine wunderbare Fahrt, auf der wir die verschiedenen Landstriche der Insel sahen, jeder mit einer ganz eigenen Vegetation. Von karg bis üppig. Eigentlich genau so, wie unser Urlaub auf dieser Insel war. Von karg bis üppig.

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, inneren Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
Für ein erfülltes Leben in Verbundenheit.

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