Ein Tag im Herbst

Ein Freund* sagte einmal zu mir: „Es gibt keine Sicherheit, außer der, dass es keine Sicherheit gibt.“ Dagegen habe ich mich gewehrt. Ich habe gestritten und geweint, eine Tasse heißen Kaffee an die Wand geworfen.
Ein paar Tage später habe ich die Wand neu gestrichen. Ich wollte nicht glauben, nicht wahrhaben, hielt diesen Satz für bedrohlich.

Sicherheit leben

Dem folgte eine Zeit, in der ich die Sicherheit kennenlernte, mich ihr hingab, mit allen Sinnen. Mit ihr lebte, lachte, liebte, über den Wellen des Lebens ritt. Eine Zeit, in der ich meine Träume mit einer Schokoglasur überzog. In dieser Zeit habe ich voller Hochmut auf diesen Satz herabgesehen. Habe ihn belächelt und mich der schützenden Wärme der mich umgebenden Sicherheit ergeben. Habe Verstand und Gefühl ihrem Gesang als Geschenk dargeboten und bemerkte nicht, wie sich mein Blick auf das Leben durch die Weichzeichner der Verlockung verfremdete. Ich lebte in meiner eigenen Welt und verstand nicht, warum ich so atemlos bin, so gehetzt. Ich klammerte mich mit allen Sinnen an die Sicherheit und vergaß dabei, ihr allzu genau in die Seele zu sehen.

Mich in Sicherheit wiegen

Eines Tages, an einem Sonnentag, lächelte die Sicherheit mich an und sprach: „Komm, lass mich dir etwas zeigen.“ Wir stiegen Hand in Hand auf den höchsten Berg in der Umgebung. Der kalte Wind strich mir durchs Haar, aber die Sonne im Gesicht und die Sicherheit an meiner Hand boten ausreichend Wärme. Auf dem Gipfel angekommen stellte sich die Sicherheit hinter mich, umschlang mich mit ihren starken Armen. Sie flüsterte, „Du bist so schön. Aber du hast noch so viel zu lernen.“ Wohlig ließ ich mich in ihre Arme sinken, schloss die Augen und vertraute.

Von der Sicherheit ins Leben geschubst

Ein lautes „Verzeih mir“ und ein Stoß in den Rücken rissen mich heraus aus dem Moment, rissen mich aus der langwährenden scheinbaren Geborgenheit. Unter mir kein Boden, keine Sicherheit mehr an meiner Seite. Ich war allein und fiel. Je weiter ich mich von ihr entfernte, desto klarer wurde mein Blick. Ich sah den sich nahenden Abgrund und die Angst vor dem Aufprall nahm mir die Luft. Ich sehnte das Ende des Schmerzes, der Angst herbei und der Preis dafür war mir egal. Je leerer ich mich fühlte, nichts mehr wollte, mich dem Nichts ergab, desto mehr Details des nahenden Abgrundes konnte ich erkennen. Ich sah, ohne wahrzunehmen, und mein Fall verlor an Geschwindigkeit.

Jetzt schwebe ich wie ein Herbstblatt, lasse mich treiben vom Wind und seinen Tänzen. Ich weiß nicht, was mich erwartet, wenn ich auf dem Boden ankomme. Aber ich weiß, sollte sich eines Tages die Sicherheit wieder zu mir gesellen, so werde ich sie willkommen heißen wie einen alten Freund, aber ich werde ihre Umarmung scheuen und meine Ohren vor ihrem Gesang verschließen.

Fazit

Es gibt keine Sicherheit, außer der, dass es keine Sicherheit gibt.

*Jens Lungwitz 17.03. 1971 – 29.03. 2014, Geliebter, Wegbegleiter, Freund, Ziehvater meiner Tochter, Sparringpartner für die Lektionen des Lebens

Über die Autorin: Sylvia Tornau

„Ins Kleid des Lebens Würde weben" ist mein persönliches und berufliches Leitbild. Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coachin und Frau mit eigener Geschichte aus Leipzig. Seit 2007 schreibe ich hier über das, was mich wirklich bewegt: über Muster, die uns fremdbestimmen, über die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir funktionieren, statt zu leben. Und über die manchmal unbequemen Schritte, die wir gehen, um endlich in uns selbst zu Hause zu sein. Mit meinem Schreiben verbinde ich eigene Erfahrungen, aus einer Geschichte des Aufwachsens, die tiefe Spuren hinterlassen hat, aus den Erfahrungen, wie ich mit diesen Spuren umgehe, und mit einem breiten Schatz an Fachwissen, den ich mir über die Jahre aneignete und mir immer noch aneigne. Ich glaube zutiefst daran, dass wir wenig hilfreiche Muster mit einer großen Portion Selbstfürsorge in Lebendigkeit und Lebensfreude verwandeln können.

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Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Die menschliche Psyche und die Frage „Warum ticken wir, wie wir ticken“ treiben mich schon seit meiner Jugend an.

Heute unterstütze ich Frauen dabei, alte Prägungen loszulassen, ihre Emotionen zu regulieren und im eigenen Leben zu Hause zu sein.

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