Selbstbeelterung bei der Integration von frühen Traumata

Reparenting und Selbstbeelterung

Reparenting und Selbstbeelterung sind zwei sperrige Begriffe. Von beiden hörte ich zum ersten Mal vor zwanzig Jahren, im Rahmen meiner systemischen Therapieausbildung. Ich fand ihn damals selbsterklärend, im Sinne von: Ich habe keinen Kontakt zu meinen Eltern, also darf ich mir das, was andere an Zuwendung von ihren Eltern erhalten, selbst geben. Im Grunde stimmt diese einfache Erklärung und doch versteckt sich dahinter noch ein wenig mehr.

Die Idee der Selbstbeelterung basiert auf der Therapiemethode des Reparenting. Diese Therapiemethode kann für Menschen, die in ihrer Kindheit Traumata erlebt haben, einen großen Unterschied in der Art und Weise machen, wie sie mit sich und ihren inneren Anteilen umgehen.

Was ist Reparenting?

Der Begriff „Reparenting“ bezieht sich auf einen Behandlungsansatz der Psychotherapie. Die Therapeutin macht der Klientin ein Beziehungsangebot im Sinne einer elterlichen Fürsorge. Hier geht es darum, elterliche Funktionen, die in der Kindheit von den Eltern gar nicht, nur partiell oder eher negativ besetzt übernommen wurden, zu etablieren und/oder zu korrigieren. Funktionen und Handlungsschemata, die wir vermisst oder in einer Art und Weise gelernt haben, die von der Klientin heute als nicht förderlich empfunden werden. Hierbei handelt es sich beispielsweise um emotionale Zuwendung und Fürsorge, die Förderung von Unabhängigkeit und Vertrauen. Weiterhin geht es darum, negative Auswirkungen des von den Eltern erlernten Verhaltens, zum Beispiel in Bezug auf die Gestaltung zwischenmenschlicher Kontakte zu reduzieren.

Das heißt, da wo Eltern nicht in der Lage waren mich so zu fördern, wie ich es als Kind gebraucht hätte oder ich mir von ihnen Verhaltensweisen im Umgang mit anderen abgeschaut habe, kann ich jetzt, im Kontakt mit der Therapeutin neu lernen. Ein Beispiel: ein Kind wächst bei einer Mutter auf, die ihre Liebe von den Handlungen des Kindes abhängig macht. Handelt das Kind, wie von der Mutter erwünscht, wird es mit Lob und Liebe belohnt. Handelt es in unerwünschter Art und Weise, wird es ignoriert, schlimmstenfalls bestraft, auf jeden Fall, empfindet es Liebesentzug. Dieses Kind wird erwachsen und lebt in einer Partnerschaft. Das von der Mutter erlernte Verhalten ist hier wenig hilfreich und wird für viele Konflikte sorgen.

In der Therapie bietet sich etwa die Therapeutin als Testpartnerin an und die Klientin kann verschiedene Verhaltensweisen ausprobieren, ohne Gefahr zu laufen, ihre Partnerschaft zu riskieren. So lernt sie auf neue Weise ihre Wünsche in die Partnerschaft einzubringen und sie lernt ihre emotionalen Reaktionen zu steuern, falls der Partner / die Partnerin nicht oder nicht in der gewünschten Weise auf diese Wünsche reagiert.

Warum kann Reparenting für traumatisierte Menschen sinnvoll und notwendig sein?

Wenn ein Mensch traumatische Erfahrungen in der Kindheit gemacht hat, können diese ein Leben lang nachwirken. Für diese Menschen kann es besonders schwierig sein, sich selbst zu lieben und zu versorgen, da sie es nie auf gesunde Weise gelernt haben. Durch Reparenting lernen sie dies anhand des Vorbildes der Therapeutin.

Ich habe z.B. in der Therapie gelernt, wie es sich anfühlt, wenn eine andere Person

  • meine Bedürfnisse wahrnimmt,
  • mir Fürsorge angedeihen lässt,
  • mit mir im Kontakt bleibt, auch wenn ich mich vielleicht nicht angemessen verhalte
  • mir mit Vertrauen begegnet, statt mir vorzuschreiben, wie ich zu sein/ zu reagieren habe.

In der Traumatherapie wird Reparenting häufig eingesetzt, um Klient:innen dabei zu helfen, sich mit belastenden Kindheitserfahrungen auseinanderzusetzen. Es geht darum, den traumatisierten inneren Anteilen mitfühlend und liebevoll zu begegnen und so schrittweise Heilung zu ermöglichen.

Was ist Selbstbeelterung?

Für mich persönlich war es die Stufe nach der Therapie. In der Therapie lernte ich auf meinen Körper, meine Wahrnehmung, meine Art der Kommunikation zu achten, ich lernte zuerst der Therapeutin und dann mir zu vertrauen. Bei der Selbstbeelterung geht es darum, uns selbst mit der Fürsorge, Liebe und dem Verständnis zu behandeln, mit der liebende Eltern ihrem Kind begegnen.

Wir sind den Kinderschuhen als Erwachsene entwachsen, doch die Bedürfnisse nach Fürsorge, Liebe und Verständnis tragen wir noch immer in uns. Nicht immer ist ein anderer Mensch zur Stelle, der uns diese Bedürfnisse erfüllt und selbst wenn jemand da wäre, niemand ist verpflichtet, uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Deshalb ist es gut und wichtig, wenn wir selbst dazu in der Lage sind.

Wann ist es notwendig, sich selbst zu beeltern?

Es kann für jede:n von uns hilfreich sein, sich selbst zu beeltern. Allerdings ist es besonders wirksam für diejenigen, die nie gelernt haben, wie sie sich selbst die Liebe und Aufmerksamkeit geben können, die sie brauchen und verdienen. Menschen, die frühkindliche Traumata erfahren haben, tragen oft noch innere Anteile in sich, die aufgrund der traumatischen Erfahrungen nicht mit wachsen konnten, die sozusagen in den Kinderschuhen, in der Erfahrung stecken geblieben sind. Vielleicht kann ich an einem Bild verdeutlichen, worum es geht.

Selbstbeelterung – ein Beispiel

Ich wollte schon sehr früh Schriftstellerin werden, doch ich wuchs in einem Elternhaus auf, indem es für diesen Wunsch kein Verständnis gab. Mir wurde gesagt, dafür sei ich „zu dumm“, mir wurde eingeredet, ich hätte diesen Wunsch nur, weil ich mir „einbilde, etwas Besseres zu sein.“ So lernte ich früh, meine Schreibambitionen zu verstecken und vor mir selbst kleinzumachen. Setzte ich mich als Erwachsene mit dem Vorhaben hin, etwas schreiben zu wollen, war jegliche Kreativität erloschen. Ich starrte auf das leere Papier und ich hasste mich dafür. Der Gedanke „ich bin zu dumm dafür“ war sehr laut.

Phase 1

In einer Therapiestunde machte ich mich in meinem inneren Haus auf die Suche nach dem Kind-Anteil in mir, der so gern Schriftstellerin werden wollte, ich nenne sie hier die Schreib-Sylvia. Ich fand sie vollkommen verdreckt im Kohlenkeller. Hier saß sie, einen Fetzen Papier in der Hand, am Bleistift nagend. Als ich den Keller zum ersten Mal betrat, schaute sie mich nicht einmal an. Es dauerte gefühlt Wochen, in denen ich sie regelmäßig im Keller besuchte und mit ihr sprach, ihr Essen brachte, saubere Kleidung, frische Blumen. Ich entschuldigte mich bei ihr, dass ich sie so viele Jahre ignoriert hatte, mitunter sogar wütend auf sie war, aber dass ich jetzt verstanden habe, dass sie mich, die große Sylvia braucht, um zu ihrer Freude am Schreiben zurückzufinden. Ich versprach ihr, sie nicht mehr im Stich zu lassen, sie nicht mehr zu beschimpfen, sondern mich um sie zu kümmern.

Phase 2

Es dauerte, bis sie so viel Vertrauen zu mir hatte, dass sie mir nach oben ins Haus folgte. Ich zeigte ihr mein Leben heute und gab ihr die Sicherheit, dass ich keine Bedrohung für sie bin. Ich richtete uns ein gemütliches Schreibzimmer ein, in hellen Farben, mit Wänden, an die wir unsere Ideen schreiben können, wann immer eine von uns eine Idee festhalten will. Inzwischen gehört sie fest zu meinem inneren Haushalt, sie ist unabhängig von mir geworden, ist nicht mehr das bedürftige und verängstigte Kind. Heute tauschen wir uns aus, kritisieren gemeinsam die Texte, die entstehen und sie ist die Instanz in mir, die schreibt, weil sie im Schreiben Erfüllung findet.

Reparenting und Selbstbeelterung

Dieser Ort ist heute einer meiner liebsten Schreiborte – der Landal Ferienpark in Kell am See.

Heute

Sie zu suchen und zu finden, sie in ihrem Schmerz und ihrer Verletzung wahrzunehmen, sie mit allem Lebensnotwendigem zu versorgen und ihr die schönen Seiten des Lebens zu zeigen, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihr Vertrauen zu schenken – das war die Selbstbeelterung, die ich für sie, also für mich geleistet habe. Im Klartext: ich habe aufgehört, der Stimme zu glauben, die mir einredete, ich sei zu dumm. Ich habe mich mit Dingen umgeben, die mir guttaten, habe mir einen Schreibplatz hergerichtet und mir die Erlaubnis gegeben zu schreiben, wonach mir der Sinn steht. So bekam ich immer mehr Übung und Vertrauen in das eigene Schreiben.

Wie kann Selbstbeelterung im Alltag umgesetzt werden?

  1. Übe Mitgefühl mit dir selbst: Wenn du einen Fehler machst oder etwas schiefgeht, sprich dir liebevoll zu, anstatt dich selbst zu kritisieren.
  2. Schaffe dir tägliche Rituale für Selbstfürsorge: Dies könnte ein entspannendes Bad beinhalten, ein gutes Buch lesen, Meditation oder dein Lieblingsessen, Spaziergänge, eine kreative Zeit.
  3. Erlaube dir, Bedürfnisse zu haben und diese zu äußern.
  4. Praktiziere Achtsamkeit: Achte auf deine Gedanken und Gefühle, ohne sie zu bewerten.
  5. Setze Grenzen: Lerne Nein zu sagen, wenn etwas nicht gut für dich ist.

Fazit

Reparenting und Selbstbeelterung sind kraftvolle Wege zur Heilung und Transformation. Es ist eine Art, tief verwurzelten Schmerz zu erlösen, und uns gleichzeitig zu erlauben, mehr Liebe und Fürsorge in unser Leben einzuladen. Es ist eine Einladung, uns selbst durch die nährenden Elternaugen zu sehen, die wir vielleicht nie hatten. Reparenting und/oder Selbstbeelterung kann in der Arbeit mit inneren Anteilen ebenso hilfreich sein, wie bei der Auflösung belastender Glaubenssätze oder beim Durchbrechen destruktiver Verhaltensmuster.

Selbstbeelterung und Reparenting

Sprich so zu dir, wie du mit einem Kind sprechen würdest. Sei so liebevoll zu dir, wie du es zu einem Kind bist.

Du wünschst dir Unterstützung bei der Bearbeitung negativer Muster? Buche gern einen kostenfreien Kennenlerntermin und wir schauen gemeinsam, ob mein Angebot für dich passt.

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, inneren Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
Für ein erfülltes Leben in Verbundenheit.

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