12tel-Blick Februar: Wenn der Boden aufbricht

In diesem Jahr mache ich bei der Foto-Gemeinschaftsaktion 12tel-Blick mit. Die Idee, über zwölf Monate hinweg immer wieder denselben Ort zu fotografieren, interessiert mich nicht nur fotografisch. Mich reizt vor allem, über einen längeren Zeitraum bei einem Motiv zu bleiben und wahrzunehmen, wie sich dieser Ort – und mein Verhältnis zu ihm – verändert. Dies ist der zweite Beitrag der Reihe – mein 12tel-Blick Februar. Wenn du neu dabei bist, findest du den Anfang hier.

Was dich in diesem Beitrag erwartet:

Mein 12tel-Blick Februar – was sich im Garten verändert hat

12tel-Blick Februar – Gartentisch unter einem Apfelbaum, darum Schneeglöckchen und Krokusse im winterlichen Gras

Mein 12tel-Blick Februar 2026 – Schneeglöckchen und Krokusse brechen auf

Es ist derselbe Tisch und dieselbe Perspektive. Im Januar war dieser Platz noch in eine schneekalte Winterruhe eingehüllt. Der Boden trug die typisch winterliche Schwere, mit graugrünem Gras und Bäumen mit kahlen Ästen. Die roten Äpfel im Baum über dem Tisch wirkten wie Überbleibsel einer vergangenen üppigeren Jahreszeit, die der Baum noch nicht ganz loslassen wollte.

Im Februar zeigt sich mir etwas anderes: Schneeglöckchen und Krokusse haben den Boden geöffnet, als erste deutlich sichtbare Zeichen dafür, dass etwas in Bewegung gerät. Sie wachsen rund um den Tisch, unter dem alten Apfelbaum, zwischen dem noch winterlich matten Gras. Der Apfelbaum selbst ist noch kahl, er trägt noch immer seine roten Früchte wie einen letzten Gruß des vergangenen Herbstes. Aber das Licht hat sich verändert. Es ist weicher geworden, heller, und der Himmel zeigt ein Blau, das im Januar noch fehlte. Auf dem Tisch liegt, fast wie von jemandem absichtlich dort abgelegt, ein einzelner roter Apfel.

Ich stehe an derselben Stelle und mache das 12tel-Blick Februar Foto. Dabei merke ich, wie viel sich verändert hat, ohne dass ich irgendetwas dafür getan hätte.

Das Nervensystem regulieren – was der Garten mich lehrt

Ich finde es wunderbar. Dieser Garten verändert sich, aber nicht für mich. Er verändert sich in seinem eigenen Rhythmus, nach seinen eigenen Gesetzen. Ich bin lediglich diejenige, die hinschaut und die sich davon berühren lässt.

Wenn ich auf dieses Februarbild schaue, spüre ich, was ich in der Arbeit mit dem Nervensystem als sanfte Aktivierung beschreiben würde: eine Wachheit, die sich einstellt, ohne dass mein Nervensystem in Bereitschaft gehen muss. Ich empfange einfach dieses innere Signal von „es geht weiter“.
Das Nervensystem braucht keine großen Ereignisse, um sich zu regulieren. Es braucht Verlässlichkeit und es braucht das Wiederkehrende, das Beständige inmitten von Veränderung. In der Traumaarbeit nenne ich das einen sicheren Anker, etwas, das dem Nervensystem Orientierung gibt, wenn innere oder äußere Reize es aus dem Gleichgewicht bringen. Ein Anker signalisiert dem System: Hier ist etwas Verlässliches. Hier kannst du sicher innehalten.

Dieser Tisch und der Baum werden für mich in diesem Jahr zu so einem Anker. Und gleichzeitig fordert mich der Garten dazu heraus, etwas zu üben, das in Traumazusammenhängen einer der schwierigsten Schritte ist: Vertrauen in Prozesse geben, die ich nicht steuere und nicht steuern kann.
Der Frühling kommt nicht, weil ich ihn herbeidenke. Die Schneeglöckchen wachsen nicht, weil ich sie bitte. Das Leben folgt seinem eigenen Rhythmus und meine Aufgabe ist es, das zuzulassen, ohne es kontrollieren zu müssen.
Was ich dabei in mir bemerke, ist körperlich wahrnehmbar: Mein Blick wird weiter, ist weniger fokussiert. Er heftet sich nicht mehr an einen Punkt, sondern lässt das Ganze ins Bild kommen: den Tisch, den Baum, die Schneeglöckchen und den Himmel dahinter. In der Körperarbeit kenne ich das als ein Zeichen, dass das Nervensystem aus dem Zustand der Bereitschaft herausgeht. Ein enger, fokussierter Blick ist oft ein Hinweis darauf, dass das System nach Bedrohung sucht, nach dem, was kontrolliert werden muss. Ein weiter Blick hingegen zeigt: Es ist gerade nichts zu tun. Ich darf einfach wahrnehmen.
Für ein Nervensystem, das gelernt hat, wachsam zu sein, ist dieses Loslassen von Kontrolle eine der tiefsten Formen von Regulierung, die es gibt.

Was ist der 12tel-Blick – und wie funktioniert die Aktion?

Die Idee des 12tel-Blicks ist einfach: Man sucht sich einen Ort und einen festen Bildausschnitt und fotografiert diesen über ein Jahr hinweg einmal im Monat, möglichst aus derselben Perspektive. So entsteht eine Bildreihe, die sichtbar macht, wie sich Landschaft, Licht, Jahreszeiten und Atmosphäre verändern.

Angeregt hat mich der Blogbeitrag von Angela Carstensen, in dem sie ihren Januar-Blick zeigt und ihren eigenen Zugang dazu beschreibt. Die Aktion geht auf Eva Fuchs zurück, die den 12tel-Blick seit vielen Jahren begleitet und die Idee dahinter beschreibt.

Neben den einzelnen Blogbeiträgen gestalte ich im Laufe des Jahres eine Collage, in die jeden Monat das jeweilige Bild einzieht – so entsteht nach und nach ein Gesamtbild, das nicht nur Veränderungen dokumentiert, sondern Zusammenhänge sichtbar macht: Übergänge, Wiederholungen, langsame Verschiebungen. Diese Collagen teile ich auf InLinkz und trage sie von dort in die jeweilige Linkparty ein. Für mich ist das eine Form, Entwicklung nicht nur punktuell festzuhalten, sondern als fortlaufenden Prozess zu begleiten, und eine Erinnerung daran, wie viel sich zeigen kann, wenn ich über längere Zeit bei etwas bleibe.

Hier ist meine erste 12tel-Blick-Collage vom Februar 2026: 

Fortsetzung folgt.

About the Author: Sylvia Tornau

„Aufstehen und in Würde strahlen“ ist mein persönliches und berufliches Leitbild. Ich bin systemische Therapeutin und Trauma-Coachin – und zugleich eine Frau mit eigener Geschichte. Mein Blog entstand aus meiner Sehnsucht, zu schreiben, und aus dem Wunsch, sichtbar zu machen, wie wir mit unseren Verletzungen leben, wachsen und uns selbst näherkommen können. Ich schreibe, um Verbindung zu schaffen, zu mir selbst und zu dir. Ich glaube zutiefst daran, dass wir wenig hilfreiche Muster mit einer großen Portion Selbstfürsorge in Lebendigkeit und Lebensfreude verwandeln können. Und dass Frieden in uns immer auch ein leiser Anfang von Frieden um uns ist.

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Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Die menschliche Psyche und die Frage „Warum ticken wir, wie wir ticken“ treiben mich schon seit meiner Jugend an.

Heute unterstütze ich Frauen dabei, alte Prägungen loszulassen, ihre Emotionen zu regulieren und im eigenen Leben zu Hause zu sein.

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