Weltfrauentag 2026 – zwischen Müdigkeit und Wut

Früher hätte ich zum Weltfrauentag 2026 einen klaren, kämpferischen Text geschrieben. Einen Text mit Haltung, mit Ecken und Kanten, mit dem Anspruch, etwas zu benennen und zu verändern.
In diesem Jahr ist es anders. Ich habe keinen solchen Text geschrieben. Die Themen sind mir nicht gleichgültig geworden, sondern sie sind mir nähergekommen als in den Jahren zuvor. Ich spüre sie in meinem Körper, in meiner Erschöpfung und in den Fragen, die mich im Alltag begleiten. (Wie sich das im Nervensystem zeigt und warum Erschöpfung mehr ist als Müdigkeit, habe ich hier beschrieben.) Wenn ich auf die Welt schaue, sehe ich beides gleichzeitig: das, was Frauen sich über Jahrzehnte erkämpft haben, und wie brüchig diese Errungenschaften gerade werden.
Ich sehe, wie in politischen Systemen weltweit die Rechte von Frauen wieder eingeschränkt werden und wie über den Körper von Frauen entschieden wird, wenn wie in den USA Abtreibung erschwert und kriminalisiert wird. Autoritäre und konservative Kräfte gewinnen weltweit an Einfluss und setzen dabei oft genau dort an, wo Frauen sich in den letzten Jahrzehnten mehr Selbstbestimmung erarbeitet haben. Ich sehe, wie alte Rollenbilder in neuem Gewand zurückkehren, ästhetisch inszeniert und medial sehr erfolgreich. Und vor allem nehme ich wahr, dass das keine entfernten Entwicklungen sind. Sie verändern den gesellschaftlichen Raum, in dem wir leben, auch hier, mitten in Europa.
Das Gefühl von Sicherheit, von erreichten Rechten, von einem „Das haben wir hinter uns“, beginnt in mir zu bröckeln, und diese Gleichzeitigkeit fordert mich heraus. Ich kann sie nicht einfach einordnen oder beruhigen. Ich stehe gerade an einem Punkt, an dem ich keine Antworten habe, sondern zunächst wahrnehme, was diese Entwicklungen in mir auslösen: aktuell vor allem Müdigkeit. Doch unter der Müdigkeit brodelt es.
Was dich in diesem Beitrag erwartet:
Wenn der eigene Kampfgeist sich verändert
Ich kenne meinen Kampfgeist. Er war lange eine verlässliche Kraft in mir. Er hat mir geholfen, mich zu positionieren, Grenzen zu setzen und Dinge auszusprechen, die von anderen so nicht ausgesprochen wurden. Manchmal ließ mich das hart und brachial erscheinen, doch ich wusste instinktiv schon immer, dass liebliches Gesäusel nicht dazu beiträgt, die Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu verändern
Momentan erlebe ich allerdings, dass mein Kampfgeist sich verändert. Er wird leiser, aber klarer in der Ausrichtung, dafür weniger impulsiv und weniger darauf ausgerichtet, sofort zu reagieren. Heute beobachte ich erst einmal, wo er früher schon in die Auseinandersetzung gegangen wäre. Stattdessen ist da jetzt oft zuerst etwas anderes: Müdigkeit. Eine Müdigkeit, die nicht einfach verschwindet, wenn ich mich ausruhe.
Ich ziehe mich zurück, während ein Teil von mir genau weiß, dass Präsenz im Außen gebraucht wird. Zeiten wie diese brauchen Frauen, auf die Straße gehen, laut sind und sich zeigen. Und ich stehe daneben und merke, das kann ich gerade nicht. Nicht in dieser Form und nicht mit dieser Kraft.
Das ist der Punkt, an dem es unbequem in mir wird. Ich kenne mich selbst als jemand, die sich einmischt, die Position bezieht, die nicht stillbleibt, wenn etwas nicht stimmt. Und gleichzeitig spüre ich sehr deutlich meine Grenzen, merke, dass ich mit meinen Kräften haushalten muss und mir nicht mehr alles zumuten kann, was vielleicht notwendig wäre.
Straßenkampf und die direkte Konfrontation sind es gerade nicht. Das war einmal anders und es fällt mir nicht leicht, mir das einzugestehen. Und genau darin liegt der Widerspruch, der in mir arbeitet. Ich sehe, was gebraucht wird, und ich merke gleichzeitig, dass ich es so nicht mehr geben kann.
Noch habe ich für mich noch keine neue Form gefunden, die stimmig ist, und ich halte gerade aus, dass ich darauf noch keine Antwort habe.
Ein Abend unter Frauen
Ich habe mich am Abend des 8. März 2026 mit Frauen getroffen, mit denen mich ein Stück Geschichte verbindet. Wir haben in der Wendezeit gemeinsam die Frauenzeitschrift „Zaunreiterin“ herausgegeben. Diese Publikation war eingebettet in eine Zeit, in der vieles offen war und gleichzeitig für uns Frauen viel auf dem Spiel stand. Es ging um konkrete politische Fragen. Unter anderem um die unterschiedlichen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch in der DDR und der BRD. Uns war klar, dass der Paragraph aus der DDR für Frauen deutlich mehr Selbstbestimmung ermöglicht hat, und wir haben dafür gekämpft, dass er übernommen wird. Das ist gescheitert.
Als wir uns jetzt wieder begegnet sind, war das alles mit im Raum, gar nicht so sehr als Rückblick, eher als Erfahrung, die uns bis heute prägt. Wir haben an dem Abend wenig über früher gesprochen, sondern mehr darüber, was gerade politisch in der Welt passiert. Dieser Backlash ist nicht abstrakt. Er betrifft uns. Daher beschäftigte uns auch die Frage, wie wir heute auf Entwicklungen reagieren können, die wir so schon einmal erlebt haben. Die Frage, was jetzt gebraucht wird und welchen Anteil wir daran noch haben.
In unserem Gespräch standen sich die Ratlosigkeit und ein optimistischer Blick nach vorn gegenüber. Jede von uns trug beides in sich. Wir sprachen auch über junge Frauen und über die Hoffnung, dass sie sich nicht so einfach wieder nehmen lassen, was von den Frauen der letzten beiden Jahrhunderte an Rechten und Möglichkeiten erkämpft wurde. Dass sie trotzdem weitergehen, auch wenn sich gerade vieles wieder enger und bedrohlicher anfühlt.
Der Tenor dieses Abends war ungefähr so: Die Gesellschaft geht drei Schritte vor und jetzt wieder zwei zurück. Und wir Alten stehen irgendwo dazwischen, lecken unsere Wunden und orientieren uns neu. Klar war für uns alle: Aufgeben ist keine Option.
Das Konzert zum Weltfrauentag 2026
Nach dem Gespräch sind wir gemeinsam zum Konzert der Schweizer Frauenband „Les Reines Prochaines“ gegangen. Ich kannte die Band vorher nicht und war auf nichts vorbereitet.
Was dann auf der Bühne passiert ist, hat mich wirklich umgehauen. Diese Frauen entsprechen in keiner Weise dem, was in unserer Gesellschaft als „schön“ gilt, und genau darin liegt ihre enorme Kraft. Da ist nichts angepasst, nichts geglättet, nichts darauf ausgerichtet, Erwartungen zu erfüllen.
Die Frauen stehen auf der Bühne mit einer Selbstverständlichkeit und Präsenz, die stark, direkt und körperlich spürbar ist. Es ist eine Energie, die nicht fragt, ob sie Raum einnehmen darf, sondern ihn einfach nimmt. Mich hat das wirklich angefasst. Da war so viel Lebendigkeit, so viel Ausdruck, so viel Unangepasstheit, dass ich gemerkt habe, wie sehr mir genau das im Moment fehlt. Das war Punk in Reinform, die absolute Verweigerung von Anpassung, die ihren Ausdruck in einer Explosion der Lebendigkeit findet.
Nach den Gesprächen vorher über Backlash, über Rückschritte und über das, was gerade gesellschaftlich passiert, standen da plötzlich diese Frauen mit ihrer Musik, die sich nicht einordnen lässt. Das Konzert war keine Antwort auf unsere Fragen im politischen Sinne, aber eine Form von Gegenkraft, vielleicht sogar ein Gegenentwurf, die sich zeigt, ohne sich erklären zu müssen.
Die Drachin in mir ist an diesem Abend erwacht. Sie hat beide Augen weit geöffnet, die Ohren gespitzt und mit dem um sich schlagenden Schwanz schon mal ein paar Felsbrocken von der Höhlenwand gelöst.
Wo ich gerade stehe
Ich merke, dass ich mich neu verorten muss. Ich bin nicht mehr die, die sofort reagiert und nach vorn geht. Und ich bin auch nicht bereit, mich rauszunehmen. Ich entscheide mich dafür, auch künftig nicht wegzuschauen. Gleichzeitig werde ich meine Kraft anders einsetzen als früher. Konfrontation um jeden Preis ist es nicht mehr. Aber Anpassung oder ein komplettes Verschwinden ins Private ist es ebenso wenig.
Mich im Dazwischen einzurichten, geht nicht lange gut, denn es ist kein bequemer Ort. Und vielleicht ist es gerade deshalb wichtig, mich jetzt dort aufzuhalten. Weil dieser Ort, in all seiner Unbequemlichkeit und mit all seiner Dunkelheit, auch den Schutz bietet, den eine Wandlung braucht.
Tipp: Blogartikel von …..zum Internationalen Tag der Frau












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