Radikale Selbstakzeptanz: Wie du aufhörst, gegen dich selbst zu kämpfen

Frau sitzt ruhig und lächelnd unter einem Baum – radikale Selbstakzeptanz als innere Haltung

 

In meinem Blogartikel „Zu Hause in mir“ habe ich geschrieben, dass ich mich lange Zeit wie ein Alien auf dieser Welt gefühlt habe. Heute weiß ich, dass radikale Selbstakzeptanz dort beginnt, wo man das eigene Fremdheitsgefühl nicht mehr bekämpft, sondern ihm begegnet.

 

Fremd in dieser Welt, fremd in mir, nirgendwohin gehörend. Nackt und unbehaust stolperte ich mehr durchs Leben.” – Sylvia Tornau

 

Unter diesem Gefühl von Fremdheit saß noch etwas anderes. Tiefer eingegraben in mich, kaum noch als Gedanke wahrnehmbar. Dieser Satz kam aus einer alten, von mir verkörperten Überzeugung, die flüsterte:

 

“Lange Zeit dachte ich, für so beschädigte Menschen wie mich gibt es kein Glück. Solchen Menschen wie mir steht das Glück nicht zu.” – Sylvia Tornau

 

Radikale Selbstakzeptanz zeigt sich genau dort, wo du zum ersten Mal innehältst und den Einflüsterungen dieser Stimme nicht länger vorbehaltlos glaubst.

 

  • Dein innerer Kritiker ist eine alte Überlebensstrategie. Er hat dich einst geschützt und sich im Laufe deines Lebens zu einem Käfig für dich entwickelt.
  • Resignation halten wir manchmal für Akzeptanz. Selbstakzeptanz entsteht allerdings auf der Basis deiner Würde, während Resignation aus Ohnmacht entsteht, das ist ein fundamentaler Unterschied.
  • Selbstakzeptanz beginnt in kleinen, konkreten Momenten der Fürsorge für dich selbst.

 

 

 

Was bedeutet radikale Selbstakzeptanz?

 

Radikale Selbstakzeptanz bedeutet, dich selbst vollständig anzunehmen. Mit all deinen Licht- und Schattenseiten, mit der zu dir gehörenden, deinen Reaktionsmustern, Grenzen und Stärken, mit dem Körper, der dich durchs Leben trägt, und auch mit deiner ganz eigenen Art zu fühlen, ohne dich dafür zu verurteilen.

Ich habe an anderer Stelle bereits über radikale Akzeptanz geschrieben, über die Fähigkeit, das anzunehmen, was sich nicht ändern lässt. Eine unschöne Situation, einen Verlust, oder auch das, was früher nicht gut in deinem Leben war. Radikale Selbstakzeptanz geht noch einen Schritt tiefer, denn hier geht es um dich selbst. Die Frage lautet nicht mehr: Kann ich annehmen, was geschehen ist? Sondern die Frage ist: Kann ich annehmen, wer ich bin?

Aus meiner Sicht ist dies, so erlebe ich es in meiner eigenen Geschichte und in der Arbeit mit traumatisierten Frauen, eine der schwersten Fragen überhaupt. Dabei bemühen wir uns durchaus, uns selbst anzunehmen. Aber dieses Bemühen, dieses ewige Ringen darum, besser zu werden, ruhiger, leistungsfähiger, weniger bedürftig, wird so oft von inneren und äußeren Stimmen boykottiert, dass es wie unsere zweite Natur ist. Häufig merken wir kaum noch, wie wir eigentlich in einem dauerhaften Kampf mit uns selbst stecken. Einen Kampf, den wir so nicht gewinnen können und auch aus Sicht anderer vielleicht auch nicht sollen.

 

Dein innerer Kritiker ist eine Überlebensstrategie

 

Meinen inneren Kritiker habe ich viele Jahre als Feind gesehen, als den, der verhindert, dass ich meiner Intuition folge, der mich mit seinem Perfektionismus um den Schlaf brachte, weil ihm nichts, was ich tat, gut genug war. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war, den Kritiker als meinen Feind zu betrachten, weil wir dann gegeneinander und insofern beide gegen mich arbeiten, denn er ist ein Anteil von mir.

Dein innerer Kritiker ist ein Teil von dir, der einst die Aufgabe übernahm, dich zu schützen. Er schützte dich vor Ablehnung, vor dem Schmerz, nicht zu genügen. Er schützte dich auch vor dem Risiko, gesehen zu werden und trotzdem nicht geliebt zu werden. Wenn du in einer Umgebung aufgewachsen bist, in der Fehler bestraft wurden, in der deine Bedürfnisse als störend galten oder Zuneigung an Bedingungen geknüpft war, dann war dieser kritische Innenanteil lebensnotwendig. Er gab dir Handlungsanweisungen, die damals dein Überleben sichern sollten. Er flüsterte: Sei besser, sei stiller oder sei angepasster, dann passiert dir nichts.

Heute, als Erwachsene, lebst du vielleicht in einer Umgebung, die viel sicherer ist, als die Umgebung deiner Kindheit und Jugend. Doch dein Nervensystem weiß das bisher nicht. Es greift auf die alten Muster zurück, die dein Überleben sichern sollen: Selbstkritik, Selbstüberwachung und die Überzeugung, dass du erst dann okay bist, wenn du dich noch ein wenig mehr angestrengt hast.

Das Erkennen dieses Musters, dass es dir als Überlebensstrategie diente und daher kein Defekt ist, ist der erste Schritt zur radikalen Selbstakzeptanz.

 

Ist Selbstakzeptanz dasselbe wie Aufgeben?

 

Ich erlebe häufig, dass Frauen mit einem Unwillen oder Widerstand auf das Thema Selbstakzeptanz reagieren. Manchmal sprechen sie ihn auch aus: “Wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, dann verändere ich mich ja gar nicht mehr.” Diese Feststellung macht definitiv Sinn, weil sie dir zeigt, wie tief der Glaube in dir verankert ist: Nur Druck bringt Veränderung und die Selbstkritik hält mich auf Kurs.

Doch das Gegenteil ist wahr. Selbstakzeptanz bedeutet, dich anzuerkennen, so wie du bist: Du bist ein Mensch mit einer Geschichte. Diese Geschichte hat Spuren hinterlassen. Einige dieser Spuren helfen dir, andere hindern dich. Du darfst beides sehen und anerkennen, dass es in dir ist, mit Klarheit und ohne dich dafür zu verurteilen.

Für mich bedeutet das ganz konkret:

 

“Mich zu lieben heißt, mich so anzunehmen, wie ich bin. Nicht nur meine Strahleseiten, sondern auch das Kantige, Nervige anzunehmen.” – Sylvia Tornau

 

Was ist der Unterschied zwischen Resignation und radikaler Selbstakzeptanz?

 

  Resignation Radikale Selbstakzeptanz
Entsteht aus Ohnmacht Würde
Kontakt zu dir Du verlierst dich Du bleibst in Kontakt mit dir
Erleben Dumpfes Weitermachen Bewusstes Wahrnehmen + Entscheiden
Bewegungsrichtung Rückzug, Taubheit, Verdammen Innehalten, fühlen, sortieren und neu ausrichten

 

Im Zustand der Resignation verlierst du dich. Du ziehst dich von anderen zurück, deine Empfindungen sind dumpf oder gar taub. Du machst immer weiter, weil du keine andere Möglichkeit siehst, und fühlst dich dabei immer erschöpfter. Vielleicht sagst du dir Sätze wie „So bin ich eben“ und empfindest dabei Ablehnung dir selbst gegenüber.

Im Zustand der Selbstakzeptanz bleibst du in Kontakt mit dir. Du siehst, was da ist, nimmst dich an, wie du bist, und du entscheidest von dort aus, was als Nächstes kommt.

 

Wie beginnt Selbstakzeptanz im Körper?

 

Körperorientierte Selbstakzeptanz beginnt dort, wo du aufhörst, deinen Körper als Problem zu behandeln, und anfängst, ihn als Zeugen deiner Geschichte wahrzunehmen.

 

“Du bist mehr als dein Körper, aber ohne deinen Körper gibt es dich nicht.” – Sylvia Tornau

 

Was ich in meiner Arbeit körperorientierte Selbstakzeptanz nenne, kann nicht gedacht werden, aber sie ist fühlbar, spürbar.
Ein Bild hat mir das einmal sehr deutlich gemacht. Es hängt seit über zwanzig Jahren in meinem Zimmer: Frida Kahlos “Die zerbrochene Säule” (1944). Eine Frau, die sich in ihrem ganzen Schmerz zeigt und dabei stolz und aufrecht bleibt.

 

“Entblößt bis ins Mark, wund, voller Schmerz und gleichzeitig stolz und kraftvoll. Ein Sinnbild für eine Frau, die sich nicht versteckt. Die nicht aufgibt, sondern den Schmerz annimmt, mit ihm lebt und dennoch würdevoll strahlt.” – Sylvia Tornau

 

Das ist körperorientierte Selbstakzeptanz in ihrer reinsten Form: den Körper als Zeugen der eigenen Geschichte sehen und ihn trotzdem aufrecht halten. Oder vielleicht gerade deshalb.

Trauma hinterlässt Spuren in unseren Gedanken und Überzeugungen, aber eben auch in unserem Körper, im Nervensystem. Es zeigt sich in chronischen Spannungsmustern, in dem Gefühl, in einem Körper zu wohnen, der sich manchmal fremd anfühlt und manchmal kaum vorhanden.
Was mir auf diesem Weg geholfen hat, war eine sehr körperliche Handlung:

 

“Stundenlang saß ich summend im Schaukelstuhl, voller Liebe für die verletzten Anteile in mir.” – Sylvia Tornau

 

Summend im Schaukelstuhl. Das klingt vielleicht unspektakulär, vielleicht belächelst du es oder dein Kritiker bezeichnet es als Schwachfug. Doch genau das ist für mich selbstakzeptierende Selbstfürsorge in dem Moment, in dem ich sie am meisten gebraucht habe: einfach da sein und den eigenen verletzten Anteilen Gesellschaft leisten.

Das darfst du auch.

 

Drei Fragen, die dich begleiten können

 

Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung möchte ich dir an dieser Stelle bewusst nicht geben, weil radikale Selbstakzeptanz kein linearer Prozess ist. Manchmal ist sie dringend notwendig, dann weniger, weil sich die neue Qualität erst in dir verankern muss. Dann wird sie wieder notwendiger. Es ist wie ein Wellenspiel oder wie die Gezeiten: Mal ist das Wasser ganz nah und dann wieder weit entfernt, aber da ist es immer.

Es gibt drei Fragen, die ich selbst immer wieder nutze und die ich hier gern an dich weitergebe.

 

  1. Wie redest du gerade mit dir selbst und würdest du so mit jemandem sprechen, den du liebst? Diese Frage öffnet oft einen Riss in der automatisierten Selbstkritik. Zunächst nur, um zu sehen, was gerade ist. Das ist schon genug.
  2. Was brauchst du gerade von dir selbst? Vielleicht eine Pause, einen Moment der Würdigung oder das Eingestehen einer Grenze. Manchmal ist deine Antwort kleiner als gedacht und gleichzeitig ist sie für dich alles andere als selbstverständlich.
  3. Welcher Teil von dir kämpft gerade am lautesten gegen dich und was will er eigentlich beschützen? Diese Frage kommt aus der Teilearbeit und kann viel öffnen. Hinter dem lautesten Kritiker steckt oft eine uralte Angst: nicht zu genügen, nicht dazuzugehören, nicht sicher zu sein. Dieser Anteil wird weder kleiner noch stiller, wenn du ihn verurteilst. Das wird er erst dann, wenn du ihm Aufmerksamkeit schenkst, und ihm mit Neugier begegnest.

 

Was sich verändert, wenn du aufhörst, gegen dich zu kämpfen

 

Für mich war es eine lange Reise zur Selbstfindung, Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Eine Odyssee, die mitunter beschwerlich und schmerzhaft war und von Umwegen geprägt, und die sich dennoch gelohnt hat, weil sie mich zu mir zurückgebracht hat.

Radikale Selbstakzeptanz ist kein Zielzustand, sie ist eine Praxis. Eine Entscheidung, die du immer wieder neu triffst, vor allem an den Tagen, an denen du hinter deinen eigenen Erwartungen zurückbleibst, an denen alte Muster sich melden und an denen der innere Kritiker wieder lauter wird als du.

Diese Momente verschwinden durch radikale Selbstakzeptanz nicht. Sie gehören zum Leben, wie Erfolge und Misserfolge, Zustimmung und Ablehnung, oder wie die hormonelle Achterbahnfahrt, die dein Leben als Frau begleitet. Was sich verändert, ist deine Haltung zu diesen Momenten.

Du hörst auf, dich dafür zu verurteilen, dass du du bist. Du fängst an, dir zuzugestehen, was du durchgemacht hast, was du trotzdem getan, getragen und gelebt hast. Zu dir und deinen Bedürfnissen zu stehen, dich nicht permanent selbst infrage zu stellen, das ist die Entscheidung, die du für dich triffst, wenn du dich für radikale Selbstakzeptanz entscheidest.

Für mich ist das bis heute keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Übung, die ich in mein Leben integriert habe. Und ich halte sie für eine der wichtigsten Übungen, die ich kenne.

 

Was bedeutet radikale Selbstakzeptanz?

Radikale Selbstakzeptanz bedeutet, sich selbst vollständig anzunehmen, mit der eigenen Geschichte, den Reaktionsmustern, den Grenzen und Licht- und Schattenseiten, ohne sich dafür zu verurteilen. Es geht nicht darum, mit allem einverstanden zu sein. Es geht darum, aufzuhören, gegen dich selbst zu kämpfen.

Ist Selbstakzeptanz dasselbe wie Aufgeben?

Nein. Resignation entsteht aus Ohnmacht: Du machst weiter, weil du keine andere Wahl siehst. Selbstakzeptanz entsteht aus Würde: Du siehst, was da ist, und entscheidest von dort aus, was als Nächstes kommt. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Was hat der innere Kritiker mit Trauma zu tun?

Der innere Kritiker ist eine alte Überlebensstrategie. In Umgebungen, in denen Fehler bestraft wurden oder Bedürfnisse als störend galten, lernte dein Nervensystem: Sei besser, sei stiller, dann passiert dir nichts. Heute, in einer sichereren Umgebung, greift dein System trotzdem auf diese alten Muster zurück.

Wie kann ich mit radikaler Selbstakzeptanz anfangen?

Fang mit einer Frage an: Wie würde ich mit jemandem sprechen, den ich liebe, und spreche ich so mit mir selbst? Dieser erste Riss in der automatischen Selbstkritik ist oft schon alles, was es braucht, um etwas in dir zu öffnen.

Was ist der Unterschied zwischen radikaler Akzeptanz und radikaler Selbstakzeptanz?

Radikale Akzeptanz bezieht sich auf äußere Umstände, auf das, was sich nicht ändern lässt. Radikale Selbstakzeptanz richtet sich nach innen: auf die eigene Person, die eigene Geschichte, auf deine Reaktionsmuster und deinen Körper. Beide Konzepte ergänzen sich, meinen aber verschiedene Ebenen.

Warum radikale Selbstakzeptanz und nicht einfach Selbstakzeptanz?

Selbstakzeptanz kann leicht bedeuten: Ich akzeptiere mich, außer wenn ich wieder denselben Fehler gemacht habe, außer wenn mein Körper nicht so funktioniert, wie ich will, außer wenn ich einen schlechten Tag habe. Das Wort “radikal” kommt vom lateinischen radix = Wurzel. Es meint: bis zur Wurzel gehen. Radikal meint hier: dich selbst annehmen, auch in den Momenten, in denen es dir besonders schwerfällt. Das ist etwas grundlegend anderes als ein bedingtes Ich-akkzeptiere-mich-wenn.

 

 

 

Über die Autorin: Sylvia Tornau

„Ins Kleid des Lebens Würde weben" ist mein persönliches und berufliches Leitbild. Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coachin und Frau mit eigener Geschichte aus Leipzig. Seit 2007 schreibe ich hier über das, was mich wirklich bewegt: über Muster, die uns fremdbestimmen, über die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir funktionieren, statt zu leben. Und über die manchmal unbequemen Schritte, die wir gehen, um endlich in uns selbst zu Hause zu sein. Mit meinem Schreiben verbinde ich eigene Erfahrungen, aus einer Geschichte des Aufwachsens, die tiefe Spuren hinterlassen hat, aus den Erfahrungen, wie ich mit diesen Spuren umgehe, und mit einem breiten Schatz an Fachwissen, den ich mir über die Jahre aneignete und mir immer noch aneigne. Ich glaube zutiefst daran, dass wir wenig hilfreiche Muster mit einer großen Portion Selbstfürsorge in Lebendigkeit und Lebensfreude verwandeln können.

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Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Die menschliche Psyche und die Frage „Warum ticken wir, wie wir ticken“ treiben mich schon seit meiner Jugend an.

Heute unterstütze ich Frauen dabei, alte Prägungen loszulassen, ihre Emotionen zu regulieren und im eigenen Leben zu Hause zu sein.

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