Mein Körper sprach lange zu mir, doch ich konnte ihn nicht hören

Hinweis: Dieser Artikel enthält persönliche Erfahrungen mit Körperdissoziation und der Sehnsucht, der eigenen Körpererfahrung zu entfliehen. Wenn dich das gerade in einem schwierigen Moment trifft, lies bitte nicht, oder sorge dafür, dass du dich sicher fühlst.

In meiner Jugend war ich Langstreckenläuferin an der Sportschule. Bei jedem Wettkampf habe ich gute Ergebnisse geliefert, so wie es von mir erwartet wurde. Doch jedes Mal, sobald ich die Ziellinie überquerte, bin ich ohnmächtig geworden. Die Trainer arbeiteten mit mir an meiner Atemtechnik, doch es änderte sich nichts. Heute weiß ich, dass ich schon damals Belastungsasthma hatte. Damals habe ich die Ohnmacht so gedeutet: Nach der Anstrengung darf der Körper endlich nachgeben. Heute weiß ich, dass der Kollaps das drastische Zeichen meines Körpers war, der mich vor Überforderung warnte. Ich verstand ihn nicht.

Inzwischen verstehe ich dies als eine gestörte Körperwahrnehmung nach Trauma, für das es in meinem damaligen Leben noch keine Sprache gab. Kopf und Körper verstand ich damals nicht als zueinandergehörend. Meinen Kopf mochte ich, meinen Körper lehnte ich ab, wollte ihn nicht haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Körperwahrnehmung nach einem traumatischen Ereignis ist oft abgeschaltet, weil das Nervensystem Empfindungen gezielt unterbindet, die uns überfordern.
  • Der dorsale Vagusast (Polyvagaltheorie nach Stephen Porges) schaltet das Körpergefühl bei Überforderung ab, damit wir überleben können.
  • Der Körper vergisst nicht: Er speichert alles in Spannungsmustern, Körperhaltung und Atemqualität, und das unterhalb der Bewusstseinsschwelle.
  • Gestörte Körperwahrnehmung nach Trauma zeigt sich in einer verstärkten Fokussierung auf den Kopf, als anhaltende Erschöpfung, Schmerzen oder das Gefühl, irgendwie falsch zu sein.
  • Es gibt nicht den einen richtigen Weg zurück ins Körpergefühl, sondern nur deinen individuellen.

Wie überlebt man in einem Körper, dem man die Schuld gibt?

Dein Nervensystem schützt dich, indem es alle unerträglichen Empfindungen abspaltet und irgendwann einfach nicht mehr registriert.

Wenn Menschen mich fragten “Wie geht es dir?”, wusste ich oft nicht, was ich antworten sollte, weil mir der echte Zugang zu mir fehlte. Ich lebte mit einem Körper, den ich nicht als zu mir gehörig erkannte. Er war da, aber ich mochte ihn nicht. Für mich war der Körper der Verräter, der schuld an dem war, was andere mir antaten. Ich nahm meinen Körper nicht wahr, blendete ihn vollkommen aus. Wenn ich ihn spürte, dann weil er sich in Extremen bei mir meldete: Regelschmerzen, die mich ohnmächtig machten, Fieber, das so hoch stieg, dass ich im Delirium lag. Eine Erschöpfung, die ich erst registrierte, weil ich beim Versuch, morgens aufzustehen, sofort wieder umfiel.

Meinen Körper habe ich in jenen Jahren als Schuldigen gesehen. Er war es, der andere verführt hatte, er war es, der zugelassen hatte, was andere mit ihm anstellten. Heute weiß ich, wie verdreht die Logik dahinter war. Doch indem ich meinem Körper die Schuld gab, musste ich den Schmerz nicht spüren, dass eine der wichtigsten Personen in meinem Kinderleben, eine Person, der ich vertraute und die mich schützen sollte, mich derart beschmutzt und verraten hatte. Es gab Zeiten in meiner Jugend, in denen ich mir wünschte, dieser Körper würde aufhören zu existieren, weil er sich so falsch anfühlte, so gar nicht zu mir gehörig und vor allem so, als hätte er keine Berechtigung in der Welt. Das war kein Wunsch nach dem Ende meines Lebens, sondern ein Wunsch nach dem Ende dieser unerträglichen Verbindung zu einem Körper, den ich nicht ertragen konnte.

Was ist Körperdissoziation und warum hast du keinen Einfluss darauf?

Körperdissoziation ist eine automatische Schutzreaktion deines Nervensystems. Das ist keine bewusste Entscheidung, kein Versagen von dir, sondern ein Mechanismus, der von deinem Nervensystem in Gang gesetzt wird, wenn eine Erfahrung lebensbedrohlich wird.

In bedrohlichen, dich überwältigenden Situationen entscheidet dein Nervensystem, unterhalb jeder bewussten Wahrnehmung, dass die Empfindung jetzt ausgeschaltet werden muss, damit dein Überleben gesichert ist. Was dir dabei abhandenkommt, ist der Zugang zu dem, was dein Körper in Echtzeit wahrnimmt, also was er jetzt fühlt, braucht oder signalisiert. Dein Körper sendet dir diese Informationen weiter, nur ist der Empfang abgeschnitten. Du nimmst seine Signale nicht mehr wahr, außer sie sind extrem.

Das ist es, was ich in meinen jungen Jahren nicht verstanden hatte. Ich habe mir eingeredet, ich hätte keine Beziehung zu meinem Körper, weil irgendetwas mit ihm nicht stimmte. In Wirklichkeit hatte mein Nervensystem eine sehr kluge Entscheidung für mich getroffen, die ich nicht verstand und deren Langzeitwirkung ich nicht einordnen konnte.

Was passiert im Körper, wenn Trauma das Körpergefühl blockiert?

Körperdissoziation ist eine Schutzreaktion des Nervensystems: Es schaltet Körperempfindungen ab, wenn eine Situation zu überwältigend war, um sie zu verarbeiten.

Was mir damals niemand erklären konnte, und was ich heute meinen Klientinnen zu erklären versuche: Das ist keine Frage des Willens, keine persönliche Schwäche, sondern das ist Biologie und in der akuten Situation eine sehr kluge Entscheidung des Nervensystems.

Wenn ein Mensch in seinen frühen Jahren Erfahrungen macht, die zu überwältigend sind, um sie zu verarbeiten, reagiert das vegetative Nervensystem mit dem ältesten Überlebensprogramm, das es kennt. Stephen Porges hat es in seiner Polyvagaltheorie beschrieben: Der sogenannte dorsale Vagusast, der phylogenetisch älteste Teil unseres Nervensystems, schaltet Empfindungen ab, wenn die Bedrohung zu groß ist, und macht das Unerträgliche erträglich, indem er es unspürbar macht. Der Körper nimmt dir das Fühlen weg, damit du überleben kannst.

Was merkt sich der Körper, auch wenn du ihn nicht spüren kannst?

Dein Körper merkt sich alles, er vergisst nicht, sondern er speichert deine Erfahrungen in Spannungsmustern, in deiner Haltung und Atemqualität.

Bessel van der Kolk beschreibt in “Der Körper behält die Rechnung” (2014), wie genau das geschieht: Der Körper speichert alles, aber dieser Speicher liegt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, die durch das traumatische Erleben deutlich hochgedreht wird, weshalb ein Signal sehr laut sein muss, um überhaupt zu dir durchzukommen. Es zeigt sich dir im Schmerz, den du nicht mehr ignorieren kannst, im Kollaps deiner Organe oder deiner Psyche, oder in der Erschöpfung, die du irgendwann nicht mehr wegzuschieben kannst.

Meine Ohnmacht nach dem Überschreiten der Ziellinie war in diesem Licht betrachtet ein Zeichen meines Nervensystems, das mich vor der Überforderung meines Körpers warnen wollte. Leider hat es fast zwanzig Jahre gedauert, bis ich die Signale wirklich deuten konnte.

Woran erkenne ich eine gestörte Körperwahrnehmung?

Eine gestörte Körperwahrnehmung nach Trauma zeigt sich in anhaltender Erschöpfung, in Schmerzen, die immer wiederkehren, und in dem Gefühl, irgendwie immer falsch zu sein. Du vertraust dem, was dein Kopf dir erzählt, weil du die Signale, die dein Körper dir sendet, nicht einzuordnen weißt.

Wenn Frauen zu mir ins Coaching kommen, sagen sie selten “Ich spüre meinen Körper nicht.” Was ich stattdessen höre, klingt ungefähr so: “Ich bin zu dick.” “Mein Körper quält mich mit Hormonschwankungen und Regelschmerzen.” “Ich bin permanent erschöpft, und ich weiß nicht, warum.”

Der Körper wird ausschließlich dort wahrgenommen, wo er den Erwartungen nicht entspricht, gemessen an dem, was eine Frau gesellschaftlich zu leisten hat: schlank sein und leistungsfähig, schmerzensfrei und unauffällig. Wir trimmen unseren Körper aufs Funktionieren. Und wenn er das nicht tut, sehen wir ihn als Problem an.

Mir präsentiert sich eine durchgängig negative Körperwahrnehmung, die sich so in den Köpfen eingenistet hat, dass sie sich wie Realität anfühlt. Hör- und spürbar ist für mich eine tiefe, meist unbewusste Überzeugung, dass dieser Körper so, wie er ist, falsch ist.

Wann begann ich, meinem Körper wieder zu glauben?

Offen gestanden, kann ich das gar nicht so genau beschreiben. Es entstand in all den Jahren, in denen ich mich therapeutisch begleiten ließ und in denen ich lernte, mich selbst zu reflektieren und meine Wahrnehmung zu schulen. In diesem Prozess gab es drei Eckpunkte, von denen ich weiß, dass sie mir den Kanal zur Wahrnehmung meines Körpers geöffnet haben.

  • Eine Therapeutin hat mit mir eine Reise durch meinen Körper gemacht, im Sinne von Psychoedukation. Durch sie verstand ich, warum ich meine Körperempfindungen dissoziiert hatte. Sie erklärte mir, welche Funktion mein Körper für mein Leben hat und dass es ohne meinen Körper kein Leben für mich gibt. Sie erklärte mir meinen Körper, Organ für Organ, und erklärte mir, dass mein Gehirn Sauerstoff braucht, damit ich denken kann, und meine Lungen das ermöglichen. Durch ihre Erklärung öffnete sich in mir der Zugang für meinen Körper. Ich verstand, was für ein Wunderwerk mein Körper ist. Er, den ich zu hassen gelernt hatte, arbeitete trotz meiner Ablehnung all die Jahre für mich.
  • Etwas später, in einem anderen Therapieprozess, nach der Methode des katathymen Bilderlebens, lag ich imaginativ auf einer Wiese. Mein Körper fühlte sich an wie ein Stück totes Holz, in dem ich eingesperrt war, und mich nicht bewegen konnte. In diesem Moment spürte ich zum ersten Mal bewusst die Ohnmacht und die Hilflosigkeit, in der ich seit meiner Kindheit eingesperrt war.
    In einer anderen Sitzung erlebte ich etwas, das ich bis heute schwer in Sprache fassen kann: Ich lag wieder auf der Wiese. Meine Hände und Füße gruben sich in den Boden ein, Wurzeln wuchsen aus meinen Fingerspitzen und Zehen immer tiefer in den Boden. Ich spürte die Wärme der Erde unter mir und ich spürte die Verbindung mit diesem Boden. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich wirklich behütet gefühlt habe. Dieser Moment hat sich für mich nicht so angefühlt wie ein Durchbruch, doch es war der Moment, der eine Tür in mir geöffnet hat, die danach nicht mehr ganz zugegangen ist.
  • Während dieser Zeit habe ich viel experimentiert. Habe Haltungen ausprobiert. Habe beobachtet, was sich ändert, wenn ich auf der Straße auf den Boden schaue oder, den mir entgegenkommenden Menschen ins Gesicht schaue. Was ändert sich, wenn ich meinen Kiefer entspanne, die Schultern? Wie fühlt es sich an, wenn ich meinen Körper schüttle, wie ein Kind einen Hampelmann mache?

Vor diesen Erfahrungen wollte ich damals einen anderen Körper, einen unbeschmutzteren. Aber in diesen Therapien und Selbstversuchen begann sich etwas in mir zu verändern. Ich begann vorsichtig und ein wenig misstrauisch anzuerkennen, dass dieser Körper mich am Leben gehalten hat, und zwar völlig unabhängig davon, ob ich ihn mochte oder nicht.

Gibt es den richtigen Weg zurück in den Körper?

Es gibt leider (oder zum Glück?) nicht den einen richtigen Weg, wie du dich deinem Körper annähern kannst. Der Weg ist immer individuell, weil deine Geschichte individuell ist.

Was ich in meiner Arbeit als systemische Therapeutin und Trauma-Coach erlebe, ist, dass es so viele Wege gibt, wie es Frauen gibt, die diesen Weg gehen wollen. Für einige beginnt der Weg über die Wahrnehmung ihres Atems. Sie bemerken zum ersten Mal, wie flach oder wie tief er ist, und was das mit ihrem inneren Zustand zu tun hat. Andere spüren ihren Körper zum ersten Mal im Schaukelstuhl, der einen beruhigenden Rhythmus erzeugt, der sich für sie wie Sicherheit anfühlt. Wieder andere berühren ihren Körper zum ersten Mal bewusst, ertasten mit neugierigen Fingern ihre Hand, ihre Schulter, spüren die Weichheit und Wärme ihrer Haut und staunen darüber, was das in ihnen auslöst.

Was mich dabei immer wieder überrascht, ist, wie bereitwillig sich viele Frauen auf diese Übungen einlassen, auch wenn sie ihnen skeptisch gegenüberstehen. Manchmal wirkt es auf mich, als hätte etwas in ihnen schon lange auf diese Einladung gewartet.

Inzwischen kann ich voller Überzeugung sagen: “Ich mag meinen Körper und ich mag sogar die Falten in meinem Gesicht, die ihm Ausdruck verleihen.” Vor allem aber mag ich an ihm, wie er mich warnt, wenn ich mich mal wieder überschätze, und wie er trotzdem für mich sorgt, auch wenn ich viele seiner Warnungen noch immer übergehe. Heute ist mein Körper für mich kein Feind mehr, sondern er ist mein Zuhause und gleichzeitig mein Weggefährte, auf den ich vertrauen kann.

Häufige Fragen zu Körperwahrnehmung nach Trauma

Was ist Körperdissoziation nach Trauma?

Körperdissoziation nach Trauma bedeutet, dass das Nervensystem die Wahrnehmung innerer Körperzustände abschwächt oder abschneidet. Das ist eine automatische Schutzreaktion auf überfordernde Erfahrungen. Betroffene spüren ihren Körper oft nur in Extremen, wie durch starke Schmerzen, Erschöpfung oder im Kollaps, während das alltägliche Körpergefühl kaum zugänglich ist.

Warum verlieren Menschen mit Traumageschichte das Körpergefühl?

Das vegetative Nervensystem schaltet Körperempfindungen gezielt ab, wenn eine Situation zu überwältigend war. Stephen Porges beschreibt diesen Mechanismus in seiner Polyvagaltheorie: Der dorsale Vagusast versetzt den Körper in eine Art Erstarrung, die Empfindungen dämpft, um das Überleben zu ermöglichen.

Kann sich Körperwahrnehmung nach einem Trauma wieder entwickeln?

Ja, doch es ist immer ein individueller Weg dorthin. Manche finden den Zugang über ihren Atem, andere über Bewegung, Berührung oder geleitete Imagination. In meiner Arbeit mit der TraumaBalance-Methode erlebe ich immer wieder, wie unterschiedlich die Zugänge zum eigenen Körpergefühl sein können und wie bereitwillig viele Frauen sich auf diese Reise einlassen, auch wenn sie anfangs skeptisch sind.

Was hat die Polyvagaltheorie mit dem Verlust von Körpergefühl zu tun?

Die Polyvagaltheorie erklärt, warum das Nervensystem bei Trauma in einen Abschaltzustand wechselt. Der dorsale Vagusast, der evolutionär älteste Teil des Nervensystems, schaltet die Körperwahrnehmung herunter, wenn Flucht oder Kampf nicht mehr möglich sind. Das Verstehen dieses Mechanismus ist oft der erste Schritt, um dir selbst mit mehr Wohlwollen zu begegnen: Dein Körpergefühl ist nicht verschwunden, weil du “kaputt” bist, sondern es hat sich abgeschalten, damit du überleben konntest.



Über die Autorin: Sylvia Tornau

„Ins Kleid des Lebens Würde weben" ist mein persönliches und berufliches Leitbild. Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coachin und Frau mit eigener Geschichte aus Leipzig. Seit 2007 schreibe ich hier über das, was mich wirklich bewegt: über Muster, die uns fremdbestimmen, über die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir funktionieren, statt zu leben. Und über die manchmal unbequemen Schritte, die wir gehen, um endlich in uns selbst zu Hause zu sein. Mit meinem Schreiben verbinde ich eigene Erfahrungen, aus einer Geschichte des Aufwachsens, die tiefe Spuren hinterlassen hat, aus den Erfahrungen, wie ich mit diesen Spuren umgehe, und mit einem breiten Schatz an Fachwissen, den ich mir über die Jahre aneignete und mir immer noch aneigne. Ich glaube zutiefst daran, dass wir wenig hilfreiche Muster mit einer großen Portion Selbstfürsorge in Lebendigkeit und Lebensfreude verwandeln können.

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Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Die menschliche Psyche und die Frage „Warum ticken wir, wie wir ticken“ treiben mich schon seit meiner Jugend an.

Heute unterstütze ich Frauen dabei, alte Prägungen loszulassen, ihre Emotionen zu regulieren und im eigenen Leben zu Hause zu sein.

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