Die eigene Wahrnehmung – Schwäche und Superkraft

Zweifel an der eigenen Wahrnehmung. Ein Thema, welches ich bisher nicht unter dem Mikroskop betrachten wollte. Es ist ein sehr verwirrendes Thema, obwohl ich längst Vertrauen in meine Wahrnehmung und mich habe. Trotzdem steigt bei dem Gedanken daran, mich diesem Thema zu stellen, erst einmal ein Schwindelgefühl in mir auf. Eine spontane und altvertraute Reaktion. Gleichzeitig spüre ich ein warmes Kribbeln im Bauch, denn meine Wahrnehmung ist nicht nur eine Schwäche, sondern sie ist auch meine Superkraft.

Vanessa Christina Randaus Blogparade: „Meine Schwäche – meine Superkraft!“ animierte mich zu diesem Beitrag. Die Fragestellung „Was ist meine größte Schwäche und warum ist es gut, dass du diese Schwäche hast?“ brachte mich schnell auf das Thema Wahrnehmung. Ich bin selbst ein wenig davon überrascht, dass dieses Thema in den Vordergrund drängt. Das irritiert mich ein wenig und ich greife auf das zurück, was ich gut kann, ich checke erst einmal die Fakten.

Was ist Wahrnehmung?

Wahrnehmung formt unsere Sicht auf die Welt. Sie ist der Prozess, durch den wir Informationen von unserer Umgebung aufnehmen und interpretieren, bei dem wir also äußere Reize verarbeiten und Informationen über unsere Umgebung sammeln. Wahrnehmung bezieht sich auf die Fähigkeit, Informationen über die physische Welt durch unsere Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) aufzunehmen und zu interpretieren. Sie ist rational und auf konkrete Daten und Fakten ausgerichtet.

Wahrnehmung und Intuition sind eng miteinander verknüpft. In gewisser Weise kann Intuition als eine Form der „inneren Wahrnehmung“ betrachtet werden. Intuitiv verarbeiten wir Informationen aus unserer inneren Welt, wie Emotionen und unbewussten Gedanken, während Wahrnehmung auf die äußere Welt ausgerichtet ist.

Die Dinge sind nicht so, wie sie sind, sondern so, wie wir sie sehen. (Anaïs Nin)

So lernte ich der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen

Oft wurde mir in der Kindheit und Jugend vermittelt, dass die Dinge nicht so sind, wie ich sie wahrnehme. Ein Streit ist kein Streit, sondern eine Diskussion. Unangenehme Berührungen an intimen Körperstellen von Erwachsenen sind Ausdruck einer besonderen Liebe. Verbale Abwertung dient nur der eigenen Entwicklung, dem Wachstum, damit ich das Beste aus mir heraushole.

Das verwirrte mich. Denn in dem Streit der Eltern war das Vulkanische, das Explosive spürbar und auch, dass die Mutter nachgab, zur Beschwichtigung. Die unangenehmen Berührungen waren eben nur dies, unangenehm. Wenn das Liebe war, wollte ich mit Liebe nie etwas zu tun haben. Die verbale Abwertung spornte mich nie zu Höchstleistungen an, sondern verstörte mich zutiefst, denn bei mir kam nur eines an: Ich bin nichts wert, ich kann nichts, ich habe es nicht verdient, dass man liebevoll mit mir umgeht.

Über all den Worten schwebte immer auch das Damoklesschwert potenzieller Gewalt. Ein falscher Blick von mir, ein falsches Wort, eine falsche Bewegung führten schnell zu Ohrfeigen und anderen Formen der körperlichen Bestrafung. Deshalb war meine Aufmerksamkeit im Außen fokussiert, ich nahm die Zeichen meines Körpers gar nicht wahr.

Leben im Ausnahmezustand – Auswirkungen auf die eigene Wahrnehmung

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit, wie Vernachlässigung, aufwachsen in einem lieblosen Klima oder auch sexuelle Gewalt sind Ereignisse, die starke emotionale und körperliche Reaktionen auslösen können. In vielen Fällen versucht der Körper, sich vor der Traumatisierung zu schützen, indem er die Empfindungen dämpft oder blockiert. Das bedeutet, die eigene Wahrnehmung ist gedämpft oder blockiert. Dies kann in dem Augenblick, in dem das Ereignis stattfindet, geschehen oder sich als Traumafolge manifestieren. Überdies gibt es noch weitere Reaktionsmuster, die zu einer Entfremdung von den eigenen Körperempfindungen führen können:

  • Dissoziation: Dissoziation ist eine Abtrennung von Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen, um den emotionalen Schmerz zu mildern.
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS):  PTBS kann die Wahrnehmung und Empfindungen des Körpers beeinträchtigen, da sie von wiederkehrenden Flashbacks, Albträumen und emotionaler Taubheit begleitet sein kann.
  • Scham und Schuld: Diese Gefühle können dazu führen, sich vom eigenen Körper abzuwenden und die Verbindung zu den Körperempfindungen verlieren.
  • Psychosomatische Symptome: Traumatische Erfahrungen können psychosomatische Symptome auslösen, bei denen körperliche Beschwerden oder Empfindungen ohne offensichtliche physische Ursache auftreten. Diese Symptome können die Wahrnehmung weiter beeinträchtigen.

Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber sie ist immer wertvoll. (Anne Lamott)

Deshalb ist der Zweifel an der eigenen Wahrnehmung ist meine größte Schwäche

Der Zweifel an meiner Wahrnehmung hatte viele Jahre lang äußerst negative Auswirkungen auf mein Wohlbefinden. Wobei ich damals allein mit dem Wort „Wohlbefinden“ gar nichts hätte anfangen können. Ich war in so vielem einfach nur verunsichert. Ich musste wie ein Kind lernen, auf die Signale meines Körpers zu hören. Wann habe ich Hunger oder Durst? Bin ich müde? Woran merke ich Erschöpfung? Wie fühlt sich Angst an oder Freude? Neben all diesen Basics, gab es noch weitere Bereiche, in denen mich die Zweifel an meiner Wahrnehmung richtig behinderten:

  • Entscheidungsfindung: Ich war in endlosen Zyklen des Abwägens und der Unsicherheit verfangen, was dazu führte, dass ich keine klaren Entscheidungen treffen konnte und jede Entscheidung anzweifelte.
  • Selbstvertrauen: Mich nicht darauf verlassen zu können, dass das, was ich wahrnahm „richtig“ ist, führte dazu, dass ich mich unsicher und selbstkritisch fühlte. Es war für mich weniger verwirrend, in herausfordernden Situationen zu dissoziieren, um die Herausforderungen zu bewältigen. Da ich aufgrund der Dissoziation mich nicht erinnerte, was ich warum und wie getan hatte, konnte ich aus dem, wie ich die Herausforderung bewältigt hatte, keine nachhaltigen Verhaltensmuster entwickeln. Das heißt, diese positiven Bewältigungsstrategien standen mir bei der nächsten Herausforderung nicht zur Verfügung.
  • Verwirrung: Der ständige Zweifel an der eigenen Wahrnehmung führte bei mir zu Verwirrung – einhergehend mit Schwindelgefühl – und innerem Konflikt. Ich wusste nie so richtig, ob es gerade angebracht war, mich in einer Situation wohlzufühlen oder nicht. Dies war stressig und belastend. Das führte mehr als einmal zu einem Gefühl der Überforderung.
  • Soziale Interaktion: Ich hatte oft Schwierigkeiten, meine Meinungen und Gefühle für andere verständlich und annehmbar auszudrücken. Das führte zu Missverständnissen und Konflikten und dazu, dass ich mich lange Zeit wie ein Alien fühlte, das eine andere Sprache spricht.
  • Stress und Angst: Stress habe ich gar nicht wahrgenommen, sondern nur erstaunt bemerkt, dass ich an manchen Tagen so erschöpft war, dass ich kaum noch in der Lage war zu funktionieren. Das wiederum machte mir Angst, irgendwie krank, unnormal zu sein. Damals wusste ich nicht, dass ich mich allein durch die Wahrnehmung der Signale meines Körpers vor der Erschöpfung hätte schützen können.

„Die beiden Seiten“

Die einen sagen, du bist die beiden Seiten einer Medaille.
Die einen sagen, du bist die eine Seite.
Die einen sagen, du bist die andere Seite.
Die einen sagen, ohne die eine Seite gäbe es nicht die andere Seite.

Ich sage: Die zwei Seiten sind nicht die gleichen, aber ohne die eine Seite gibt es nicht die andere Seite.

Du bist meine geliebte Münze, ich gebe dich nicht aus der Hand.
Ich trage dich immer in meiner Tasche.
Und glaube mir, es sind keine Götzen mehr, keine Götzen mehr in meinen Händen.

Die Münze liegt in der Hölle.
Die Münze liegt im Paradies.
Die Münze liegt vor meinen Augen.

Und glaube mir, es sind keine Götzen mehr, keine Götzen mehr in meinen Händen.
(Else Lasker-Schüler)

Wie ich lernte meiner Wahrnehmung zu vertrauen

Es brauchte viele Jahre Zeit und viel konsequentes Dranbleiben an meinen Themen, auch ein paar Rückschläge und wachsendes Selbstvertrauen, um die Zweifel an meiner Wahrnehmung zu befrieden und in ein wachsendes Vertrauen zu wandeln. Dabei halfen mir Therapien und Selbsterfahrungskurse, aber vor allem halfen mir die Weggefährt:innen und Freund:innen. Sie hielten meine Zweifel aus, sortierten mit mir Sachverhalte, halfen mir bei der Deutung von Körperempfindungen.

Ich kann gar nicht zählen, wie oft in meinem Leben mein Körper auf stressige oder eklige Situationen schon mit Lippenherpes reagiert hat, es gab Jahre, da trug ich ständig diese hässlichen Bläschen im Gesicht und wusste nicht warum. Heute weiß ich sofort: wenn meine Lippe krabbelt, ist dies ein eindeutiges Zeichen, die Situation zu verändern. Durch dieses schnelle reagieren, gelingt es mir diese Auswüchse an der Lippe auf ein- bis zweimal im Jahr zu reduzieren.

Den Einstieg in diese Arbeit mit mir selbst schaffte ich Anfang der 90er-Jahre mithilfe einer Gruppe von Frauen, die einen ähnlichen Erfahrungshintergrund mitbrachten. In dieser Gruppe erlebte ich, wie wichtig es ist, gehört, gesehen und mit der eigenen Wahrnehmung ernst genommen zu werden. Wir kämpften auch das ein oder andere Mal miteinander um die „richtige“ Wahrnehmung und lernten so: Es gibt in einer Situation so viele „richtige“ Wahrnehmungen, wie es Menschen gibt, die diese Situation gemeinsam erleben. Weil Wahrnehmung etwas zutiefst individuelles ist.

Auch diese Schritte sind hilfreich, wenn du lernen willst, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen

  • Achtsamkeit: Durch Achtsamkeitsübungen und Meditation lernst du, deine Sinne zu schärfen und dich bewusster auf deine Wahrnehmung zu konzentrieren.
  • Selbstreflexion: Regelmäßige Selbstreflexion hilft dabei, die eigenen Denkmuster und Vorurteile zu erkennen und zu überprüfen.
  • Selbstfürsorge: Den Körperempfindungen folgen und auf sie zu reagieren, ist Bestandteil der Selbstfürsorge. Wenn dir kalt ist, zieh dir etwas Warmes an, bist du müde, geh schlafen oder mach zumindest eine kurze Pause.
  • Verbundenheit: Wenn du deine Körperwahrnehmungen nicht zu deuten weißt, frage dir wohlgesonnene Menschen, wie sie das für sich deuten.
  • Unabhängiges Denken: Überprüfe, ob das, was andere dir sagen, mit deinem Empfinden übereinstimmt und sammle unvoreingenommen Informationen, bevor du Urteile fällst.

Dein Körper ist ein Instrument, kein Ornament. (Martha Graham)

Heute ist meine Wahrnehmung meine Superkraft

Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung ist heute für mich meine Superkraft. Ich kann mich auf die Zeichen meines Körpers verlassen, im Umgang mit mir selbst, aber auch im Umgang mit anderen. Es ist nicht immer so, dass ich diese Zeichen gleich einordnen kann, aber ich nehme sie wahr und versuche herauszufinden, was sie zu bedeuten haben. Mithilfe meiner eigenen Wahrnehmung habe ich herausgefunden, wer ich wirklich bin, was mir wichtig ist und was für mich funktioniert. Daraus entwickelte sich ein tiefes Selbstbewusstsein. Dieses hilft mir meine Bedürfnisse, Werte und Ziele klarer zu erkennen und entsprechend zu handeln. Ich treffe für mich klarere Entscheidungen.

Die eigenen Gedanken und Gefühle zu respektieren, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin, also meine Stärken und Schwächen zu akzeptieren, stärkt meine Selbstachtung. Ich bin dadurch weniger anfällig für äußeren Druck und Meinungen anderer. Deshalb muss ich mich immer weniger anpassen oder eine Fassade aufrechterhalten und das lässt mich viel authentischer sein. Mein Vertrauen auf meine inneren Ressourcen macht mich widerstandsfähiger gegenüber Rückschlägen und Herausforderungen.

Weil ich weniger Zeit und Energie damit verschwende, mich selbst zu hinterfragen oder mich ständig zu rechtfertigen, reduziert sich der Stress in meinem Leben und ich bin situativ schneller in der Lage, mich den Gegebenheiten anzupassen und Lösungen zu finden. Indem ich meine eigenen Emotionen und die Emotionen anderer besser verstehe, bin ich in zwischenmenschlichen Beziehungen empathischer und einfühlsamer. Kurz gesagt, gibt mir das Vertrauen in meine Wahrnehmung, die Kontrolle über mein Leben und meine Entscheidungen zurück. All das ist für mich persönlich und meine Arbeit als Therapeutin und Coach eine echte Superkraft.

Fazit

Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung stärkt meine persönlichen Fähigkeiten authentisch zu leben, kluge Entscheidungen zu treffen und ein erfülltes Leben zu führen. Es ermöglicht mir, meine innere Weisheit zu nutzen und mich selbst auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Natürlich gibt es gelegentlich Zweifel an der eigenen Wahrnehmung. Kritisch und skeptisch zu sein, ist in Situationen, in denen ich wichtige Entscheidungen treffe, allerdings auch wichtig. Doch dieses Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung ist etwas ganz anderes als der ständige und übermäßige Zweifel, der mich früher lähmte und meine Lebensqualität erheblich einschränkte.

Diese Zweifel sind gut, weil sie helfen zu überprüfen, ob meine Wahrnehmung von meinen Erfahrungen oder Emotionen gefärbt ist, ob sie meine Vorurteile bedient oder auf bestehenden Überzeugungen beruht. Die Tendenz, Informationen zu suchen, die meine bestehenden Überzeugungen bestätigen, kann sehr verwirrend sein. Auch die Erwartungen, die ich an eine Situation habe, kann meine Wahrnehmung stark beeinflussen. Deswegen versuche ich so oft es geht, eine positive Erfahrung zu erwarten, weil ich dann eher die positiven Aspekte einer Situation bemerke.

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5 Kommentare

  1. Gesa 7. Januar 2024 um 15:43 Uhr

    Vielen Dank für die vielen erhellenden Gedanken!

  2. Gesa 7. Januar 2024 um 15:42 Uhr

    Danke!

  3. […] Klicke hier und lies den vollständigen Blogartikel unter http://www.sylvia-tornau.de […]

  4. Sylvia Tornau 10. November 2023 um 22:53 Uhr

    Danke für die Ermutigung, liebe Vanessa.

  5. Vanessa Christina Randau 10. November 2023 um 21:09 Uhr

    Liebe Sylvia, was für ein toller und mutiger Beitrag! Ich hoffe, deine Tipps zur Schulung der eigenen Wahrnehmung werden vielen Menschen helfen. Liebe Grüße, Vanessa

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, inneren Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
Für ein erfülltes Leben in Verbundenheit.

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