Begegnungen Texten von mit Hilde Domin

Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug. 
Hilde Domin 

Hilde Domin begleitet mich seit vielen Jahren. Regelmäßig lese ich ihre Lyrik und was sie über Lyrik schrieb. Hilde Domin, die Vertriebene, die Zurückgekehrte, die uns Nachgeborenen so viel zu sagen hat, auch wenn ihre Stimme längst verstummt ist. Ihre Texte sind es nicht.

Ein Traum in dem Hilde Domin vorkommt

12.07. 2018 Zeit für mich

Ich renne. Renne. Atemlos renne ich in den Supermarkt, Brot, Butter, Obst kaufen. Renne zurück ins Büro, um den Bericht noch rechtzeitig zum Termin abzugeben. Renne, um die Stapel an Arbeit zu verteilen, Fertiges abzuliefern, noch Benötigtes zu besorgen. Ich renne Informationen hinterher, um das sich permanent erneuernde Wissen zu erhaschen. Ich renne, um fit zu bleiben, Fett zu verbrennen, den Alterungsprozess hinauszuzögern. Ewig renne und renne ich, bis ich nicht mehr weiß, warum ich renne. Trotzdem laufe ich weiter, automatisch, weil ich nicht anders kann. Weil ich mir nicht vorstellen kann, nicht mehr zu rennen. Ich renne. Bis zu jenem Moment, an dem ich jeglichen Bezug zum eigenen Handeln, zu den Aufgaben, die ich erledigen wollte, zu den Menschen um mich herum verloren habe.

Alles um mich scheint stillzustehen, obwohl ich doch sehe, höre, dass da nichts stillsteht. Um mich herum flirrt, rennt, kreist es in permanenter Bewegung. Ich stehe im still Inneren all dieser Bewegungen, all dieses Flirrens. Sehe die Schatten der Anderen an mir vorbeirauschen. Es wirbelt, kreist. Ich stehe still im Auge dieses Hurrikans, der Leben heißt. Aus all dem Wirbeln um mich herum löst sich ein Schatten. Steuert auf mich zu, nimmt Gestalt an, zeigt sich mir als ein fünfjähriges Mädchen. „Willst du mit mir spielen?“, fragt sie und sieht aus weit geöffneten Augen hoffnungsfroh zu mir auf.

Ich antworte nicht. Kann nicht antworten. Selbst das Schlucken fällt mir schwer. Die Hoffnung weicht aus dem Gesicht des Kindes.
„Entweder sie rennen oder sie sind zu Statuen erstarrt“ spricht das Kind und wendet sich mit langsamen Bewegungen von mir ab. Ihre Konturen verschwimmen wieder und sie verschwindet wieder im Strudel der Zeit.

Einschub: Hilde Domin – Poem

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12.07. 2018 Zeit für mich – Fortsetzung

Eine Stimme in meinem Kopf wird laut: „Reiß dich zusammen! Du musst noch drei Anträge fertigstellen, den Dienstplan überprüfen, zwei Berichte schreiben und Frau Richter hast du einen Rückruf versprochen! Wer soll denn die Zeit aufholen, die du hier vertrödelst? Steh hier nicht so blöd herum. Lauf endlich. Lauf!“ Ich versuche es. Versuche den Fuß zu heben, versuche meinen Körper in Bewegung zu bringen. Es geht nicht. Nichts geht. Ich stehe und starre in das mich umgebende Rauschen der Geschäftigkeit. Dieses Flirren, diese Geschwindigkeit um mich herum quält mich. Meine Augen schmerzen. Werde ich jetzt verrückt? „Ja, dann mach halt endlich einmal Pause“, sagt eine andere Stimme in mir. „Wenn du dich schon nicht hinlegen kannst, dann schließ wenigstens deine Augen!“

Vom tosenden Treiben lenke ich die Konzentration auf meine Augen. Frage mich, wie ich vergessen konnte, dass ich Augenlider habe. Augenlider zum Öffnen und Schließen meiner Augen. Zum Aussperren der Welt. Ich strenge mich an, meine Augen zu schließen. Die Bewegung stottert, schmerzt, dann stehe ich in totaler Finsternis. Spüre meine Füße fest auf dem Boden. Höre das Rauschen meines Blutes, das leise Pom-Pomm meines Herzschlages. Pom-Pomm. Pom-Pomm. ‚Blut ist rot‘ denke ich und aus der Schwärze des Dunkels in mir leuchten rote Farbpunkte auf. Ich höre noch etwas anderes, ein weiches Schaben. ‚Es raschelt‘ denke ich. Die Blätter rascheln, wenn der Wind über sie streicht. Sie hängen an Zweigen, die aus Ästen wachsen und diese ragen aus dem Stamm. ‚Bäume‘ denke ich und ‚Apfelwiesen, Sträucher, Rosen und Lavendel‘. Es raschelt an Bäumen, Bäume stehen auf Wiesen, Gras raschelt auch.

Einschub 2: Hilde Domin – Wortwechsel (Interview)

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12.07. 2018 Zeit für mich – Fortsetzung 2

Eine Stimme in meinem Kopf wird laut: „Reiß dich zusammen! Du musst noch drei Anträge fertigstellen, den Dienstplan überprüfen, zwei Berichte schreiben und Frau Richter hast du einen Rückruf versprochen! Wer soll denn die Zeit aufholen, die du hier vertrödelst? Steh hier nicht so blöd herum. Lauf endlich. Lauf!“ Ich versuche es. Versuche den Fuß zu heben, versuche meinen Körper in Bewegung zu bringen. Es geht nicht. Nichts geht. Ich stehe und starre in das mich umgebende Rauschen der Geschäftigkeit. Dieses Flirren, diese Geschwindigkeit um mich herum quält mich. Meine Augen schmerzen. Werde ich jetzt verrückt? „Ja, dann mach halt endlich einmal Pause“, sagt eine andere Stimme in mir. „Wenn du dich schon nicht hinlegen kannst, dann schließ wenigstens deine Augen!“

Vom tosenden Treiben lenke ich die Konzentration auf meine Augen. Frage mich, wie ich vergessen konnte, dass ich Augenlider habe. Augenlider zum Öffnen und Schließen meiner Augen. Zum Aussperren der Welt. Ich strenge mich an, meine Augen zu schließen. Die Bewegung stottert, schmerzt, dann stehe ich in totaler Finsternis. Spüre meine Füße fest auf dem Boden. Höre das Rauschen meines Blutes, das leise Pom-Pomm meines Herzschlages. Pom-Pomm. Pom-Pomm. ‚Blut ist rot‘ denke ich und aus der Schwärze des Dunkels in mir leuchten rote Farbpunkte auf. Ich höre noch etwas anderes, ein weiches Schaben. ‚Es raschelt‘ denke ich. Die Blätter rascheln, wenn der Wind über sie streicht. Sie hängen an Zweigen, die wiederum hängen an Ästen und diese ragen aus dem Stamm. ‚Bäume‘ denke ich und ‚Apfelwiesen, Sträucher, Rosen und Lavendel‘. Es raschelt an Bäumen, Bäume stehen auf Wiesen, Gras raschelt auch.

Einschub 3 – Hilde Domin „Es gibt dich“ gesprochen von Fritz Stavenhagen

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12.07. 2018 Zeit für mich – Fortsetzung 3

Ohne die Augen zu öffnen, sehe ich die Wiese, auf der ich stehe und sehe das Blattwerk einer Linde sich mit dem Wind wiegen. Ich rieche gemähtes Gras. Die Wärme des sich gen Abend neigenden Tages durchströmt mich. Weit entfernt höre ich das glucksende Lachen eines Kindes. Ganz in der Nähe ein trippelndes Schlurfen. Hinter dem Haselstrauch taucht eine Frau auf. Klein, zart, mit hochgestecktem weißem Haar und vielen kleinen Falten im Gesicht. Wie eine kostbare Schale trägt sie ein Buch vor sich her. „Was lesen Sie da?“, frage ich. „Ach wissen Sie, ich überprüfe nur, ob das, was ich vor Jahren geschrieben, heute noch Gültigkeit hat“, antwortet sie und zeigt mir den Einband des Buches. ‚Hilde Domin‘ lese ich und ‚Wozu Lyrik heute‘.

Sie lacht. Wenn ich Sie hier so sehe, so selbstvergessen über ein wenig Landschaft staunend, dann glaube ich, der alte Sartre hatte recht, als er sagte „Nicht darauf, was man aus dem Menschen gemacht hat, kommt es an. Sondern auf das, was er aus dem macht, was man aus ihm gemacht hat.“ „Ja“, sage ich, „da könnten Sie recht haben. Aber was bitte ist LYRIK?“ Das Sanfte aus ihrem Blick schwindet. Sie blättert ein wenig in ihrem Buch und liest mit fester Stimme „Der Lyriker biete den Menschen etwas, das nicht wieder zur Vorbereitung für etwas anderes wird: das ‚Unnütze‘ und zugleich ‚Unverzichtbare‘, wie wir es definierten, das, worauf es in Wahrheit ankommt.“

Sie sieht mich an, sucht in meinem Blick ein Erkennen, einen Hauch von Verstehen. Findet es nicht. Zieht die Stirn kraus. Liest weiter. „Ohne dies Innehalten, für ein ‚Tun‘ anderer Art, ohne die Pause, in der Zeit stillsteht, kann Kunst nicht angenommen werden, noch verstanden, noch zu eigen gemacht. Darin ist die Kunst der Liebe verwandt: Beide ändern das Zeitgefühl.“

Einschub 4 – Hilde Domin „Nicht müde werden“ gesprochen von Katharina Thalbach

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12.07. 2018 Zeit für mich – Fortsetzung 4

Ich nicke ohne es zu wollen mit dem Kopf. „Verstehen Sie?“, fragt sie, an einer Antwort offensichtlich nicht interessiert. „Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst.“ Mit Nachdruck schlägt sie das Buch vor meiner Nase zu, sodass ich den Lufthauch auf meiner Haut spüre, der Atem des alten Papiers sich in meiner Nase verfängt. „So, junge Frau, wenn Sie immer noch wissen wollen, was Lyrik ist, dann öffnen Sie jetzt Ihre Augen und suchen den Weg in die nächste Bibliothek. Lesen Sie. Lesen Sie viel und vor allem lesen Sie Lyrik! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte“

Bevor ich etwas erwidern kann, lässt die alte Dame ab von mir und geht energischen Schrittes auf den Ginsterbusch am Wegesrand zu, hinter welchem sie alsbald entschwunden ist.

Wie ein Text von Hilde Domin meinen Abend rettete

13.05.2018

Wie sehr hat sich doch das Verhalten der Menschen geändert. Was früher – auch nicht schön – vielleicht in privaten Räumen von sich gegeben wurde, wird heute als Selbstverständlichkeit angesehen, als das Recht der Rechtschaffenen, der Ordnungsliebenden, der Wächter einer vielleicht mehrheitsgültigen Moral. Alles, was gedacht wird, darf heute auch geäußert werden. Achtlos, verachtend, mit dem guten Gefühl des Rechthabens.

Gestern ging ich spazieren. Überholte ein älteres Ehepaar, welches vor einem Haus mit neuer Fassade stehenblieb. An der Fassade Graffiti, auch in meinen Augen nicht mehr als sinnlose Schmiererei. Ärgerlich, lästig, nichtssagend. Hat wohl einer geübt. Aus dem Mund der zarten alten Dame, die dann wohl doch keine Dame ist, zischelten die Worte „Die Schweine, die sollte man erschießen“. Ich war vollkommen konsterniert. Wollte nicht glauben, was ich da gehört hatte und doch hallten die Worte durch meinen Kopf.

Das letzte Mal, dass ich aus dem Mund eines Menschen die Worte vernahm, man solle einen anderen erschießen, war in meinem 10. oder 13. Lebensjahr. Mein Vater sah die Nachrichten und die Menschen, die er erschossen sehen wollte, waren die RAF-Terroristen und das „ganze linke Gesindel“. Das fand ich schon als Kind befremdlich, dass ein Mensch einem anderen das Leben nehmen wollte, wenn auch, wie ich heute weiß, mangels Macht und Möglichkeiten vorerst nur symbolisch, mit Worten. Wohl hoffend, dass es irgendwo irgend wen geben möge, der diese Worte in die Tat umsetzt. In meiner Empörung fiel mir keine andere Entgegnung ein als „Na dann hoffen Sie mal, dass das nicht ihr Enkel war“. 

Aus dem Kopf gegangen ist mir diese Begegnung den ganzen Abend nicht und auflösen konnte ich die Beklommenheit in mir erst, als ich folgenden Text von Hilde Domin las, den ich in mehr als einer Hinsicht sehr aktuell und zeitgemäß finde.

10 erprobte Mittel zur Verhinderung des Fortschritts und zur Förderung eines Unmenschen-Nachwuchses (plus ein Gegenmittel als Zugabe)

1 Haupt-, Herz- und Magenmittel zur Bekömmlichmachung der Mittel: Man lasse sie sich vom jeweiligen Zweck heiligen. (Wie das Volk sagt: Ende gut, alles gut. Wir sind geschickter als die Väter waren.)
2 Mittel zur Förderung von Unmenschlichkeit: Man pachte das Gute, exklusiv. Dadurch wird man ein Teil jener Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft.
3 Mittel, sich und andere zu Mitläufern zu erziehen: Man halte sich informiert, wem das Brot zu buttern und wem es zu versalzen ist. Vorsicht, Solidarität kann das schönste Mitläufertum kaputtmachen.
4 Mittel, zum Faschismus zu erziehen: Man wähle die geeignete Kontrastperson (-personengruppe). Man stürze sich auf sie, 100 gegen 1. Es sind keine Menschen wie du und ich, es sind >Schädlinge<, gesprächsunwürdig. Scheiße ist (der zweitbeste) Kitt für faschistische Gruppen. 5 Mittel, zur Lauheit zu erziehen: Man tue alles >ein bißchen<. Man freue sich ein bißchen, schäme sich ein bißchen. Aber man benutze nie den Wahlzettel, auch nicht ein bißchen.
6 Mittel, das letzte bißchen Zivilcourage zu verlernen: überflüssig, gekonnt.
7 Mittel, das eigene Denken abzugewöhnen: Man halte sich nie an Fakten, immer an die Klischees.
8 Mittel zur Einführung des leisen Terrors: Siehe oben, unter 3.
9 Mittel zur Einführung des lauten Terrors: Siehe oben, unter 4.
10 Mittel für Journalisten und Redakteure, den demokratischen Standard senken zu helfen:
Half the news that is fit to print.

11 Als Draufgabe, gratis – Mittel, sich selbst die Karriere zu versauen: Sei unbequem, zuallererst zu dir selbst. Schade dir, indem du nicht in Schritt und Tritt gehst, indem du hinsiehst, statt wegzusehen; indem du aufstehst und protestierst, wo alle sitzen bleiben (die unter 2, 3, 5, 6, 7), als hätten sie einen Theaterplatz unter dem Hintern; indem du entscheidest von Fall zu Fall und sogar erst nach Kenntnis des Falles. Damit schadest du dir enorm.

Hier schlägt der Schaden für den Einzelnen in den Nutzen für die Gesellschaft um. Bei den Punkten 1-10 findet das Umgekehrte statt. Das ist die Dialektik vom Schaden und Nutzen.

Hilde Domin: Von der Natur nicht vorgesehen. Autobiographisches. Fischer Taschenbuch Verlag, 11.-12. Tausend: Dezember 2009, Seite 151-152

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, inneren Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
Für ein erfülltes Leben in Verbundenheit.

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