Radikale Selbstfürsorge ist mehr als Wellness und Wohlfühlen

 

Vor fünfzehn Jahren badete ich mich durch eine schwere Zeit. Manchmal badete ich dreimal am Tag, meist mit Kerzen auf dem Wannenrand und einem Badeöl, das nach Lavendel roch. Nach meiner Trennung wurde die Badewanne mein verlässlichster Zufluchtsort, und trotzdem warteten die Einsamkeit, die Minderwertigkeitsgefühle und das Gefühl der Verlorenheit jedes Mal auf mich, wenn ich wieder ausstieg.

Diese Bäder trösteten mich, doch sie veränderten nichts. Genau das ist der Unterschied, über den ich heute schreiben will, über den Unterschied zwischen Trost und radikaler Selbstfürsorge.

 

 

 

Was tröstet und was verändert wirklich?

 

Radikale Selbstfürsorge ist für mich die Praxis, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu kennen, klar zu benennen und dafür einzustehen, auch dann, wenn es andere stört. Trost ist wichtig, denn er hält uns aufrecht, wenn der Boden unter uns wegbricht. Eine warme Badewanne, eine Tasse Tee, ein guter Film, die Umarmung eines vertrauten Menschen – all das sind Mittel, um durch schwierige Momente zu kommen. Ich nutze sie bis heute, besonders in Zeiten, in denen der Berufsalltag mit seinen unzähligen ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen an mir zieht.

Aber Trost ist kein Fundament für ein gutes Lebensgefühl. Er ist eine Brücke über den Graben zwischen dem, was du dir gibst, und dem, was du wirklich brauchst.

Radikale Selbstfürsorge beginnt, wenn du aufhörst, für alles die Brücke zu nutzen, und in den Graben steigst, um aufzuräumen, was dort auf dich wartet.

 

Was hat mir damals wirklich geholfen?

 

In den Wochen nach meiner Trennung habe ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas getan, das sich ungewohnt anfühlte und gleichzeitig so wichtig war: Ich habe klar gesagt, was ich brauche.

Ich habe zwei Freundinnen gefragt, ob ich ein paar Tage bei ihnen wohnen kann. Dabei wollte ich weder reden, noch aufgeheitert werden. Was ich brauchte, war das Gefühl, nicht allein zu sein und trauern zu können. Ich sagte den beiden, dass ich mitleidige Blicke und aufmunternde Gesten in dieser Situation nicht aushalten könne.

Sie haben das akzeptiert. Die eine hat für mich gekocht und mir Tee ans Bett gebracht. Die andere hat darauf bestanden, dass ich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde in den Park gehe, ohne Hörbuch oder sonstige Ablenkung. Sie hat mich aufgefordert, den Wind zu spüren, die Sonne oder den Regen, um mich wieder mit mir selbst zu verbinden, mit meinem Körper, der in der Trauer gefangen war. Das hat mich nicht sofort, aber langsam und stetig ins Leben zurückgebracht.

Und dann war da noch das Gespräch mit meinem Chef. Ich bin zu ihm gegangen und habe gesagt: Ich weiß nicht, ob ich gerade wirklich produktiv bin. Aber es tut mir gut, auf der Arbeit zu sein. Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder ich lasse mich krankschreiben und falle komplett aus, oder ich komme jeden Tag, solange ich kann, und gehe, sobald die Traurigkeit mich überrollt. Ich wollte nicht im Büro sitzen und weinen, das ist für mich ein intimer Moment, und da bin ich lieber allein. Er hat dem zugestimmt und ich habe ein Vierteljahr Trauerzeit bekommen.

Was all das verbindet: Ich habe meine Bedürfnisse nicht mehr verhandelt. Ich habe sie benannt, klar und ohne Entschuldigung, und damit anderen ermöglicht, wirklich für mich da zu sein. Nicht als meine Retterinnen, sondern als Wegbegleiterinnen.

 

Was macht Selbstfürsorge radikal?

 

Audre Lorde – Schriftstellerin, Aktivistin und Schwarze Feministin – schrieb 1988, während sie an Krebs erkrankt war:

 

“Für mich selbst zu sorgen ist keine Selbstgefälligkeit, es ist Selbsterhaltung, und das ist ein Akt des politischen Krieges.” – Audre Lorde, A Burst of Light (1988)

 

Für sich zu sorgen in einer Gesellschaft, die das von bestimmten Menschen nicht erwartet, das war für Audre Lorde ein Akt des Widerstands. Radikal daran war für sie die politische Kampfansage. Diesen politischen Kampf unterstütze ich, weil er noch immer relevant ist für Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Frauen weltweit.

Für mich ist die Radikalität daran etwas anderes, etwas Persönlicheres, und ich glaube, für viele Frauen, die ich in meiner Arbeit begleite, ist es das auch. Ich meine den endgültigen Bruch mit dem, was andere von uns erwarten.

Besonders mit den unausgesprochenen Erwartungen hatte ich lange meine Probleme, denn ich war darauf geeicht. Heute ignoriere ich diese. Ich habe keine Lust mehr auf Rätselraten, und in die Köpfe anderer Menschen kann ich zum Glück nicht hineinsehen. Wenn jemand eine Erwartung hat, darf diese gern ausgesprochen werden, doch ich entscheide, ob ich sie erfüllen will und kann.

Diesen Satz – ob ich sie erfüllen will und kann – sage ich bewusst. Ich sage bewusst nicht, ob ich muss oder soll. Ich sage, ob ich will.

 

Wollen statt möchten: die Bambi-Haltung

 

Für mich ist das Wollen eine Frage der Haltung, des Zu-meinen-Bedürfnissen-Stehen. Gleichzeitig ist es der Unterschied zwischen einem Muster, das uns einmal geschützt hat, und einer freien Entscheidung.

Die Bambi-Haltung, so nenne ich diese Körperhaltung der Bedürfnisbitte. Wenn Frauen etwas möchten, legen sie oft den Kopf schief. Die Stimme wird ein wenig weicher. Die Schultern sinken minimal. Eine Geste, die sagt: Ich stelle eine Bitte, bitte sei gnädig mit mir. Bei traumatisierten Frauen ist das nicht selten eine Traumareaktion, die sogenannte Fawn-Response, auf Deutsch auch der Bambi-Reflex genannt.
Wenn du mehr darüber wissen willst, hol dir gern mein kostenfreies PDF „Zurück zu mir“.

Wenn ich etwas will, stehe ich aufrecht, weil ich zu meinem Bedürfnis stehe und nicht mehr danach frage, ob mir das zusteht oder ob ich das darf. Es kommt vor, dass andere, die mich bisher als für ihre Bedürfnisse engagiert erlebt haben, mein „Ich will“ als vermessen oder aggressiv bewerten. Heute sehe ich das als deren Problem. Ich bin noch immer gern für andere da, aber nicht zu meinen Lasten.

Tatsächlich finde ich es furchtbar, dass wir Kindern beibringen, “ich möchte” zu sagen, wenn sie etwas wollen, als wäre das eine Form von Höflichkeit. Dabei lehren wir sie damit nur, sich kleinzumachen, bevor jemand anderes es tut.

Radikale Selbstfürsorge bedeutet für mich: den eigenen Bedürfnissen mit Würde zu begegnen, ganz ohne Entschuldigung.

 

Was passiert, wenn du mit radikaler Selbstfürsorge beginnst?

 

In meiner Arbeit mit Frauen beobachte ich immer wieder denselben Prozess.

 

  • Die erste Reaktion, wenn jemand beginnt, echte Selbstfürsorge zu üben, also wirklich für sich einzustehen, die Erwartungen anderer loszulassen und klar zu sagen, was er oder sie will, ist oft ein Erschrecken: Darf ich das? Steht mir das zu?
  • Kurz darauf kommt die zweite Welle: die Konfrontation mit dem Widerstand von außen. Da gibt es die Freundin, die beleidigt reagiert, weil sie plötzlich eine Absage bekommt. Oder dem Partner, wird die neue Eigenständigkeit unbequem oder die Kollegin reagiert zickig, weil sie ihre Arbeit nicht länger auf deinem Schreibtisch abladen darf. Das heißt, das Umfeld vermisst die vertraute, verfügbare und immer funktionierende Version von dir. Viele machen dann einen Schritt zurück. Aus Angst, als egoistisch zu gelten, und aus Angst, am Ende allein dazustehen.
  • Weitermachen: Es dauert eine Weile, bis der Schmerz über die Ablehnung verarbeitet ist, und es braucht ein bisschen Mut, aber dann trauen sich fast alle, die es einmal ausprobiert haben, wieder. Weil sie gespürt haben, wie es sich anfühlt, für sich einzustehen und die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse nicht mehr von der Reaktion anderer abhängig zu machen.

 

Was ich dir mitgeben will

 

Radikale Selbstfürsorge ist weder ein Programm noch eine Methode. Sie ist eine Haltung und eine Entscheidung, die du immer wieder neu treffen darfst.
Es ist die Entscheidung, deine Bedürfnisse nicht mehr zu rechtfertigen, und unausgesprochene Erwartungen ziehen zu lassen. Und es ist die Entscheidung, aufrechtzustehen, wenn du etwas willst.

 

Bäder und Kerzen sind schön. Me-Time ist essenziell. Ich schaffe mir seit Jahren ein Wochenende im Monat, das nur mir gehört. Es ist mein persönlicher Ausbruch aus dem Müssen. An diesem Wochenende mache ich wirklich nur, was ich in dem Moment gerade will. Auch Trost hat seinen Platz in meinem Leben. Aber echte Selbstfürsorge beginnt dort, wo du aufhörst zu fragen, ob du das darfst.

Das darfst du. Das steht dir zu. Immer!

 

Häufige Fragen zur radikalen Selbstfürsorge

 

Was bedeutet radikale Selbstfürsorge?

Radikale Selbstfürsorge bedeutet, die eigenen Bedürfnisse zu kennen, klar zu benennen und konsequent für ihre Erfüllung einzustehen, unabhängig von fremden Erwartungen. Es geht um eine innere Haltung, nicht um eine Methode oder ein Programm.

Was ist der Unterschied zwischen Trost und radikaler Selbstfürsorge?

Trost hilft, schwierige Momente zu überbrücken. Radikale Selbstfürsorge geht tiefer: Sie verändert die eigene Haltung dir selbst gegenüber und die Art, wie du mit deinen Bedürfnissen umgehst.

Was ist die Bambi-Haltung?

Es ist die Körperhaltung einer Bedürfnisbitte: Kopf schief, Stimme weich, zitternde Knie und auf Erlaubnis wartend. Das kann eine Traumafolge sein, die sogenannte Fawn-Response.

Wie reagiert das Umfeld auf radikale Selbstfürsorge?

Häufig mit Irritation oder Widerstand, besonders von Menschen, die an die verfügbare oder immer funktionierende Version von dir gewöhnt waren. Dieser Widerstand ist schmerzhaft, aber auch ein Zeichen für dich: Es ist echte Veränderung.

Ist Selbstfürsorge dasselbe wie Egoismus?

Das Erschrecken „Darf ich das überhaupt?” ist der erste Schritt und die häufigste Frage meiner Klientinnen. Echte Selbstfürsorge ist kein Egoismus. Sie ist die Voraussetzung dafür, langfristig für andere da sein zu können, ohne den Kontakt zu dir dabei zu verlieren.

 

Über die Autorin: Sylvia Tornau

„Ins Kleid des Lebens Würde weben" ist mein persönliches und berufliches Leitbild. Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coachin und Frau mit eigener Geschichte aus Leipzig. Seit 2007 schreibe ich hier über das, was mich wirklich bewegt: über Muster, die uns fremdbestimmen, über die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir funktionieren, statt zu leben. Und über die manchmal unbequemen Schritte, die wir gehen, um endlich in uns selbst zu Hause zu sein. Mit meinem Schreiben verbinde ich eigene Erfahrungen, aus einer Geschichte des Aufwachsens, die tiefe Spuren hinterlassen hat, aus den Erfahrungen, wie ich mit diesen Spuren umgehe, und mit einem breiten Schatz an Fachwissen, den ich mir über die Jahre aneignete und mir immer noch aneigne. Ich glaube zutiefst daran, dass wir wenig hilfreiche Muster mit einer großen Portion Selbstfürsorge in Lebendigkeit und Lebensfreude verwandeln können.

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Hallo, schön, dass du da bist!

Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Die menschliche Psyche und die Frage „Warum ticken wir, wie wir ticken“ treiben mich schon seit meiner Jugend an.

Heute unterstütze ich Frauen dabei, alte Prägungen loszulassen, ihre Emotionen zu regulieren und im eigenen Leben zu Hause zu sein.

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