Zuversicht in schwierigen Zeiten: Was mir als Traumatherapeutin wirklich hilft

Mein Beitrag zur Blogparade von Pia Hübinger #Zuversichtfinden

In letzter Zeit stolpere ich häufig. Manchmal über eine Treppenstufe oder einen Stein auf dem Weg. Viel häufiger aber stolpere ich über mich selbst. Für kurze Momente weiß ich nicht, warum ich in die Küche gegangen bin, was ich dort eigentlich wollte, oder ich greife nach einer Tasse, die bereits in meiner Hand ist.

Als Traumatherapeutin weiß ich, was diese Signale bedeuten. Da ist eine innere Unruhe in mir, die sich einen Ausweg sucht. Aber da ist auch eine Erschöpfung, die tiefer geht als Schlafmangel. Mein Nervensystem steht unter Dauerstrom und fängt an, Kleinigkeiten fallen zu lassen.

Ich mache seit Monaten Tai-Chi und ich kenne die Atemübungen, die mich beruhigen. Ich weiß, wie Nervensystemregulation funktioniert, und trotzdem stolpere ich. Denn Zuversicht in schwierigen Zeiten hängt nicht von der richtigen Methode ab, sondern davon, ob ich handlungsfähig bleibe. 

Wann gerät meine Zuversicht ins Wanken?

Momentan läuft vieles in meinem Leben gut, sogar besser als je zuvor. Doch wenn ich Wahlprognosen lese und Beiträge über die anstehende Rentenreform im Radio höre, gerate ich schnell aus dem Gleichgewicht und verliere meine Zuversicht.

Wenn ich ehrlich bin, dann sind es nicht die großen, diffusen Ängste, die mich verunsichern, sondern es sind ganz konkrete Dinge.

Schaue ich mir die Wahlprognosen an, sehe ich, wie die AfD in manchen Bundesländern, auch hier in Sachsen, zur stärksten Partei wird. Eine Partei, die gegen Europa ist, gegen Demokratie, gegen Diversität und die sich dafür ausspricht, Menschen mit Migrationshintergrund massenhaft abzuschieben. Das nimmt mir die Luft und den Glauben an die Menschlichkeit.

Wenn ich über die geplante Rentenreform nachdenke, werde ich wütend, so richtig wütend. Ich werde im nächsten Jahr 61 und habe dann 45 Jahre Arbeitszeit hinter mir. Ich habe zweimal berufsbegleitend studiert, alle Fortbildungen berufsbegleitend gemacht, und als Alleinerziehende mit einem Bruchteil des Unterhalts durchgehalten. Durch sexuelle Übergriffe in meiner Kindheit und Jugend wurde ich traumatisiert. Viele Jahre habe ich trotz massiver Menstruationsbeschwerden funktioniert, und bin durch die Wechseljahre navigiert, auf die keine Arbeitsstruktur je Rücksicht genommen hat.

Und jetzt bleibt mir die Aussicht, vielleicht bis 67 arbeiten zu müssen, weil die abschlagsfreie Rente mit 45 Jahren abgeschafft werden soll. Offen gesagt: Ich fühle mich betrogen. Und ich weiß, dass es vielen Frauen so geht, nicht nur in meiner Generation, sondern auch in der Generation meiner Tochter, die dann vielleicht sogar bis 70 arbeiten muss – trotz allem, was sie in ihrem Leben gestemmt hat.

Körperlich wirken sich diese Nachrichten eher negativ auf mich aus. Ich spüre das als Gereiztheit, als innere Orientierungslosigkeit und als Konzentrationsschwäche. In der Folge stolpere ich häufiger.

Der Kern des Problems heißt nicht Angst

Nach vielen Jahren Traumaarbeit weiß ich: Zuversicht ist nicht das Gegenteil von Angst. Angst und Zuversicht können sehr wohl nebeneinander existieren. 

Zuversicht ist nicht das Gegenteil von Angst. Sie ist das Gegenteil von Ohnmacht. – Sylvia Tornau

Für mich war dies der Unterschied, der alles veränderte. Denn Ohnmacht, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, keine Wahl zu haben und nicht gehört zu werden, das ist das eigentliche Problem. Nicht die schwierigen Umstände an sich und auch nicht die Nachrichten über den Abbau des Sozialstaates. Die Umstände und die Nachrichten erzeugen erst einmal diese Ohnmacht.

Menschen, die Bindungs- und Entwicklungstrauma kennen, wissen das aus ihrem Körper heraus: Der Schmerz selbst ist oft aushaltbarer, als das Gefühl, ihm vollständig schutzlos ausgeliefert zu sein. Diese Ohnmacht ist es, die uns wirklich zermürbt. Hingegen ist die Handlungsfähigkeit, sei sie auch nur klein oder symbolisch, das, was uns die Zuversicht zurückbringt.

Was hilft wirklich, wenn Zuversicht in schwierigen Zeiten fehlt?

Bei mir waren es verschiedene Schritte. So habe ich zuerst meinen Medienkonsum gedrosselt. Ich entscheide bewusst, wann ich mich mit Nachrichten konfrontiere und wann nicht. Das ist eine Form von Selbstschutz, und er gehört zur Nervensystemregulation genauso wie die Atemübungen, die ich mehrmals täglich mache. So oft es mir möglich ist, gehe ich in die Natur, treffe meine Freundinnen und verbringe Zeit mit mir allein. Zusätzlich mache ich täglich ein paar Tai-Chi-Übungen. Und ich übe mich in Akzeptanz, was momentan heißt: Noch ist nicht alles beschlossen. Also fokussiere ich mich auf das Heute. Meine wichtigste Frage dabei ist: Was kann ich heute tun, damit es dir und mir gut geht? Das “dir” in diesem Satz ist wichtig für mich. Es hält mich in Verbindung, mit meinen Klientinnen, meinen Freundinnen, mit der Frau, die ich einmal war und die sich damals niemanden vorstellen konnte, der sich so für sie interessiert.

Was mir konkret hilft:

  • Medienkonsum bewusst drosseln
  • So oft wie möglich in die Natur gehen
  • Freundinnen treffen
  • Mehrmals täglich Atemübungen machen
  • Täglich ein paar Tai-Chi-Übungen

Wie bleibe ich in Verbindung, wenn mir die Zuversicht fehlt?

Ich habe einen Kreis von Freundinnen, die alle gebürtige Ostdeutsche sind. Wir haben nichts, was wir unseren Kindern vererben können. Wir haben keine Sicherheitsnetze aus Erbschaften oder familialem Vermögen. Altersarmut ist für uns kein abstraktes Thema, es ist unsere konkrete Realität oder wird es spätestens im Rentenalter sein.

Wir sprechen sehr offen über diese Themen: Wie stellen wir uns das Leben im Alter vor? Was wollen wir und was nicht? Gemeinsam suchen wir nach Wegen, die uns ein gutes Alter ermöglichen. Arm an Geld vielleicht, aber dennoch lebendig und reich an Lebenslust. Wir reden über das Wohnen in einer Alters-WG, darüber, mit wem wir uns das vorstellen könnten und mit wem nicht. Wir reden auch über mögliche Erkrankungen.

Ich zum Beispiel habe große Angst vor Demenz. Dabei geht es nicht darum, dass mir das Vergessen Angst macht, im Gegenteil, manches würde ich gern vergessen. Nein, ich habe Angst davor, dass ich mich im hohen Alter nur noch an meine Kindheit erinnere und dann erneut in diesem Gefängnis lande, ohne die Ressourcen der Erwachsenen, die ich heute bin. Deshalb reden wir auch über selbstbestimmtes Sterben und darüber, wie wir dafür schon heute vorsorgen können. Das hört sich vielleicht schwer an, und ja, es ist schwer, darüber zu sprechen. Und trotzdem: Diese Gespräche geben mir Zuversicht. Weil ich danach weiß: Ich bin dem, was da auf mich zukommt, nicht ohnmächtig ausgeliefert. Wir planen, sind füreinander da und schmieden Bündnisse.

Das ist für mich Zuversicht in schwierigen Zeiten. Nicht die Hoffnung im Sinne von “wird schon gut werden”, sondern die lebendige Erfahrung. Ich habe Gestaltungsmacht, auch dort, wo es bedrohlich wird. Diese Gespräche geben mir die Zuversicht zurück, weil sie mich wieder handlungsfähig machen.

Was kannst du tun, wenn du gerade keinen Boden findest?

Du kennst vielleicht dieses Gefühl: Du hast Angst, und jemand sagt zu dir: “So schlimm wird es schon nicht werden.” Gut gemeint und doch das Falsche. Solche Sätze sollen trösten und lassen dich dennoch mit deinen Ängsten und Sorgen allein.

Deshalb hier meine Tipps, die dir helfen können, einen Ausweg aus der Ohnmacht zu finden:

  • Such dir Menschen, die deine Befürchtungen ernst nehmen. Die mit dir aushalten, was schwer ist, ohne es wegzureden.
  • Nimm deine Ängste ernst. Setze dich mit ihnen auseinander. Akzeptiere, dass sie da sind, und akzeptiere dich mit ihnen, so wie du gerade bist. Du darfst dir Unterstützung suchen, du darfst überprüfen, ob deine Bewertungen der Lage stimmen und wenn ja, ob du sie verändern kannst. Übrigens darfst du auch einfach wütend sein.
  • Dann schau, was du tun kannst. Nicht was du tun müsstest, nicht was andere von dir erwarten, sondern was du tun kannst. Auch kleine Schritte zählen.
  • Such dir Verbündete, denen es ähnlich geht, und schmiedet gemeinsam Pläne. Gestaltet das Leben, nicht irgendwann, sondern jetzt, im Denken und im Sprechen darüber.
  • Gestatte dir zu träumen und schau, ob sich ein Zipfel davon verwirklichen lässt.
  • Und wenn du die Kraft dafür aufbringen kannst: Spüre deine Wut über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, aber versinke nicht darin, sondern nutze ihre Energie. Werde laut, und sei es nur in einem Blogartikel oder einem Social-Media-Beitrag.

Was ich beim Schreiben gemerkt habe

Während ich diesen Beitrag schreibe, merke ich, wie tief ich selbst gerade in diesem Thema stecke. Ich bin nicht die entspannte Therapeutin mit den fertigen Antworten. Ich bin die Frau, die stolpert, die wütend ist, die Tai-Chi macht und mit Freundinnen über Alters-WGs redet. Beides ist wahr, und beides darf da sein. Das ist die Ambivalenz des Lebens. Sie zu jonglieren oder auch nur auszuhalten, zeigt mir, wie viel Kraft neben all den Ängsten noch in mir ist.

Zuversicht in schwierigen Zeiten bedeutet für mich nicht, dass alles gut wird. Sie bedeutet, dass ich nicht ohnmächtig bleibe.

Häufige Fragen zu Zuversicht in schwierigen Zeiten

Was bedeutet Zuversicht in schwierigen Zeiten konkret? 

Zuversicht bedeutet für mich nicht, dass alles gut wird. Sie bedeutet, dass ich nicht ohnmächtig bleibe. Wer handlungsfähig ist, auch im Kleinen, hat Zuversicht, unabhängig davon, wie die äußeren Umstände aussehen.

Wie finde ich Zuversicht zurück, wenn Nachrichten und Politik mich lähmen? 

Ich drossele meinen Medienkonsum bewusst, gehe in die Natur, mache Atemübungen und treffe Menschen, denen ich vertraue. Und ich frage mich täglich: Was kann ich heute tun, damit es dir und mir gut geht?

Was ist der Unterschied zwischen Zuversicht und Optimismus?

Optimismus erwartet, dass es gut wird. Zuversicht vertraut darauf, dass ich nicht ohnmächtig bin, auch dann nicht, wenn es nicht gut wird. 

Was hilft Frauen, die sich von Politik und Gesellschaft betrogen fühlen? 

Verbündete suchen, die dasselbe erleben, und gemeinsam konkret planen, statt zu warten. Die eigene Wut ernst nehmen und als Energie nutzen. Und sich erlauben, laut zu werden, auch wenn es nur ein Blogartikel ist.

Kann Nervensystemregulation bei politischer Erschöpfung helfen? 

Ja, körperliche Praktiken wie Tai-Chi, Atemübungen, Umarmungen und Zeit in der Natur regulieren das Nervensystem, auch wenn der äußere Stress bleibt. Sie sind kein Ersatz für politisches Handeln, aber sie halten die Handlungsfähigkeit aufrecht.

Über die Autorin: Sylvia Tornau

„Ins Kleid des Lebens Würde weben" ist mein persönliches und berufliches Leitbild. Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coachin und Frau mit eigener Geschichte aus Leipzig. Seit 2007 schreibe ich hier über das, was mich wirklich bewegt: über Muster, die uns fremdbestimmen, über die Erschöpfung, die entsteht, wenn wir funktionieren, statt zu leben. Und über die manchmal unbequemen Schritte, die wir gehen, um endlich in uns selbst zu Hause zu sein. Mit meinem Schreiben verbinde ich eigene Erfahrungen, aus einer Geschichte des Aufwachsens, die tiefe Spuren hinterlassen hat, aus den Erfahrungen, wie ich mit diesen Spuren umgehe, und mit einem breiten Schatz an Fachwissen, den ich mir über die Jahre aneignete und mir immer noch aneigne. Ich glaube zutiefst daran, dass wir wenig hilfreiche Muster mit einer großen Portion Selbstfürsorge in Lebendigkeit und Lebensfreude verwandeln können.

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Hallo, schön, dass du da bist!

Ich bin Sylvia, systemische Therapeutin, Trauma-Coach und Bloggerin. Die menschliche Psyche und die Frage „Warum ticken wir, wie wir ticken“ treiben mich schon seit meiner Jugend an.

Heute unterstütze ich Frauen dabei, alte Prägungen loszulassen, ihre Emotionen zu regulieren und im eigenen Leben zu Hause zu sein.

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