Trauma überfordert das Gehirn

Es gibt so Sätze, da spüre ich kalte Wut in mir hochkochen. Sätze, die aus einem Trauma eine „Entwicklungsstörung“ machen. Wut bekomme ich, wenn dieses Trauma aufgrund von Gewalt durch andere Menschen entstanden ist, weil bei dieser Betrachtungsweise der Fokus auf der Störung liegt. Die Ursache des Traumas, nämlich die Gewalt durch eine andere Person, wird dabei nicht berücksichtigt. Als Folge entwickelt sich die „Störung“. Die Gewalt, das Überwältigende aber löste das Trauma aus, von dem das Gehirn überfordert ist und bleibt, solange das Trauma nicht verarbeitet wird.

Was passiert mit unserem Gehirn bei einem traumatischen Ereignis?

Trauma überfordert unser Gehirn und deshalb verarbeitet es traumatische Erlebnisse anders, als es normalerweise Ereignisse verarbeitet. Bei Trauma geschieht dies ungeordneter und unvollständiger.

Stell dir vor, dein Gehirn ist dein Kleiderschrank. Normalerweise ist alles gut sortiert. Es gibt Fächer für Socken, Unterwäsche, T-Shirts und normalerweise sortierst du dort ein, was hinein soll: die Socken zu den Socken, die T-Shirts zu den T-Shirts usw. Dann passiert etwas, was dich aus der Bahn wirft, du bist so unkonzentriert, dass du plötzlich die Butter im Sockenfach einsortierst und die Unterwäsche ins Tiefkühlfach.

Wenn die Aufregung abgeklungen ist und du findest die Butter im Socken fach, was vielleicht ein wenig peinlich ist. Du musst du vielleicht neue Butter und Socken kaufen, aber du kannst die alte Ordnung wieder herstellen. Bei einem traumatischen Erlebnis ist das anders. Dann stehst du vor dem Sockenfach, findest die Butter, aber du erinnerst dich nicht daran, dass sie in den Kühlschrank gehört. Es ist alles noch da: der Schrank, der Kühlschrank, die Butter, die Wäsche, nur deine Konzentration kehrt nicht wieder und du weißt einfach nicht mehr, wo etwas hingehört.

Sicher ein hinkender Vergleich, er beschreibt aber hervorragend den Zustand, in dem sich das Gehirn befindet, wenn es die traumatischen Erlebnisse nicht oder nur unvollständig bearbeiten kann.
Zu verstehen, was bei Traumatisierung im Gehirn passiert, macht das Trauma nicht weniger belastend, kann aber zu einer ersten Entlastung führen. Deshalb stelle ich in diesem Beitrag die normalen Verarbeitungsprozesse den unterbrochenen Verarbeitungsprozessen bei traumatischen Erlebnissen gegenüber.

So arbeitet das Gehirn im Normalzustand

Das Gehirn besteht aus vier Grundbestandteilen, dem Thalamus, der Amygdala, dem Hippocampus und der Großhirnrinde. Das Zusammenspiel aller Hirnbereiche sorgt dafür, dass wir Denken, Lernen, Fühlen und in verschiedenen Situationen „richtig“ reagieren können. Richtig meint hier, dass unser Gehirn sich evolutionär gesehen nur für eines interessiert: unser Überleben.

Der Thalamus – der Türsteher zu unserem Bewusstsein

Stell dir vor, dein Körper und deine Sinnesorgane fungieren als Informationsleiter. Sie senden ungefiltert alles, was sie wahrnehmen, an den Thalamus. Also alles, was du bewusst oder unbewusst wahrnimmst – siehst, hörst, riechst, schmeckst, fühlst. Der Thalamus ist eine Art Auswahlstelle, er entscheidet, welche dieser Informationen für dich und deinen Körper JETZT wichtig sind. Er ist der Türsteher, der auswählt, welche der ankommenden Informationen im Moment nützlich und dienlich sind. Nur diese Informationen gelangen in dein Bewusstsein, alle anderen werden herausgefiltert.

Die Amygdala – das Angstzentrum

Die Amygdala sorgt dafür, dass du Situationen emotional bewerten kannst. Neben Wut und Trauer, ist die Angst, die für sie wichtigste Emotion, weil diese hilft, Gefahren zu erkennen. Die Aufgabe der Amygdala ist es, Signale und Reize emotional zu bewerten und dann eine Reaktion auszulösen. Um das zu können, kontrolliert sie Körperfunktionen und Reflexe wie die Atmung und den Kreislauf. Sie ist dafür verantwortlich, dass dein Puls sich erhöht oder du zusammenzuckst, wenn du dich erschreckst. Ferner speichert die Amygdala das Ereignis zusammen mit der Emotion ab, um in ähnlichen Situationen sofort eine Reaktion auszulösen.

Wurde also eine Situation als gefährlich abgespeichert, kann eine ähnliche Situation in dir eine Panikreaktion auslösen. In der Funktion als Angstzentrum des Gehirns sorgt die Amygdala für die schnelle Ausschüttung von Botenstoffen, unter anderem Dopamin und Adrenalin, die eine entsprechende Reaktion in einer Gefahrensituation (Flucht, Kampf oder Totstellen) auslösen, um dein Überleben zu sichern.

Der Hippocampus – Seepferdchen (nach seiner Form so benannt)

Der Hippocampus ist evolutionsgeschichtlich sehr alt und bildet die zentrale Schaltstelle des limbischen Systems im Gehirn. Hier fließen Informationen von verschiedenen anderen Gehirnarealen zusammen, werden verarbeitet und an die Großhirnrinde zurückgeschickt. Funktionell ist er an der Bildung und Aufrechterhaltung von Gedächtnisinhalten sowie Lernprozessen beteiligt. Mit seiner ordnenden Wirkung ist er dafür zuständig, Ereignisse zeitlich, geografisch und sprachlich zuzuordnen und die Reize zu bewerten, das heißt, er ist wesentlich für deine Orientierung und deine Lernfähigkeit. Eine zentrale Rolle übernimmt der Hippocampus auch bei der Übertragung von Informationen aus dem Kurzzeitspeicher in den Langzeitspeicher, die Großhirnrinde, also bei der Bildung von Erinnerungen.
Hippocampus und Amygdala arbeiten eng zusammen bei der emotionalen Bewertung von Eindrücken und der Verknüpfung dieser mit verschiedenen Gefühlen. Deshalb erinnerst du dich besser an Ereignisse, bei denen die Amygdala stärker aktiviert wird.

Die Großhirnrinde und der präfrontale Cortex

Die Großhirnrinde nimmt aufgrund der großen Fläche die Hälfte es gesamten Hirnvolumens ein. Sie ist zuständig für die Speicherung von Informationen. Sie ist die biologische Basis unseres Gedächtnisses, der Langzeitspeicher deines Gehirns. Zielorientiertes Handeln und die Entstehung von Gefühlen, Verstand und Denken, das alles sind Ergebnisse der Vorgänge in der Großhirnrinde.

Der präfrontale Cortex, auch der Stirn– oder Frontallappen genannt, ist die größte Hirnstruktur des Menschen ist. Er ist der Teil des menschlichen Hirns, welches bis zur völligen Ausreifung ca. 25 Jahre benötigt. Wichtige Funktionen werden von hier gesteuert: Aufmerksamkeit, Nachdenken, Entscheidung und Planung, für manche Forscher:innen gilt der präfrontale Cortex gar als Sitz der Persönlichkeit.

Veränderungen im Gehirn durch Trauma

Trauma verändert die Struktur und Funktion des Gehirns auf verschiedene Arten, vor allem drei wichtige Bereiche sind dabei betroffen: der Hippocampus, die Amygdala und der mediale präfrontale Kortex.
Bei traumatischen Erlebnissen wird unser Gehirn mit Stresshormonen überflutet. Kurzfristig stärken uns die Stresshormone, in dem wir uns z.B. besser konzentrieren und fokussieren können. Langanhaltender Stress kann körperlich und psychisch krank machen. Eine Überflutung des Gehirns mit Stresshormonen aber sorgt dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen Amygdala und Hippocampus nicht mehr problemlos verläuft.

Hippocampus

Der Hippocampus ist die für Erinnerungen verantwortliche Region im Gehirn. Hier werden alte und neue Erinnerungen sortiert und es wird bestimmt, wo diese Erinnerungen abgelegt werden. Dieser Prozess wird durch ein Trauma gestört. Dadurch können traumatisierte Menschen mitunter alte Erinnerungen nicht mehr von aktuellen Ereignissen unterscheiden. Das liegt daran, dass Erinnerungsfragmente im Hippocampus stecken bleiben und nicht wie vorgesehen auf andere Bereiche verteilt werden. Deshalb fühlen sich alte Erinnerungen manchmal wie akute Ereignisse an. Wessen Gehirn dauerhaft in höchster Alarmbereitschaft ist, der/die sieht hinter jeder Ecke lauernde Gefahr.

Amygdala

Das Angstzentrum des Gehirns wird mit dem menschlichen Überleben in Verbindung gebracht. Es hilft uns durch Ausschüttung von Stresshormonen, uns in Sicherheit zu bringen. Die Stresshormone lösen eine Kampf- oder Fluchtreaktion aus und helfen uns so Gefahren zu vermeiden. Im Kontext eines Traumas wird vermutet, dass die Amygdala überaktiv wird. Dadurch erleben manche traumatisierte Menschen jedes Mal enormen Stress, wenn Reize auftreten, die sie bewusst oder unbewusst an das Trauma erinnern. Das bedeutet, die Stressreaktion tritt selbst dann auf, wenn die Reize nicht direkt mit dem Ereignis in Verbindung gebracht werden (können). Übermäßige Mengen an Stresshormonen verursachen ein höheres Maß an Stress, was noch mehr Hormone freisetzt. Im Ergebnis befindet sich der traumatisierte Mensch in ständiger Alarmbereitschaft.

Medialer präfrontaler Cortex

Dieser hoch entwickelte Bereich des Gehirns hilft uns, Gefahren einzuschätzen, Emotionen zu steuern und Impulse zu kontrollieren. In stressigen Situation zeigen sich hier die besten (auch sozialverträglichen) Reaktionen. Dieser Bereich ist mit dem vernünftigen und rationalen Denken verbunden. Wird das Gehirn mit Stresshormonen überflutet und verliert die traumatisierte Person die Fähigkeit zu bestimmen, wann Gefahren real sind, dann ist es schwierig bis unmöglich Emotionen zu kontrollieren und zu steuern. Es gibt zahlreiche Reize, die als Trigger fungieren und bei Betroffenen intensive emotionale Erinnerungen hervorrufen können (riechen, schmecken, hören, fühlen).

Die gute Nachricht

Trauma kann also tatsächlich zu einer Veränderung des Gehirns führen, z.B. zu einer Vergrößerung der Amygdala oder dazu, der der Hippocampus schrumpft oder unterentwickelt bleibt. Diese Größenveränderung kann mit der Verarbeitung des Traumas aber wieder rückgängig gemacht werden, zum Beispiel dann, wenn wir neue Interaktionsmuster im Gehirn manifestieren und sich das Gehirn neu  „verdrahtet“.

Trauma überfordert das Gehirn

Heilung des Gehirns

Heilung von Traumata erfordert fast immer die Hilfe von erfahrenen Therapeut:innen oder Berater:innen. Der Versuch, das Trauma allein zu lösen, funktioniert selten und der Versuch, das Problem zu „begraben“ oder zu verstecken, verschlimmert die Situation der betroffenen Person, weil somit das gestörte Reaktionsmuster sich immer verfestigt. Heilung erfordert die Verarbeitung der schmerzhaften Emotionen und die Einordnung des traumatischen Ereignisses in einen Gesamtzusammenhang.

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Ein Kommentar

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Hallo, ich bin Sylvia

systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Paaren, Familien und Einzelpersonen daran, negative Kindheitsprägungen und frühe Traumata zu lösen und ein Leben voller Selbstvertrauen, innerem Frieden und emotionaler Stabilität zu führen.
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