Zu laut, zu still, zu viel: Wie Schuld und Scham uns eingeredet werden

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da explodierte ich regelmäßig. Verbal und emotional, manchmal auf eine Weise cholerisch, die mich selbst erschreckte. Ich verletzte Menschen, die mir nah waren, und hinterher kamen fast immer zwei Gefühle, gleichzeitig und kaum voneinander zu unterscheiden.
Das eine war ein fettes Schuldgefühl, welches sich in mir ausbreitete, denn ich hatte jemanden verletzt. Das andere, darunterliegende Gefühl, war das Schamgefühl. Es wurde von den Gedanken gefüttert, dass ich mich wieder einmal nicht im Griff gehabt hatte und ich immer noch nicht wusste, wie ich mit meinen eigenen Verletzungen umgehen sollte.
Lange habe ich Schuld und Scham in denselben Topf geworfen. Beides war unangenehm, obwohl sich beides nach mir anfühlte, und beides wollte ich loswerden. Und genau darin liegt, glaube ich, eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu sich selbst: Schuld und Scham sind zwei verschiedene Gefühle, und sie brauchen unterschiedliche Antworten.
Schuld und Scham – meine Definition
Schuld ist das Gefühl, etwas Falsches getan zu haben, und Scham ist das Gefühl, grundsätzlich falsch zu sein. Bei Bindungs- und Entwicklungstrauma fühlt sich dies meist wie eine innere Wahrheit an, ist aber ein antrainiertes Denken und Fühlen, gespeist aus Worten und Handlungen anderer. Es ist eine Anpassungsleistung des Kindes, an das, was das Kind über sich lernen musste, um bei den Bezugspersonen dazuzugehören, von denen es abhing.
Was dich in diesem Beitrag erwartet:
Was Schuld und Scham wirklich unterscheidet
In der Psychologie werden beide Gefühle oft so erklärt: Schuld bezieht sich auf ein Verhalten, ich habe etwas Falsches getan. Scham bezieht sich auf die Person, ich bin falsch.
Das stimmt erst einmal in dieser Kurzfassung. Aber wenn wir über Bindungs- und Entwicklungstrauma sprechen, greift diese Erklärung zu kurz. Denn hier entstehen Schuld und Scham in der Regel als Antwort auf eine sehr frühe und notwendige Anpassungsleistung: Das Kind muss sich selbst als das Problem sehen, weil das die einzige Möglichkeit ist, die Bindung zu den Bezugspersonen zu erhalten, von denen es abhängig ist. Die Gefühle sind dabei tief, real und oft körperlich verankert, aber ihre Ursache liegt außerhalb. Sie liegt in dem, was andere über das Kind sagten, wie sie es behandelten, was sie ihm über sich selbst beibrachten.
Beschämung ist eines der tiefsten Werkzeuge patriarchaler Systeme, weil Scham Trauma erzeugt, und Trauma erzeugt oft Lähmung. – Bell Hooks
Wenn die Schuld gar nicht deine war
Jahrelang habe ich eine Schuld in mir getragen, obwohl sie mir nie gehört hat. Ich war überzeugt davon, an der Gewalt, die ich als Kind erfahren hatte, mitschuldig zu sein. Mein Wesen hatte ihn provoziert. Meine Art zu sein, mein Äußeres, mein Verhalten – all das hat ihn angezogen und verführt. So zumindest wurde es mir nahegebracht. Ich war schuld und er das Opfer meiner kindlichen Verführungskünste.
Und gleichzeitig war da noch etwas anderes, eine tief sitzende Scham in mir. Das Gefühl signalisierte mir: Ich selbst bin der Fehler. Mein Körper, meine Existenz. Ich reagierte, wie viele traumatisierte Kinder reagieren: Ich entfernte mich von mir. Lebte im Kopf, körperlos. Und wenn mich etwas an den eigenen Körper erinnerte, hasste ich ihn. Im Grunde hasste ich mich. Mein Körper nahm etwas anderes wahr, etwas, was in der Außenwelt nicht wahr sein durfte und geleugnet wurde. Um zu überleben, leugnete ich die Wahrnehmungen meines Körpers.
Erst in der Therapie, Jahre später, konnte ich das lösen. Was ich dort verstand, hat mein inneres Koordinatensystem verändert: Mein Vater war der Täter. Die Schuld lag bei ihm, und sie lag nie bei mir.
In dem Moment, als diese Erkenntnis wirklich ankam, nicht nur als Gedanke, sondern als körperliche Gewissheit, öffnete sich etwas in mir. Zum ersten Mal konnte ich mit der Scham in Kontakt treten und prüfen, ob das, was mir erzählt worden war, mit dem, was mein Körper empfunden hatte, übereinstimmte. Vorher war das schlicht nicht möglich, weil die falsche Schuld davor saß wie eine Mauer. Solange die stand, blieb die Scham dahinter für mich unerreichbar.
Was ich heute verstehe: Bei vielen Frauen, die zu mir kommen, zeigt sich dieselbe Reihenfolge. Zuerst muss die falsche Schuld gehen. Erst dann wird der Weg zur Scham frei.
Zu laut, zu still, zu viel – du warst immer irgendwie falsch
Ich erinnere mich an Sätze meiner Mutter. Sätze, die wohl nicht böse gemeint waren und trotzdem ihr Werk taten: „Vater ist eben so. Du musst dich leiser verhalten. Widersprich nicht immer. Zieh dich anders an.“
Was in diesen Sätzen steckte, war eine klare Botschaft, auch wenn sie nie so ausgesprochen wurde: Was du tust, ist falsch. Und wie du bist, ist auch falsch. Das ist der Nährboden, auf dem Schuld und Scham wachsen. Als Kinder konnten wir nicht prüfen, ob das berechtigt war, ob es wirklich stimmte. Die Erwachsenen, von denen wir buchstäblich abhängig waren, hatten immer recht. Also glaubten wir ihnen, was sie sagten. Das war für uns Kinder eine Überlebensstrategie.
Zu laut, zu still, zu viel, zu wenig, zu neugierig, zu faul, zu dumm, zu empfindlich, zu eigen – irgendwie waren wir immer irgendetwas zu …
Und aus diesem beständigen Zu entstand mit der Zeit eine innere Überzeugung, die sich anfühlte wie eine Tatsache: Ich bin grundsätzlich falsch.
Das ist Scham in ihrer tiefsten Form, und sie hat mit dem, was du wirklich bist, herzlich wenig zu tun.
Was ich bei meinen Klientinnen sehe
Manchmal kommen Frauen zu mir, die ein Kind verloren haben durch eine Fehlgeburt oder eine Totgeburt. Und mit dem Verlust kommen fast immer diese beiden Gefühle.
Die Schuld sagt: Mein Körper hat versagt. Ich war psychisch nicht stabil genug. Ich hätte etwas anders machen müssen.
Die Scham sagt: Ich bin keine vollwertige Frau. Ich kann das nicht, was Frauen können sollen.
Beide Gefühle sitzen im selben Körper und beide fühlen sich nach innen gerichtet an. Die meisten Frauen werfen beides in denselben Topf, weil sie die Gefühle kaum auseinanderhalten können. Solange das so bleibt, dreht sich das Leid im Kreis, weil Schuld und Scham zwar ähnlich wehtun, aber verschiedene Wurzeln haben und verschiedene Wege brauchen, um loszulassen.
Der Weg aus der Schuld beginnt mit einer Frage: Ist das wirklich wahr? War mein Körper tatsächlich schuldig, oder habe ich eine Geschichte übernommen, die mir mein Schockerleben, die Umgebung oder gesellschaftliche Vorstellungen von Mutterschaft eingeredet haben?
Der Weg aus der Scham braucht etwas anderes: Er braucht Begegnung. Das Erleben, gesehen zu werden trotz des Verlusts und wirklich mit dem, was passiert ist. Jemanden zu haben, der nicht wegschaut, nicht tröstet mit „Du kannst es noch einmal versuchen“, sondern eine, die aushält, was du trägst, ohne daraus eine Aussage über dich als Frau zu machen. Denn genau das tut die Scham: Sie verknüpft den Verlust mit deinem Wert. Sie flüstert, dass dein Körper gescheitert ist und du mit ihm.
Die Gegenerfahrung dazu ist etwas, das du in Beziehung erlebst: das Gespürtwerden als ganzer Mensch, unabhängig davon, was dein Körper erlebt oder nicht erlebt hat. Frausein ist keine Fähigkeit, die bewiesen werden muss. Es ist, was du bist.
5 Arten von Scham – und warum der Unterschied zählt
Scham ist nicht gleich Scham. In der Psychologie werden verschiedene Formen unterschieden, die sich zwar ähnlich anfühlen, aber verschiedene Auslöser und Lebensbereiche betreffen. (Quelle: Karrierebibel)
Akute Scham tritt plötzlich und ohne Vorwarnung auf, in einem Moment des Bloßgestelltseins, eines Missgeschicks, einer Situation, auf die wir nicht vorbereitet waren. Der Körper reagiert sofort: mit Röte, Erstarrung oder dem Wunsch, unsichtbar zu werden. Diese Form vergeht meistens, sobald der Moment vorbei ist.
Körperbezogene Scham ist dauerhafter und richtet sich gegen das eigene Äußere. Betroffene fühlen sich mit ihrem Körper grundlegend falsch, zu viel oder zu wenig, und versuchen, ihn möglichst unsichtbar zu halten. Gerade bei Menschen mit frühem Trauma ist diese Form häufig und tief verankert, weil der Körper oft der Ort war, an dem die Verletzung stattfand.
Emotionale Scham entsteht, wenn die eigenen Gefühle als beschämend erlebt werden. Tränen, Wut oder Bedürftigkeit – alles, was als zu viel oder unangemessen gilt. Zur ursprünglichen Emotion kommt dann eine zweite Schicht Scham dazu: das Schämen für das Fühlen selbst.
Krankhafte Scham ist allgegenwärtig und diffus. Betroffene schämen sich für fast alles: dafür, wie sie aussehen, wie sie sprechen, wie viel Raum sie einnehmen, dafür, dass sie überhaupt da sind. Diese Form von Scham ist keine Reaktion auf einen bestimmten Auslöser, sondern ein dauerhafter innerer Zustand, der das gesamte Selbstbild durchdringt.
Trauma-induzierte Scham fühlt sich an wie die eigene und ist es dennoch nicht. Sie entstand nicht aus eigenem Versagen, sondern aus dem, was andere über uns sagten, wie sie uns behandelten, was sie uns über uns selbst beibrachten. Sie ist tief verankert, oft körperlich spürbar, und sie sitzt so früh in uns, dass wir sie lange für unsere eigene Wahrheit halten.
Was Schuld und Scham mit uns machen
Unkontrollierte Schuld- und Schamgefühle verschwinden nicht einfach. Sie verwandeln sich meist in etwas, das wir oft gar nicht mehr als Schuld oder Scham erkennen.
Sie wandeln sich zu Perfektionismus, denn wenn ich alles richtig mache, kann niemand sehen, wie falsch ich bin. Wir finden sie wieder in der inneren Härte, in diesem leisen, dauerhaften Nörgeln an uns selbst, das keine Pause kennt und keine Gnade. Sie führen zu Erschöpfung, weil das Kontrollieren so viel Energie kostet, oder bringen uns dazu, uns zurückzuziehen, weil Begegnung gefährlich erscheint, wenn man im Grunde glaubt: So wie ich bin, bin ich nicht willkommen. Nicht selten führt all das zu Selbstablehnung, Körperhass und innerer Einsamkeit, weil ich, so wie ich bin, ja nicht auf diese Welt gehöre.
Irgendwann brauchen wir die kritischen, uns bewertenden Stimmen von außen gar nicht mehr. Wir haben sie so gründlich verinnerlicht, dass sie heute in uns präsent sind, strenger, hartnäckiger und unerbittlicher, als es irgendjemand von außen je gewesen ist.
Das darf aufhören. Du darfst das aufhören lassen.
Was ich an mir selbst annehme, kann nicht gegen mich verwendet werden, um mich kleiner zu machen. – Audre Lorde
Häufige Fragen zu Schuld und Scham
Wie du Schuld und Scham auseinanderhältst und einen Weg herausfindest
Das Folgende sind Einladungen und keine Aufgaben. Nimm, was sich für dich stimmig anfühlt, und lass den Rest erst einmal liegen.
Rückschau halten
Frage: Welche Situationen trägst du schon lange mit dir? Wofür schämst du dich? Wo fühlst du dich schuldig?
Nimm dir Zeit und schreib auf, was hochkommt, unkontrolliert, planlos, ohne Zensur. Und dann schau, welche dieser Situationen dir am meisten Energie rauben, dich am stärksten triggern und immer wieder auftauchen. Fang mit diesen an.
Prüfen – ist das wirklich wahr?
Frage: Bin ich tatsächlich schuldig? Habe ich als Kind oder Erwachsene wirklich etwas falsch gemacht, oder wurde mir das eingeredet? Und: Habe ich heute, als die Frau, die ich jetzt bin, wirklich einen Grund, mich dafür zu schämen?
Diese Fragen lassen sich manchmal alleine beantworten, und manchmal braucht es jemanden, dem du vertraust, jemanden, der dir zuhört und dir glaubt.
Wenn echte Schuld da ist – Wiedergutmachung statt Selbstbestrafung
Manchmal ist da wirklich etwas, das schiefgelaufen ist. Dann hilft kein Umdeuten, nur akzeptieren: Das habe ich getan. Was helfen kann: Handeln. Ist eine ehrliche Entschuldigung möglich? Eine konkrete Geste? Wenn das nicht möglich ist, was brauchst du, um dir selbst zu vergeben? Kannst du einer anderen Person stellvertretend etwas Gutes tun?
Das Ziel ist das Schließen des Kapitels, damit du weiterleben kannst, statt dich weiter zu bestrafen.
Wenn dein Körper überwältigt wird
Bevor du über das Gefühl nachdenkst, komm zuerst bei dir und im Jetzt an. Lenke deine Aufmerksamkeit bewusst nach außen: Was siehst du gerade? Was hörst du? Beschreibe es laut oder leise, aber nüchtern und konkret. Dein Gedankenkarussell hält kurz inne, wenn du aus dem Fenster schaust.
Oder du hältst dich selbst: Lege deine Arme überkreuzt vor die Brust, eine Hand unter die Achsel, die andere auf den Oberarm. Spür die Wärme deiner Hände und warte, bis dein Atem sich ein wenig vertieft. Das reicht für diesen Moment.
Scham braucht Luft
Scham funktioniert wie ein Ball, den du mit viel Kraft unter Wasser hältst. Du brauchst konstant Energie dafür, auch wenn du es kaum merkst. Wenn du das Gefühl aussprichst, es jemandem erzählst, dem du vertraust, verliert es oft überraschend schnell seine Schwere. Scham gedeiht im Verborgenen, und im Aussprechen beginnt sie sich aufzulösen.
Wenn wir unsere Geschichte mit jemandem teilen können, der uns mit Empathie begegnet, kann Scham nicht überleben. – Brené Brown
Und zum Schluss noch ein Satz, den du dir vielleicht aufschreiben magst:
„Ich habe damals mit dem gehandelt, was ich hatte. Mehr war mir nicht möglich.“
Ausblick
Während ich diesen Artikel geschrieben habe, habe ich gemerkt, wie viel in mir noch wach wird, wenn ich auf diese frühen Jahre zurückschaue. Wie lange ich beides getragen habe, Schuld und Scham, bevor ich verstand, dass beides nie wirklich mir gehört hat. Und wie viel Raum entsteht, wenn man anfängt, beides auseinanderzuhalten.
Du musst das nicht alleine tun. Wenn du spürst, dass dich das Thema berührt und du dir Begleitung wünschst, lade ich dich herzlich zu einem 30-Minuten kostenfreien Kennenlerngespräch ein. Das Gespräch findet Online statt.











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