Leben mit 60: Warum ich einfachen Antworten nicht mehr glaube
Es gibt Momente im Leben, in denen sich etwas verschiebt, sich neu sortiert, ohne dass sich im Außen viel verändert. Kein Einschnitt, der von anderen bemerkt wird, und doch ist auf einmal etwas anders. Der Blick auf das eigene Leben wird klarer und konkreter. Dieser Text ist aus so einem Moment heraus entstanden. Der Moment war mein Geburtstag in der vergangenen Woche. Ich bin 60 geworden – und mein Blick auf das Leben mit 60 hat sich verändert.
Dieser Beitrag ist kein Rückblick im klassischen Sinn. Keine Sammlung von Erkenntnissen, keine Anleitung und auch kein Versuch, das Älterwerden in eine bestimmte Form zu bringen. Es ist ein Text über Wahrnehmung und über die kaum merklichen Verschiebungen im Inneren. Über Fragen, die schon lange da waren und plötzlich an Gewicht gewinnen. Und auch über Sätze und Vorstellungen, denen ich heute nicht mehr zustimmen kann, auch wenn sie an vielen Stellen immer noch selbstverständlich und verlockend klingen.
Was dich in diesem Beitrag erwartet:
- Leben mit 60: Ein Morgen, der anders war
- Wenn einfache Antworten nicht mehr tragen
- Licht und Dunkel gehören für mich zusammen
- Die Wunden – und was es stattdessen braucht
- Meine Wahrnehmung ist mein Kompass
- Vielleicht erkennst du dich in diesen Gedanken wieder
- Die beste Zeit meines Lebens
- Hier findest du weitere persönliche Blogbeiträge zum Leben mit 60:
Leben mit 60: Ein Morgen, der anders war
Vergangene Woche hatte ich Geburtstag. Ich bin 60 Jahre alt geworden. 60 Jahre – das bedeutet: Das Leben vor mir ist begrenzter als das Leben hinter mir. Vielleicht bleiben mir noch zehn Jahre. Vielleicht zwanzig, wenn es gut geht. Natürlich weiß kein Mensch, wie viel Zeit ihm tatsächlich bleibt. Aber an diesem Morgen war mir meine Endlichkeit in einer neuen Weise gegenwärtig.
Diese Wahrheit, die ich an diesem Morgen in einer anderen, fast ruhigen Intensität in mir spürte, hat Gedanken, Wünsche und Fragen, die sonst manchmal lose nebeneinander liegen, auf einmal in eine andere Ordnung gebracht. Es fühlte sich an, als wäre die Erkenntnis von der Endlichkeit des eigenen Lebens vom Kopf in den Körper gerutscht und hätte sich über Nacht in jeder Pore meines Körpers ausgebreitet. Dieses Gefühl ist existenzieller und gleichzeitig beruhigender als all die Fragen, die mich ohnehin schon lange beschäftigen.
Plötzlich treten die Fragen, was von mir noch alles erledigt, geplant oder geschafft werden will, in den Hintergrund, auch wenn diese Themen weiterhin meine Tage füllen werden. An diesem Geburtstagsmorgen im Jahr des Feuerpferdes spürte ich eine Präsenz anderer Fragen, die ich auch schon lange in mir trage, die jetzt aber in den Vordergrund rücken: Wie will ich die Zeit, die mir bleibt, verbringen? Worauf möchte ich meine Aufmerksamkeit richten? Und mit wem möchte ich mich umgeben? Ich habe keine vollständigen Antworten auf all diese Fragen. Aber ich spüre eine sehr klare Bewegung in mir.
In den Tagen rund um meinen Geburtstag habe ich mir Zeit genommen, auf mein Leben und auf das zu schauen, was sich in mir verändert hat. In den folgenden Abschnitten möchte ich dieser Spur nachgehen und beschreiben, was ich heute anders sehe und anders einordne als früher.
Wenn einfache Antworten nicht mehr tragen
Es gibt Sätze, die mir immer wieder begegnen, in Gesprächen, in Büchern, in den sozialen Medien. Sätze, die oft gut gemeint sind, die Orientierung geben sollen oder Trost.
- „Du musst nur positiv denken.“
- „Zeit heilt alle Wunden.“
- „Du musst deine Komfortzone verlassen.“
- „Man muss einfach loslassen.“
Früher habe ich mich angestrengt, sie auf mein Leben anzuwenden. Ich hoffte, dass etwas Wahres in ihnen steckt, und wurde wütend auf mich, wenn es mir nicht gelang, positiv zu denken oder loszulassen. Die Zeit heilte keine meiner Wunden. So wurde ich diesen Sätzen gegenüber erst skeptisch und später spürte ich einen großen Widerstand in mir.
Dieser Widerstand zeigte sich als unmittelbare Reaktion in meinem Körper. Es war, als würde sich etwas in mir zusammenziehen und gleichzeitig innerlich auf Abstand gehen. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dieser Reaktion zu vertrauen. Sie zeigt mir, dass etwas nicht stimmt. Heute weiß ich: Diese Sätze vereinfachen etwas, das sich nicht vereinfachen lässt. Sie tun so, als gäbe es für das Leben eine Art Anleitung. Als könnten wir Schmerz, Brüche und innere Zerrissenheit überwinden, wenn wir nur die „richtige“ Haltung einnehmen und uns „richtig“ verhalten. Als ließe sich das, was uns geprägt hat, durch eine Entscheidung oder eine bestimmte Denkweise einfach verändern.
Ich glaube nicht mehr an einfache Antworten auf komplexe Erfahrungen. Mein Leben hat mich etwas anderes gelehrt. Das Leben lässt sich nicht in richtig und falsch einteilen. Mein Körper weiß oft früher als mein Verstand, was für mich stimmt. Und dass es nicht darum geht, das Helle zu wählen und das Dunkle hinter sich zu lassen, sondern beides wahrzunehmen und einen Weg zu finden, der mich nicht verengt, sondern mich in meiner ganzen Erfahrung lebendig sein lässt.
Licht und Dunkel gehören für mich zusammen
Heute weiß ich über das Leben, dass es aus Ambivalenzen besteht. Ich habe aufgehört zu glauben, dass ich mich entscheiden muss, für das Helle oder das Dunkle, für das Leichte oder das Schwere. Die Idee, mich entscheiden zu müssen, hat mich lange begleitet und oft unter Druck gesetzt.
Inzwischen weiß ich: Beides existiert in mir, gleichzeitig. Es gibt Anteile in mir, die kraftvoll, klar und zugewandt sind. Und es gibt Anteile, die verletzt, verunsichert, manchmal ängstlich oder müde sind. Ich habe versucht, diese Seiten voneinander zu trennen, die eine zu stärken und die andere zu überwinden. Aber das hat nicht funktioniert.
Im Gegenteil. Je mehr ich versuchte, bestimmte Seiten in mir loszuwerden oder zu verändern, desto enger wurde es in mir. Es war, als würde ich mich selbst aufteilen – in einen Teil, der sein darf, und in einen, der verschwinden soll. Heute weiß ich, dass genau darin das liegt, was mich unlebendig und fest macht.
Wenn ich nur das an mir annehmen kann, was ich mag, lasse ich einen wesentlichen Teil von mir zurück – einen Teil, der mich geprägt hat und zu mir gehört. Und wenn ich meinen Blick nur auf das richte, was schwer ist, wird mein Leben eng. Ich verliere den Kontakt zu dem, was mich trägt, was mich lebendig hält und mir überhaupt erst ermöglicht, weiterzugehen.
Beides gehört zu mir. Es geht nicht darum, eine dieser Seiten aufzulösen, sondern sie wahrzunehmen, ihnen Raum zu geben und einen Umgang damit zu finden, der nicht immer einfach ist und auch nicht immer gelingt. Der mich mit mir in Verbindung bleiben lässt. Diese Verbindung ist es, die meine Lebendigkeit trägt.
Es ist das, was ich meine, wenn ich sage, dass ich einfachen Antworten nicht mehr traue. Weil sie oft versuchen, etwas zu trennen, das in Wirklichkeit zusammengehört.
Ganz ich zu sein bedeutet für mich, dass ich aufgehört habe, mich in einen Teil von mir zu retten und den anderen zurückzulassen. – Sylvia Tornau
Die Wunden – und was es stattdessen braucht
Wenn ich heute auf mein Leben schaue, dann sehe ich nicht nur das, was gelungen ist. Ich sehe auch das, was wehgetan hat. Erfahrungen, die sich eingeschrieben haben. Spuren, die nicht einfach verschwinden.
Lange habe ich geglaubt, dass es darum geht, diese Wunden hinter mir zu lassen. Sie loszuwerden, sie irgendwann nicht mehr zu spüren. Ich habe versucht, sie zu relativieren, zu übergehen, und mich in ihnen verloren – und es hat nichts verändert. Ich habe mich gefragt, warum mir das nicht gelingt. Warum bestimmte Gefühle wieder auftauchen. Warum mein Körper in manchen Situationen reagiert, als wäre etwas noch immer präsent.
Mein Leben änderte sich erst, als ich begann, meine Wunden ernst zu nehmen, sie als Wunden anzuerkennen. Das ist eine Bewegung, die Zeit braucht und sich nicht erzwingen lässt. Ich musste herausfinden, was mir mit diesen Wunden möglich ist. Wie ich mit ihnen leben kann, ohne dass sie mein ganzes Leben bestimmen und ohne so zu tun, als gäbe es sie nicht.
Dabei hat sich noch etwas verändert. Ich richte meinen Blick heute nicht mehr nur auf das, was verletzt ist. So naheliegend das ist, gerade wenn etwas akut schmerzt. Ich versuche, beides im Blick zu behalten: das, was wund ist, und das, was noch trägt. Das, was schwer ist, und das, was lebendig ist.
Solange ich noch meine Finger bewegen kann, solange mein Geist klar ist und ich wahrnehmen kann, was in mir geschieht, gibt es etwas, das nicht zerstört ist. Etwas, mit dem ich in Kontakt gehen kann, das mir ermöglicht, mich zu bewegen – innerlich und äußerlich.
Und genau das ist für mich der Unterschied. Nicht die Wunden verschwinden zu lassen, sondern mit ihnen so in Beziehung zu treten, dass sie mich nicht mehr verengen, sondern Teil meines Lebens sind, ohne es zu bestimmen.
Meine Wahrnehmung ist mein Kompass
Wenn ich auf das schaue, was sich in meinem Leben verändert hat, dann ist es vor allem die Art, wie ich wahrnehme. Lange habe ich meine Wahrnehmung infrage gestellt. Ich war unsicher, ob das, was ich spüre, „richtig“ ist. Ob ich übertreibe oder Dinge falsch einordne. Ich habe anderen mehr geglaubt als mir selbst.
Heute ist das anders. Ich habe gelernt, dass meine Wahrnehmung nicht richtig oder falsch sein muss, um gültig zu sein. Sie ist meine Wahrnehmung. Sie entsteht aus dem, was ich erlebt habe, aus meinem Körper, aus meiner Geschichte, aus meiner Realität. Und genau deshalb ist sie ein verlässlicher Orientierungspunkt für mich.
Das bedeutet nicht, dass andere Menschen mit ihrer Wahrnehmung falsch liegen. Zwei Menschen stehen nebeneinander in demselben Konzert und nehmen doch Unterschiedliches wahr. Für die eine ist es Freude pur, weil die Lieblingsband spielt, für die andere ist es eine Tortur, weil es zu laut ist und zu viele Menschen um sie herumstehen. Im Nachgang zu streiten, wer mit seiner Wahrnehmung recht hat, ist nahezu albern.
Meine Wahrnehmung ist für mich zu einer Art innerem Kompass geworden, gerade dann, wenn alte Erfahrungen mein Erleben beeinflussen. Ich spüre, wenn etwas stimmig ist, und ich spüre, wenn etwas für mich nicht stimmt. Mein Körper sendet mir Signale, noch bevor ich es in Worte fassen kann. Früher habe ich solche Signale übergangen. Heute nehme ich sie ernst, weil ich gelernt habe, dass ich mich verliere, wenn ich mich selbst und meine Wahrnehmung nicht ernst nehme. Ich entferne mich nicht mehr von mir selbst, nur weil ein anderer die Welt anders sieht. Deine Wahrnehmung steht gleichberechtigt neben meiner Wahrnehmung und beide sind richtig: deine für dich und meine für mich.
Vielleicht ist das eine der größten Veränderungen in meinem Leben: dass ich mir selbst glaube.
Die beste Zeit meines Lebens
Wenn ich heute auf mein Leben schaue, dann sehe ich nicht nur das, was war. Ich sehe auch das, was noch vor mir liegt. Ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist. Vielleicht sind es noch zehn Jahre, vielleicht zwanzig. Und auch wenn ich nicht weiß, wie viel Zeit mir tatsächlich bleibt, hat sich mein Blick darauf verändert.
Es geht mir nicht mehr darum, alles zu schaffen, alles zu erleben oder irgendetwas nachzuholen. Es geht mir auch nicht darum, ein bestimmtes Bild von einem „guten Leben“ zu erfüllen, sondern darum, wie ich meine letzten Jahre leben will.
Mein Leben ist, trotz allem, was schwer darin war, mit den Jahren weiter geworden, reicher. Auf jeden Fall ist mein Leben mit 60 freier, stimmiger und wahrhaftiger. Und genau deshalb ist da in mir diese Überzeugung: Die Zeit, die vor mir liegt, wird die beste Zeit meines Lebens werden. Und zwar im Sinn von bewusster, verbundener und lebendiger. So, dass ich am Ende nicht denke, ich hätte mein Leben nur überstanden, sondern sagen kann: Ich habe es wirklich gelebt, ausgekostet und erfahren.
Ich habe keine Zeit mehr, mein Leben aufzuschieben. Und genau das macht es so lebendig. – Sylvia Tornau
Dazu gehört auch ein Selbstversprechen: Ich werde nicht aufhören zu schreiben. Ich werde nicht aufhören, Ungerechtigkeiten anzusprechen, wann immer sie mir begegnen. Und ich werde mich, solange ich bei klarem Verstand bin, für die Rechte von Frauen und für die Diversität unserer Gesellschaft einsetzen.
Am Anfang habe ich vom Leben anderer gelesen, in der Mitte habe ich mein Leben geträumt und einige dieser Träume zu meiner Wirklichkeit werden lassen. Am Ende lese ich immer noch, träume ich immer noch – aber die meiste Zeit lebe ich bewusst, mit allen Sinnen. Ich nehme an, was kommt, und genieße, wann immer sich etwas zum Genuss anbietet: einen Sonnenstrahl, eine Blüte, Vogelgezwitscher, ein Lagerfeuer, einen Regenguss, ein Gespräch, eine Umarmung, einen Kuss …








Hinterlasse einen Kommentar