Authentisch sein: Was es bedeutet und warum das positive Selbstbild uns täuscht

Authentisch sein ist für mich schon lange ein wichtiger Wert und doch hat mich der Kommentar einer Leserin zu meinem Artikel „Vom Trauma zur Freiheit: Lebensfreude im Alter” dazu inspiriert, noch einmal tiefer in das Thema einzutauchen. Sie schrieb, sie frage sich, ob Frauen wirklich Vorbilder fürs Älterwerden brauchen. Und: “Ist nicht eher Authentizität der Schlüssel?” Ihren Kommentar beendete sie mit den Worten: “Und mal Hand aufs Herz: Auch die strahlendsten Menschen haben ihre schwarzen Momente und kleine Lebenslügen, oder?”
Ich gebe zu, im ersten Moment fühlte ich mich angegriffen. Vielleicht war der Kommentar so gemeint, vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß: Nach der ersten Reaktion der Abwehr spürte ich Neugier in mir und ich fragte mich: Was bedeutet authentisch sein wirklich? Wie entsteht es? Und ist es für Frauen, die früh Traumatisches erlebt haben, eine vollständig andere Frage als für alle anderen?
Diesen Fragen und Gedanken widme ich diesen Blogartikel. Danke, Susann, für deinen anregenden Kommentar.
“Wenn ich mich nicht selbst definiere, werde ich von den Fantasien anderer über mich zerquetscht und aufgefressen.” – Audre Lorde

Das Wichtigste in Kürze
- Authentisch sein ist kein Zustand, den man erreicht, sondern es ist ein momentanes und ehrliches Verhältnis zu sich selbst.
- Authentizität wird häufig mit dem positiven Selbstbild verwechselt, dem ich entsprechen möchte, doch das ist oft nicht real.
- Wer versucht, authentisch zu wirken, verliert genau das, denn der Druck, echt zu sein, macht uns unecht.
- Für traumatisierte Frauen ist Authentizität keine Frage des Mutes, sondern des Zugangs zum eigenen Erleben.
- Das Nervensystem entscheidet, welche Wahrheiten wir gerade tragen können. Das ist ein Schutzmechanismus.
- Vorbilder helfen nicht, indem sie zeigen, wer wir sein sollen, sondern indem sie zeigen, was alles möglich ist.
- Der erste Schritt: Unterscheide, was dein eigenes Erleben ist und was eine fremde Erwartung.
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Inhaltsverzeichnis
- Warum ist Authentizität kein Optimierungsziel?
- Wenn Selbstbild und Authentizität verwechselt werden
- Was bedeutet authentisch sein?
- Gibt es das wahre Selbst überhaupt?
- Warum ist authentisch sein für traumatisierte Frauen besonders schwer?
- Fünf Schritte, wie dein Heimweg beginnen kann
- Brauchen wir Vorbilder, um authentisch zu leben?
- Was ist der Unterschied zwischen einer Lebenslüge und einer Schutzwahrheit?
- Was dieser Kommentar mir gezeigt hat
- Häufige Fragen zu Authentizität und Trauma
Warum ist Authentizität kein Optimierungsziel?
Authentisch sein wird meiner Ansicht nach zum Problem, sobald es zur Anforderung wird, denn dann ist es keine Authentizität mehr, sondern eine Anpassungsleistung.
Die Anforderung hast du bestimmt schon auf Tassen gelesen, in Podcasts, auf Instagram oder in Coaching-Programmen gehört: “Lebe authentisch.” “Sei du selbst.” “Zeig dich so, wie du wirklich bist.” Prinzipiell klingt das gut und befreiend. Und trotzdem beschleicht mich beim Lesen und Hören manchmal ein seltsames Unbehagen.
Denn was passiert, wenn Authentizität selbst zum Anspruch wird, zu einer weiteren Aufgabe auf der langen Liste, auf der wir uns verbessern, optimieren, entwickeln sollen? Wenn dahinter die Forderung steht, dass ich nicht nur funktionieren, sondern dabei auch noch echt sein muss? Dann wird Authentizität zur Leistung und das ist für mich das Gegenteil von dem, was sie sein soll.
Ich habe das selbst erlebt, diese anstrengende Suche nach dem “wahren Selbst”, als wäre es ein Ort, den man finden und dann für immer bewohnen kann. Nur: Je mehr ich danach gesucht habe, desto weiter weg schien es zu rücken, und trotzdem gab es Momente, in denen ich mich authentisch fühlte.
Im Anspruch an die eigene Authentizität ist also ein Paradox eingebaut: Wer versucht, authentisch zu wirken, ist es schon nicht mehr. Deshalb gefällt es mir als Wert für mein Leben besser: Ein Wert ist eine Orientierungshilfe, weil ich mich daran ausrichten kann, auch wenn ich weiß, dass ich ihn nicht in jedem Moment meines Lebens halten werde.
Wenn Selbstbild und Authentizität verwechselt werden
Es gibt noch eine zweite Verwechslung, die ich immer wieder beobachte: Authentizität wird nicht nur mit einem äußeren Anspruch verwechselt, sondern auch mit einem inneren. Mit einem positiven Selbstbild, dem ich entsprechen möchte. Einem Bild von mir, das stimmig ist und das glänzt, das sich aber, wenn ich ehrlich bin, gar nicht immer real anfühlt.
Und dann ertappe ich mich dabei, diesem positiven Selbstbild nicht zu entsprechen. Manchmal reagiere ich gereizt, obwohl ich doch jemand sein will, der gelassen ist. Oder ich ziehe mich von anderen zurück, obwohl ich mich doch als offenen Menschen wahrnehme. Es kann auch sein, dass ich erschöpft bin, obwohl mein Selbstbild von mir erwartet, “kraftvoll” zu sein. In den Momenten, in denen mir diese Diskrepanz auffällt, denke ich: “Ich bin nicht authentisch.”
Aber ist das wirklich so? Was, wenn genau diese Gereiztheit, dieser Rückzug, diese Erschöpfung der authentischste Ausdruck von mir in diesem Moment ist?
Das positive Selbstbild, dem ich entsprechen möchte, ist kein Abbild meiner Wirklichkeit – es ist ein Ideal. Und Ideale sind keine zuverlässigen Maßstäbe für Echtheit. Der erste Schritt zur Authentizität ist manchmal schlicht: loszulassen, wer ich sein sollte – um wahrzunehmen, wer ich gerade wirklich bin.
Was bedeutet authentisch sein?
Für mich bedeutet authentisch sein vor allem, Widersprüche auszuhalten. Ich kann etwas von ganzem Herzen wollen und es gleichzeitig infrage stellen. Ich kann eine Überzeugung vertreten und den Zweifel daran kennen. Authentisch bin ich, wenn ich mich dir so zeige, wie ich im Moment wirklich bin, ohne mich zu verstellen und ohne mich an den Bewertungen anderer auszurichten. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger. Und in Strukturen, in denen das nicht erwünscht ist, stoße ich schnell an Grenzen.
Authentizität ist für mich also kein Zustand, den man einmal erreicht. Sie ist ein Verhältnis zu sich selbst, zum Moment und zur anderen Person.
Der Moment der Authentizität entsteht genau dann, wenn ich aufgehört habe, ihn zu suchen. Wenn ich nicht mehr frage “Bin ich jetzt echt genug?”, sondern einfach sage, was ich wirklich meine oder was ich wirklich fühle. Ohne es für mein Gegenüber zu formen und zu glätten und für die Wirkung herzurichten. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Warum das so ist, wird klarer, wenn du verstehst, was frühe Verletzungen mit dem Kontakt zu dir selbst machen.
Gibt es das wahre Selbst überhaupt?
Bevor ich weitergehe, möchte ich bei einem Begriff innehalten, den ich vorhin schon genannt habe und den du wahrscheinlich oft gehört hast: das wahre Selbst. Donald Winnicott, britischer Kinderarzt und Psychoanalytiker, prägte ihn in den 1960er Jahren aus seiner Beobachtung von Müttern und ihren Säuglingen.
Was er im Kind beobachtete: Wenn eine Mutter auf die spontanen Gesten ihres Kindes eingeht, auf seinen Hunger, seine Neugier und seine Lebendigkeit, darf das Kind bei sich bleiben. Es lernt: Mein Erleben ist willkommen. Was sich dann entfaltet, nannte Winnicott das wahre Selbst. Er beschreibt es nicht als eine feste Figur, sondern eher als eine Qualität: das Erleben von Spontaneität, von Echtheit und von lebendigem Kontakt mit sich selbst.
Passt die Mutter das Kind hingegen an ihre eigene Gestimmtheit an, lernt das Kind etwas anderes: Mein echtes Erleben ist hier nicht sicher. Es entwickelt eine Schutzschicht, nach Winnicott das falsche Selbst, damit die Beziehung zur Mutter (und den Bezugspersonen) erhalten bleibt. Diese Schutzschicht funktioniert und hält das Kind in der Verbindung. Aber sie kostet auch viel: Im späteren Leben sorgt sie dafür, dass wir funktionieren, uns dabei aber irgendwie unwirklich fühlen.
Ich finde dieses Bild treffend und möchte trotzdem etwas ergänzen. Ich glaube nicht, dass es einen festen Kern in uns gibt, der nur darauf wartet, freigelegt zu werden. Was ich stattdessen erlebe, in mir selbst und in der Arbeit mit Frauen: Es gibt Momente der Stimmigkeit. Momente, in denen das, was ich denke, fühle und tue, zusammenpasst.
Auch aus der Anteilearbeit kenne ich das gut: Es gibt nicht ein wahres Selbst und ein anderes, das falsch ist. Es gibt viele Anteile in uns, auch sich widersprechende, und das, was manchmal “Selbst” genannt wird, ist keine Figur, sondern eine Fähigkeit. Die Fähigkeit, innezuhalten, zu beobachten und mitzufühlen, auch mit sich selbst.
Authentisch sein heißt dann nicht, ein verborgenes Selbst zu finden. Es heißt, in Kontakt zu sein mit dem, was gerade in dir ist. Auch wenn es sich morgen schon wieder anders anfühlt.
Warum ist authentisch sein für traumatisierte Frauen besonders schwer?
Hier liegt, glaube ich, das Missverständnis, das mich an “Sei einfach du selbst” schon so lange stört. Authentizität wird oft als Frage von Mut behandelt. Als ob es nur darum ginge, sich zu trauen. Aber für viele Frauen ist das keine Frage des Mutes, sondern es ist eine Frage des Zugangs zum eigenen Erleben.
Wer in der Kindheit Traumatisches erlebt hat, emotionale Vernachlässigung, Übergriffe, das Aufwachsen in einem Umfeld, das keinen Raum für das eigene Erleben und die eigene Wahrnehmung ließ, hat das sogenannte “wahre Selbst” oft früh verborgen. Manchmal so früh, dass man als Erwachsene kaum weiß, dass da etwas verborgen liegt.
Ich kenne Momente, in denen ich gefragt wurde: “Was willst du eigentlich?” und in mir war nichts. Keine Antwort. In meiner Kindheit war das Wollen selbst zu gefährlich. Ich lernte, es zu ignorieren, und ich lernte, mich unsichtbar zu machen.
Das ist verwirrend und es ist eine Überlebensleistung. Aber sie hat eine Konsequenz: Authentizität für traumatisierte Frauen ist nicht dieselbe Aufgabe wie für jemanden, der weitgehend sicher aufgewachsen ist. Für die eine ist es ein Mut-Problem, während es für die andere ein Heimweg ist.
Dieser Heimweg fühlt sich meist nicht nach der großen, alles verändernden Ankunft an, sondern eher wie kleine Verschiebungen. Deine Stimmung, hebt sich, ohne dass du weißt, warum. Dein Körper entspannt sich und du bist froh und stolz auf dich, wenn es dir gelingt, zu einem eigenen Bedürfnis zu stehen, obwohl dir das Angst macht. Wenn du dir selbst näher kommst, merkst du am Anfang meistens nur, dass sich etwas leichter anfühlt als vorher. Zu deinen Bedürfnissen zu stehen, hat übrigens viel mit Selbstfürsorge zu tun.
Fünf Schritte, wie dein Heimweg beginnen kann
- Unterscheiden lernen: Was fühle ich wirklich, und was fühle ich, weil jemand anderes es erwartet?
- Innere Anteile kennenlernen: Welcher Teil von dir meldet sich, wenn du Angst hast? Welcher, wenn du dich sicher fühlst?
- Entscheidungen treffen, die wirklich deine sind: Was willst du wirklich, was wollen andere? Triff deine Entscheidung für dich.
- Spüren lernen, bevor du regulierst: Was nimmt dein Körper wahr, bevor du es wegdrückst oder erklärst?
- Körperwahrnehmung schulen: Auch dein Kopf plappert ununterbrochen und übertönt dabei, was der Körper längst weiß. Bevor du deinem Körper vertrauen kannst, lerne, ihn überhaupt wahrzunehmen.
Brauchen wir Vorbilder, um authentisch zu leben?
Vorbilder machen uns nicht authentisch, aber sie zeigen uns, dass möglich ist, was wir uns für uns selbst bislang nicht vorstellen konnten.
Ich muss noch einmal zurück zur Frage meiner Leserin, denn ich glaube, sie hat etwas Richtiges gespürt, es aber etwas zu schnell formuliert. Vorbilder machen uns nicht authentisch. Das stimmt. Kein Mensch von außen kann dir zeigen, wer du innen bist, aber Vorbilder können dir zeigen, dass etwas möglich ist.
Da gibt es die Frau, die mit 63 noch einmal ganz neu anfängt. Die plötzlich ihre Geschichte erzählt, ohne sich dafür zu entschuldigen. Wenn ich sie sehe, erkenne ich manchmal etwas in mir selbst, das ich bis jetzt nicht benennen konnte. Dabei geht es nicht darum, dass ich so sein will wie sie, sondern es ist eher die Erkenntnis: “Ach, das darf ich auch.”
Für Frauen, deren inneres Bild von “wer ich sein könnte” durch frühe Verletzungen begrenzt wurde, ist dieser Unterschied entscheidend. Ein Vorbild gibt dir keine Schablone vor, sondern es öffnet dir einen Raum der Möglichkeiten, von dem du davor vielleicht nicht wusstest, dass es ihn gibt.
Was ist der Unterschied zwischen einer Lebenslüge und einer Schutzwahrheit?
Eine Schutzwahrheit ist eine innere Wahrheit, die das psychische System bewacht, weil ihre volle Wucht im Moment noch zu viel für mich oder dich wäre. Mit einer Lebenslüge vermeide ich es, die Verantwortung für mein Reagieren und Agieren zu übernehmen.
Meine Leserin hat geschrieben, dass auch die strahlendsten Menschen ihre kleinen Lebenslügen haben. Ich stimme ihr zu, würde es aber auf andere Art benennen. Lebenslüge, das klingt nach Versagen, nach Feigheit und nach Selbstbetrug. Was ich stattdessen beobachte, in mir und in der Arbeit mit traumatisierten Frauen, ist etwas anderes: Das innere System entscheidet, welche Wahrheiten wir über uns selbst ertragen können, welchen Schmerz und welchen noch nicht.
Dahinter verbirgt sich aus meiner Sicht also kein moralisches Versagen, sondern das ist die geniale, uns schützende Regulation unseres Körpers und unseres Nervensystems.
| Schutzwahrheit | Lebenslüge | |
| Funktion | Schützt vor emotionaler Überwältigung | Vermeidet Verantwortung |
| Starrheit | Kann langsam berührt und befragt werden | Wird rigide verteidigt |
| Entstehung | Überlebensstrategie aus frühen Verletzungen | Bewusste oder unbewusste Vermeidung |
Das Ziel meiner Arbeit ist nie, diese Schutzschichten wegzureißen. Es geht darum, in einem sicheren Rahmen vorsichtig herauszufinden, was darunter liegt und ob es möglicherweise mehr Raum braucht, als es bisher hatte.
Authentizität entsteht nicht durch Enthüllung, sondern durch Annäherung. Enthüllung schafft neue Verletzungen, während Annäherung den Raum schafft für verdrängte Emotionen und Erinnerungen, ohne in Ohnmacht oder Schmerz erstarren zu müssen.
Was dieser Kommentar mir gezeigt hat
Während ich das schreibe, merke ich: Mein erster Impuls, mich gekränkt zu fühlen, war ein Signal dafür, dass mich das Thema wirklich etwas angeht. Dass ich Festlegungen, die ich über mich getroffen habe und die mir wohlgefallen, immer wieder einmal hinterfragen darf.
Und das ist vielleicht für sich genommen schon ein Bild von dem, was Authentizität sein kann: hinschauen, wenn etwas in mir reagiert, es nicht wegschieben, sondern mich den Fragen stellen, die in mir aufkommen.
Wenn Authentizität sich für dich schwer anfühlt und wenn du nicht weißt, was du wirklich willst, fühlst oder denkst, dann kann dies ein Zeichen dafür sein, dass früh etwas Wichtiges in dir – deine Lebendigkeit? – geschützt werden musste. Und dass es jetzt, langsam, mehr Raum braucht.
Du darfst dir Zeit lassen auf diesem Weg. Er führt zu dir.
Häufige Fragen zu Authentizität und Trauma
Authentisch sein bedeutet, in einem echten Kontakt mit dem zu sein, was gerade in mir vorgeht. Das ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Es ist ein momentanes Verhältnis zu mir selbst, das sich immer wieder neu zeigt.
Trauma kann dazu führen, dass wir den Zugang zu unserem eigenen Erleben verlieren. Das Nervensystem schützt uns, manchmal durch Dissoziation, manchmal durch Schutzwahrheiten. Authentisch zu werden bedeutet für traumatisierte Frauen deshalb oft: erst den Weg zurück zum eigenen Körper und Erleben finden, bevor man sich “zeigen” kann.
Eine Lebenslüge verleugnet bewusst eine innere Realität und erzeugt Spannung. Eine Schutzwahrheit entsteht aus dem Nervensystem heraus: Sie reguliert, welche Wahrheiten wir gerade ertragen können. Das ist kein Betrug an uns selbst, sondern ein Überlebensmechanismus.
Oft liegt das daran, dass wir Authentizität mit einem positiven Selbstbild verwechseln, dem wir entsprechen möchten. Wenn wir uns dabei ertappen, gereizt, erschöpft oder ängstlich zu sein, obwohl wir doch “eigentlich” anders sind, fühlt sich das wie ein Versagen an.
Der erste Schritt ist, zu unterscheiden: Was ist wirklich mein Erleben und was ist eine Erwartung von außen oder innen? Körperwahrnehmung ist dabei ein verlässlicherer Kompass als deine Gedanken. Frag dich: Was spüre ich gerade wirklich, bevor ich es bewertet habe?
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Ich freue mich auf dich!








Liebe Susann, danke für deinen Kommentar! Für mich ist Authentizität auch eine Haltung mir selbst gegenüber, ein zu mir stehen und bei mir bleiben. Warum ich schreibe, es ist ein Moment, damit wollte ich beschreiben, dass sich meine Haltung, Meinung, Emotion verändern darf, dass Authentizität nichts festes und unverrückbares ist, sondern sich ebenso wandelt, wie ich. Also wenn ich vor Jahren die Abgrenzung zu anderen Menschen als hilfreich für mich empfunden habe, obwohl ich wusste, dass mich das in der Einsamkeit gefangen hält, habe ich dazu gestanden, weil es meine Lebensrealität war. Heute bin ich da viel weicher, grenze mich bestimmten Menschen gegenüber immer noch ab und stehe dennoch für die Verbundenheit mit anderen Menschen ein, auch wenn es mal schief geht. Eine grundlegend andere Haltung und ich stehe zu beiden, werfe mir nicht vor, vor Jahren eine andere Haltung gehabt zu haben (tolles deutsch ;-)). Ich finde diese Dynamik wichtig, weil ich mich sonst zwinge fest zu werden und genau das will ich ja nicht. Ich will Lebendigkeit und dazu gehört Veränderung. Deshalb spreche ich von Momenten, in denen ich authentisch bin. Und weil es auch Momente gibt, in denen ich mich nicht authentisch verhalte, zum Beispiel, wenn ich in einer Situation bin wie kürzlich in der S-Bahn. Eine Gruppe Typen motzt aggressiv rum und ich habe mich verhalten, wie alle anderen, habe meine Kopfhörer lauter gedreht und gehofft, dass sie ganz schnell aussteigen, was sie auch getan haben. Alles in mir schrie danach aufzustehen und einzuschreiten, doch mein Urprogramm, die Angst vor körperlicher Gewalt war stärker. Wenn ich das so schreibe, merke ich, ich habe mich indem Moment ja auch authentisch verhalten, indem ich meine Angst vor Gewalt ernst genommen habe und mich von ihr habe ausbremsen lassen. Das entsprach aber so gar nicht meinem Selbstbild, davon, wie ich gern sein und mich verhalten möchte. Fühle ich mich damit wohl, wie ich mich entschieden habe? Keineswegs, aber ich habe sehr viel Verständnis dafür. Früher hätte ich mir an dieser Stelle Feigheit vorgeworfen.
Ich hoffe, die Sache mit dem Moment ist jetzt noch etwas deutlicher geworden.
Herzliche Grüße Sylvia
Liebe Syliva, herzlichen Dank für diesen Artikel; fühlte mich direkt angesprochen 🙂 Entschuldige bitte für das “Hand aufs Herz”, damit warst du natürlich nicht gemeint!!
Und dank deines Artikels habe ich verstanden, dass ein Beschönigen oder Dramatierung einer Situation, Sache u.ä. nicht unbedingt eine Lebenslüge sein muss, sondern eine Schutzfuntion sein kann. Bin mal gespannt, ob ich es nicht nur verstanden, sondern auch “beherzigen” kann.
Auch ich bin ein traumatisiertes Kind ohne jegliches Urvertrauen und mein einziges “Handwerkszeug” war die Selbstbefragung, um mich selber und meine Gefühle zu verstehen und um mir nahe zu kommen. Und so frage ich mich oft: “Hand aufs Herz… Butter bei de Fische Susann” 🙂
Als junge Frau habe ich festgestellt, dass ich es nicht mehr jedem recht machen muss – sondern ich muss mich mit meinen Entscheidungen wohl fühlen. Das nahm sehr viel Druck von mir.
Für mich ist daher Authentzität keinesfalls nur ein Moment, sondern ein zu sich stehen, bei sich bleiben… Eine Haltung mir selbst gegenüber… Aber vielleicht beschreibe ich etwas, was sich anders nennt??
Herzliche Grüße Susann
PS: ich finde deinen Blog so inspirierend, bewegt mich sehr!