Sie weinte die Tränen, die ich nicht weinen konnte – was Frauensolidarität wirklich bedeutet

Was Frauensolidarität bedeutet erklärt Trauma-Coach Sylvia Tornau

Mein Beitrag zur Blogparade „Frauensolidarität – Müssen wir wirklich allein stark sein?

Mit 19 Jahren wohnte ich mit einer Freundin zusammen, und erst das Miteinanderleben führte dazu, dass wir uns wirklich kennenlernten. Eines Nachts saßen wir gemeinsam auf der Couch, teilten uns eine Flasche Rotwein, und irgendetwas in dieser Nacht brachte uns dazu, uns unsere Lebensgeschichten zu erzählen. Ich war damals noch voll im Dissoziationsmodus und habe ziemlich unbeteiligt über all das gesprochen, was mir in meiner Kindheit und Jugend widerfahren ist. Die Gewalt und die Vernachlässigung, das Nichtbeachtetwerden, außer als Vorzeigeobjekt. Heike saß mir damals gegenüber, und während ich erzählte, hielt sie die ganze Zeit über meine Hand und weinte. Sie weinte die Tränen, die ich noch gar nicht zulassen konnte.  

Als ich fertig war, sah sie mich an und sagte: „Jetzt weiß ich, warum du manchmal versuchst, dir das Leben zu nehmen.”

Ich weiß noch, wie sich dieser Satz angefühlt hat. Es war, als würde ich mich im Spiegel erkennen. Zum ersten Mal in meinem Leben sah mich jemand wirklich, ohne mich zu bewerten und ohne mich abzuwerten für all die Verwirrung und Orientierungslosigkeit, die in mir wohnten. Heike hat meinen Schmerz gehalten, den ich selbst abgetrennt hatte. Heute sage ich: Das war Frauensolidarität. 

Frauensolidarität bedeutet für mich, gesehen zu werden, ohne bewertet zu werden, und selbst die Bereitschaft mitzubringen, andere Frauen zu sehen, ohne sie zu bewerten, und für sie da zu sein, wenn es notwendig ist. – Sylvia Tornau

Warum fällt Vertrauen zu anderen Frauen manchmal so schwer?

Häufig sind es die Mütter, die bagatellisieren oder wie in meinem Fall, das Kind vorschicken, zu dem der Ehemann ganz offensichtlich eine “besondere” Beziehung hat. Sie nehmen die Zeichen und Emotionen ihrer Kinder nicht wahr, weil sie selbst nicht wahrhaben wollen oder können, was vor sich geht, oder weil sie sich davon bedroht fühlen. 

Ich habe meiner Mutter viele Jahre lang genau diesen Verrat, sehr übel genommen. Damit habe ich einerseits den eigentlichen Täter, meinen Vater, geschützt, und andererseits ist durch ihr Ignorieren und Wegsehen in mir das Misstrauen gegen Frauen gewachsen. Das Schweigen meiner Mutter hat mich damals tiefer verletzt als vieles andere, und die Lektion, die ich dadurch lernte, war: Frauen schauen weg, sie halten nicht zu mir und sie lassen mich allein.

Das war die Selbsterzählung, basierend auf einer frühen Erfahrung, mit der ich aufgewachsen bin. Und sie saß lange so fest in mir, dass die Frage, ob ich einer anderen Frau überhaupt vertrauen kann, viele meiner Begegnungen unbewusst begleitet hat. Ich wusste nicht, wie ein anderes Bild aussehen sollte, weil mir die Gegenbilder fehlten: Räume, in denen ich hätte erleben können, wie Frauen füreinander einstehen, wie sie sich wirklich wahrnehmen. Diese Räume kamen erst in meinen Zwanzigern in mein Leben.

Wenn Klientinnen mir heute von ähnlichen Erfahrungen erzählen, erkenne ich mich in ihnen wieder. Und ich weiß, wie viel Geduld es braucht, dieses erlernte Frauenbild langsam und vorsichtig zu weiten.  

Konkurrenz statt Verbundenheit – eine alte Lektion

Es gab in meiner Kindheit und Jugend immer eine Schönste, eine Klügste, eine Begabteste, eine Sportlichste. Das war aus heutiger Sicht die patriarchale Erziehungslogik. Sie besagt: Für dich ist nur dann Platz, wenn du dich von den anderen abhebst, denn es kann nur eine geben. In dieser Logik wurden viele Frauen meiner Generation groß, und ich fürchte, sie sitzt noch heute in den Räumen, in denen Frauen miteinander arbeiten, konkurrieren und sich gegenseitig bewerten. 

Diese Prägung wirkt weit über die Kindheit und weit über die Schulzeit hinaus, manchmal bis tief in das Erwachsenenleben hinein. Ich erlebe das in meiner Arbeit immer wieder: Frauen, die anderen Frauen gegenüber misstrauisch sind, die neidisch sind auf das, was die andere hat oder kann. Und das erzählen sie sich noch lange, auch wenn sie bereits mehrfach erlebt haben, dass andere Frauen sie unterstützt und zu ihnen gestanden haben, für sie eingetreten sind. Diese Unterstützerinnen werden nicht selten als Ausnahmen abgespeichert, als die wenigen Freundinnen oder die besonderen Frauen.

Dieses vorsichtige Abwägen, das von klein auf erlernte Misstrauen gegen andere Frauen, schiebt sich vor eine mögliche Verbindung, bevor diese überhaupt entstehen kann.

Was passiert, wenn Frauen anfangen, Unterstützung wirklich wahrzunehmen?

Im Coaching mache ich manchmal eine einfache Übung: Wir sammeln gemeinsam, wie oft andere Frauen die Klientin unterstützt haben, in kleinen Dingen und in großen. Wir schauen uns an, was wirklich war, auch auf die scheinbar kleinen Momente: die Kollegin, die einen Kaffee hingestellt hat; die Fremde, die im Zug gefragt hat, ob alles in Ordnung ist; die Freundin, die zugehört hat, ohne gleich Ratschläge zu geben.

Bei dieser Übung passiert manchmal etwas Wesentliches. Es macht plötzlich Klick und es wird erkannt, dass die Unterstützung durch andere Frauen durchaus vorhanden ist. Dadurch beginnt sich der Blick auf andere Frauen zu weiten, und damit öffnen sich neue Möglichkeiten der Begegnung. Hier zwei Beispiele dafür: 

Eine Klientin hat sich nach einer solchen Sitzung angewöhnt, Frauen anzusprechen, deren Lächeln, Haltung oder Kleidung ihr gefällt. Sie verteilt ernst gemeinte Komplimente. Manchmal reagieren die angesprochenen Frauen irritiert darauf, viel häufiger jedoch dankbar und vergnügt. Aus einigen solcher Begegnungen haben sich Freundschaften entwickelt.

Eine andere Klientin war in einer Selbsthilfegruppe, in der sich die Frauen immer tiefer in ihre Elendsgeschichten hineinzogen. Sie war es müde, weil sie spürte, dass sie dort alle miteinander festhingen. Im Coaching haben wir für diese Treffen eine Struktur erarbeitet, die sie den anderen Frauen später vorgeschlagen hat: Wie können sie einander wirklich stützen? Was würde es bedeuten, nicht nur die finsteren Momente zu teilen, sondern auch gute Erfahrungen miteinander zu machen, etwas zu erleben, das verbindet? Heute ist aus dieser Gruppe ein lebendiges Netzwerk geworden. Ratschläge bleiben bei den Treffen außen vor, außer jemand bittet explizit darum.

Wie kann Frauensolidarität im Alltag konkret aussehen?

Was ich mir wünsche, für dich, für uns alle und für mich, beginnt damit, Freundlichkeit wirklich wahr- und anzunehmen:  

  • Du trägst schwer an deinen Einkäufen und eine andere Frau hält dir die Tür auf.
  • Du siehst Trauer im Gesicht einer anderen Frau und schenkst ihr ein ermutigendes Lächeln.
  • Du wirkst unsicher und eine Frau, bleibt neben dir stehen, und fragt dich, ob alles in Ordnung ist.

Diese Dinge passieren uns allen viel öfter, als wir sie wahrnehmen, denn häufig rauschen sie an uns vorbei, weil wir sie nicht bemerken, sie als Selbstverständlichkeiten abtun oder gar als etwas, was uns selbstverständlich zusteht.

Freundlichkeit ist nicht selbstverständlich und sie steht mir auch nicht zu. Ähnlich ist es bei dem Thema Unterstützung. Ich kann um Unterstützung bitten, aber ich kann Unterstützung nicht erwarten. Deshalb ist es aus meiner Sicht so wichtig, die eigene Wahrnehmung dafür zu schulen, was mir wirklich tagtäglich begegnet, und so meinen Erfahrungshorizont zu weiten, sodass ich mich irgendwann wirklich vom Leben und von anderen Frauen überraschen lassen kann.

Frauensolidarität heißt, mutig zu sein, ohne zu fragen, ob die andere es verdient

Genauso wichtig ist mir aber auch das Thema Selbstwahrnehmung: Wann unterstützt du andere Frauen? Und warum? Weil du dir davon etwas erhoffst? Oder weil die andere gerade etwas braucht, das du ihr geben kannst und willst? Gerade auch im öffentlichen Raum finde ich es wichtig, dass wir aufeinander achten. Wenn ich merke, die andere wirkt verstört oder ängstlich, kann ich sie fragen, ob sie Unterstützung braucht, und ich kann einschreiten, wenn eine andere Frau in der Straßenbahn belästigt oder betatscht wird. 

Braucht das Mut? Ja. Aber ich glaube, dass dieser Mut leichter fließt, wenn wir aufhören zu fragen, ob die andere das verdient, und einfach sehen: Da ist eine in Bedrängnis. Und wenn wir uns gegenseitig so unterstützen, dann ist das gelebte Frauensolidarität.

Wenn wir alle das als selbstverständlich ansehen würden, unabhängig davon, ob uns die andere sympathisch ist, ob sie schön ist, ob sie uns ähnelt, dann machten wir alle zusammen die Welt für uns Frauen ein kleines Stück sicherer. Die Frau auf dem Fahrrad aus meinem Aufruf zur Blogparade hat das getan. Sie hat eine Frau bemerkt, die nachts auf der Straße offensichtlich Angst hatte. Sie hat angehalten und die Frau begleitet, bis der Mann, der sie verfolgte, sich zurückzog.

Häufige Fragen zur Frauensolidarität

Was bedeutet Frauensolidarität?

Frauensolidarität bedeutet für mich, eine andere Frau wirklich wahrzunehmen, ihr zuzuhören, ohne sie zu bewerten. Es bedeutet, anzuhalten und möglichst unterstützend einzugreifen, wenn eine andere Frau in Bedrängnis gerät.

Warum fällt es Frauen mit Traumaerfahrungen schwer, anderen Frauen zu vertrauen?

Wenn die meist weiblichen Bezugspersonen, von denen wir als Kinder Schutz erwarten, wegschauen oder schweigen, dann hinterlässt das eine tiefe Spur. Das Vertrauen wurde verletzt, bevor es sich überhaupt festigen konnte. Dazu kommt, dass Frauen gesellschaftlich auf Konkurrenz trainiert wurden, sodass andere Frauen unbewusst als Bedrohung wahrgenommen werden statt als mögliche Verbündete.

Wie kann ich Frauensolidarität im Alltag leben, wenn ich doch skeptisch bin?

Skepsis ist in vielen Fällen eine kluge Antwort auf echte Erfahrungen, und sie verdient Respekt. Was ich als hilfreich erlebe: den Fokus verschieben. Also weniger Fragen stellen wie „Warum vertraue ich Frauen nicht?” und mehr Fragen wie „Wann hat eine Frau für mich etwas getan, das ich gar nicht erwartet hätte?”

Was tun, wenn eine Frau im öffentlichen Raum in Bedrängnis gerät?

Hinschauen und nicht wegsehen. Eine Möglichkeit ist, dich neben die betroffene Person zu stellen und sie direkt anzusprechen, als würdest du sie kennen: „Alles gut bei dir?”
Eine andere Möglichkeit ist es, andere konkret anzusprechen, etwa in der Art: „Sehen Sie auch, was da gerade passiert? Ich traue mich nicht allein, aber zusammen könnten wir der Frau helfen.”

Müssen wir als Frauen wirklich allein stark sein?

Ich bin überzeugt davon, dass wir das nicht müssen, weil andere da sind, die uns unterstützen. Wir müssen aber lernen, sie wahrzunehmen. Stärke entsteht in der Verbindung, und Verbindung schaffen wir, indem wir uns gegenseitig wahrnehmen und füreinander eintreten.

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Über die Autorin: Sylvia Tornau

„Ins Kleid des Lebens Würde weben" ist mein persönliches und berufliches Leitbild. Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coachin und Frau mit eigener Geschichte aus Leipzig. Seit 2007 schreibe ich hier über das, was mich wirklich bewegt: über Muster, die uns fremdbestimmen, über die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir funktionieren, statt zu leben. Und über die manchmal unbequemen Schritte, die wir gehen, um endlich in uns selbst zu Hause zu sein. Mit meinem Schreiben verbinde ich eigene Erfahrungen, aus einer Geschichte des Aufwachsens, die tiefe Spuren hinterlassen hat, aus den Erfahrungen, wie ich mit diesen Spuren umgehe, und mit einem breiten Schatz an Fachwissen, den ich mir über die Jahre aneignete und mir immer noch aneigne. Ich glaube zutiefst daran, dass wir wenig hilfreiche Muster mit einer großen Portion Selbstfürsorge in Lebendigkeit und Lebensfreude verwandeln können.

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Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Die menschliche Psyche und die Frage „Warum ticken wir, wie wir ticken“ treiben mich schon seit meiner Jugend an.

Heute unterstütze ich Frauen dabei, alte Prägungen loszulassen, ihre Emotionen zu regulieren und im eigenen Leben zu Hause zu sein.

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