Bagatellisierung Trauma: Wie das Herunterspielen eigener Erfahrungen zur Selbstschädigung wird
Bei mir war es doch nicht so schlimm.

Der Satz „Bei mir war das doch alles nicht so schlimm“ begegnet mir in meiner Arbeit als systemische Therapeutin und traumasensible Coachin gerade bei Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, sehr häufig. Nicht selten sind diese Worte begleitet von einem Tränenstrom. Die Tränen sind eine unwillkürliche Reaktion auf das Beschriebene, passen aber als Reaktion nicht mit dem Satz zusammen. Für mich ist dies ein Zeichen von Bagatellisierung. Es ist eine der Formen, wie Trauma im Körper und in der Psyche weitergetragen wird. Das eigene Erleben und Empfinden wird zugunsten von etwas anderem verkleinert.
In diesem Beitrag beleuchte ich die Gründe dafür, warum wir dies tun, und welche Auswirkungen dies langfristig auf unser Wohlergehen hat. Was ich in meiner Praxis beobachte, nenne ich deshalb Selbstschädigung durch Bagatellisierung. Ein Begriff, der zunächst hart klingt, aber aus meiner Sicht genau das beschreibt, was langfristig passiert. Warum das so ist und was dir dabei hilft, aus diesem Kreislauf auszusteigen, erfährst du hier.
Frauen lernen, ihre Erfahrungen zu bagatellisieren, um die Welt nicht zu stören, die sich nicht mit der Wahrheit auseinandersetzen will. Diese Verharmlosung beraubt uns jedoch unserer eigenen Realität und unseres Heilungsprozesses. – Andrea Dworkin
Das Wichtigste in Kürze
- Bagatellisierung bedeutet: das eigene Erleben herunterspielen, auch dann, wenn der Körper durch Tränen oder Anspannung das Gegenteil signalisiert.
- Kurzfristig schützt Bagatellisierung vor Schmerz und den Reaktionen anderer. Langfristig untergräbt sie das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
- Die Folgen von jahrelanger Selbstschädigung durch Bagatellisierung reichen von PTBS und Angstzuständen bis zu chronischen körperlichen Beschwerden.
- Den Kreislauf durchbrechen geht nur in kleinen Schritten: mit Selbstmitgefühl, innerem Sicherheitserleben und, wo nötig, professioneller Begleitung.
- Wer seine Erfahrungen herunterspielen muss, schützt damit auch die Täter:innen. Das zu erkennen ist kein Vorwurf, sondern eine Einladung zur Veränderung.
- Warum ich über Selbstschädigung durch Bagatellisierung schreibe
- Was ist Bagatellisierung und warum ist das langfristig selbstschädigend?
- Wann und warum bagatellisieren Frauen ihre eigenen Erfahrungen?
- Was bewirkt Bagatellisierung sexueller Gewalt auf gesellschaftlicher Ebene?
- Wie kannst du die Selbstschädigung durch Bagatellisierung beenden?
- Du wünschst dir Unterstützung?
- Häufige Fragen zum Thema Bagatellisierung und Trauma
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Warum ich über Selbstschädigung durch Bagatellisierung schreibe
Ich schreibe diesen Artikel aus zwei Gründen: Einmal schadet dir selbst die Bagatellisierung, weil du deine eigene Wahrnehmung, deine Emotionen und deinen Schmerz verleugnest. Der zweite Grund ist, dass wir Betroffenen mit der Bagatellisierung unserer Erfahrungen und der dadurch entstandenen Traumafolgen dazu beitragen, dass sich in unserer Gesellschaft nichts ändert.
Wie Bagatellisierung dir selbst schadet
Es macht mich jedes Mal betroffen, diesen Satz „Bei mir war es nicht so schlimm” zu hören. Weil gerade Frauen, die sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, sich schützen müssen. Es macht mich betroffen, wie wenig sie zu sich selbst, ihrem Schmerz, der Wut oder der Verstörung stehen können. Solange wir als Gesellschaft sexualisierte Gewalt individualisieren, so lange müssen Frauen sich schützen, um weiterhin zu “funktionieren” und ihren Alltag bewältigen zu können. Sie müssen sich schützen, vor den eigenen Emotionen und vor den Reaktionen im Außen.
Schmerz tut weh, Wut macht in den Augen anderer vielleicht zu einer Furie, einem Sensibelchen, zu einer unangenehmen Zeitgenossin. Die Frauen, die so vor mir sitzen, wollen niemandem damit schaden, dass sein Verhalten, seine Worte sie verletzt haben. Wir alle sind soziale Wesen und als Frauen nicht selten darauf trainiert, das Wohlergehen anderer über das eigene Wohlergehen zu stellen.
Doch im Fall von sexualisierter Gewalt passiert nicht selten eine Selbstschädigung durch Bagatellisierung. Indem ich bagatellisiere, nehme ich mich selbst, meine Empfindungen, meine Gedanken nicht ernst, spiele sie herunter. Kurzfristig schützt dies vor dem Schmerz und anderen Emotionen und vor den befürchteten Reaktionen im Außen. Langfristig schade ich mir selbst. Ich verliere das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Bagatellisierung dient den patriarchalen Strukturen
Wir mussten stark sein und weitermachen. Es war einfach nicht möglich, das Erlebte zu verarbeiten. Also haben wir es als ‘nicht so schlimm’ abgetan und verdrängt. Miriam Gebhardt
Mein zweiter Grund für diesen Beitrag ist, dass die Bagatellisierung des Erlebten dazu beiträgt, dass sich auf gesellschaftlicher Ebene nichts ändern muss. Wenn Frauen ihre Erfahrungen herunterspielen, wird das Ausmaß des Problems nicht sichtbar. Dies führt dazu, dass die Gesellschaft das Ausmaß und die Schwere sexualisierter Gewalt nicht erkennt oder ernst nimmt. Ungewollt halten sich so gesellschaftliche Mythen, dass sexuelle Gewalt selten ist oder nicht so gravierend. Durch die Verharmlosung ihrer Taten werden Täter seltener zur Rechenschaft gezogen. Dies führt dazu, dass bestehende Machtstrukturen und patriarchale Systeme unangetastet bleiben. Ich will mit meiner Arbeit und meinem Schreiben dazu beitragen, dass sich die Verhältnisse ändern.
Was ist Bagatellisierung und warum ist das langfristig selbstschädigend?
Bagatellisierung schädigt langfristig, weil sie das Erlebte nicht verschwinden lässt, es prägt sich stattdessen tief im Körpergedächtnis ein.
Definition: Bagatellisierung im Trauma-Kontext bezeichnet die Tendenz, das eigene Erleben als unbedeutend oder geringfügig darzustellen, obwohl der Körper und die Psyche eine andere Wahrheit kennen. Es geht darum, Probleme, Ereignisse oder Gefühle zu verharmlosen oder herunterzuspielen. In psychologischen und sozialen Kontexten kann Bagatellisierung eine Strategie sein, um unangenehme oder belastende Themen zu vermeiden, jedoch kann sie langfristig negative Auswirkungen haben, da die zugrunde liegenden Probleme nicht anerkannt oder behandelt werden.
Bagatellisierung hat aus meiner Sicht zwei verschiedene Aspekte, einen positiven und einen negativen. Manchmal müssen wir bagatellisieren, zur Seite schieben, damit wir im Alltag bestehen können. Sich mit der eigenen Wahrnehmung, und den dazugehörenden Emotionen in Bezug auf erlebte sexuelle Gewalt auseinanderzusetzen, bedarf eines Gefühls der inneren und äußeren Sicherheit.
Sicherheit
Innere Sicherheit meint einen Zustand des psychischen Wohlbefindens und der Stabilität, der es ermöglicht, mit den Herausforderungen des Lebens auf gesunde und effektive Weise umzugehen. Mich mit einem Thema zu beschäftigen, zieht mir nicht die Füße weg, ich bin in der Lage, zwischen dem, was war, und dem, was jetzt ist.
Äußere Sicherheit bezieht sich darauf, dass ich in meinem Umfeld sicher bin, Menschen habe, denen ich mich anvertrauen kann. Menschen, die mich nicht bewerten, nicht gleich Lösungen bieten in einer Situation, in der ich mich selbst erst einmal orientieren muss. Beides ist häufig nicht sofort gegeben. In diesen Situationen kann Bagatellisierung sehr hilfreich sein.
Positive Aspekte von Bagatellisierung

Negative Aspekte der Bagatellisierung

Bagatellisieren bedeutet auch, das Erlebte nicht zu verarbeiten, sondern es zu verdrängen. Langfristig gesehen verschwinden die Ereignisse nicht einfach, sondern werden in unserem Körpergedächtnis gespeichert. Die Verdrängung und Bagatellisierung sexueller Gewalt kann langfristig zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Angstzuständen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen führen.
Das ständige Unterdrücken von Erinnerungen und Gefühlen kann aber auch zu chronischem Stress und körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen und anderen stressbedingten Erkrankungen führen. Ebenso kann das Herunterspielen der eigenen Erfahrungen das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung erheblich beeinträchtigen. Die betroffene Person nimmt ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht ernst.
Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen, einschließlich Schwierigkeiten mit Intimität und Vertrauen, haben ihren Ursprung nicht selten in unverarbeiteten Traumata. Das Risiko für ein geschwächtes Immunsystem und für verschiedene Krankheiten erhöht sich, wenn wir uns mit dem Erlebten nicht auseinandersetzen. Am Ende hat das gesamte Leben einen bitteren Beigeschmack und du fragst dich, woher dieser kommt.
Wann und warum bagatellisieren Frauen ihre eigenen Erfahrungen?
In der Praxis begegnet mir der Satz „Bei mir war das doch alles nicht so schlimm”, häufig, besonders wenn es um das Thema sexualisierte Gewalt geht. Triggerwarnung: Im Folgenden schreibe ich über ein paar Beispiele, damit deutlich wird, in welchen Zusammenhängen dieser Satz verwendet wird.
Eine Frau entschuldigt sich bei mir als Therapeutin dafür, dass sie sich von einem hinterhergerufenen Satz „Dich würde ich auch gern mal …“ verstört und verletzt fühlt. Sie verachtet sich dafür, dass sie „immer so sensibel“ sei. Dabei war das doch nur ein harmloser Satz und keine Vergewaltigung.
Eine andere Klientin erzählt von einer Begebenheit in einer dicht besetzten Straßenbahn. So eng zwischen anderen zu stehen, war ihr unangenehm, sie spürte merkwürdige Bewegungen an ihrem Po. Die Bahn fuhr auf einer kurvigen Strecke und alle bewegten sich im Rhythmus der Bahn hin und her. Erst da fiel ihr auf, dass der Mann hinter ihr, ihr mehrfach mit der Hand über die Brust strich. Sie forderte ihn auf, dies zu unterlassen. Er reagierte empört und verbat sich die Anschuldigung. Schließlich könne er nichts dafür, dass seine Hand automatisch nach Halt sucht, wenn die Bahn so ruckele. Während sie dies erzählt, laufen ihr Tränen übers Gesicht. Sie lächelt tapfer und sagt: „Aber vielleicht war es gar nicht so schlimm, wahrscheinlich habe ich mir das nur eingebildet”.
Das dritte Beispiel kommt von einer 21-Jährigen. Sie wurde vergewaltigt und bei ihr “war es nicht so schlimm”, weil sie es “nur” einmal erlebt hat und weil der Täter ein Fremder war, nicht ihr Freund und auch kein Verwandter. Es hat ja “nur” ihren Körper betroffen.
Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen, selbst Frauen, die mehrfach schlimmster Gewalt ausgesetzt waren, sitzen vor mir und halten sich selbst den Satz vor “Bei mir war das alles doch nicht so schlimm”.
Was bewirkt Bagatellisierung sexueller Gewalt auf gesellschaftlicher Ebene?
Neben den Auswirkungen der Bagatellisierung auf dich selbst, deine Gesundheit, deine sozialen Beziehungen und dein Wohlbefinden ganz allgemein, gibt es auch noch den Aspekt der Auswirkungen auf die Gesellschaft. Es bleibt alles so, wie es ist, denn die Gesellschaft ändert sich nicht, wenn wir leise sind, uns konform verhalten und unsere Erfahrungen für uns behalten.
Laut einer Studie der WHO zum Thema Gewalt gegen Frauen ist weltweit mindestens jede 3. Frau im Laufe ihres Lebens mit sexualisierter Gewalt konfrontiert. Laut dem bff (Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe) erlebt jede 7. Frau in Deutschland im Lauf ihres Lebens strafrechtlich relevante sexualisierte Gewalt und 60 % aller Frauen erleben sexuelle Belästigung.
Ich weiß, dass dies eine Herausforderung ist, und deshalb richtet sich dieser Abschnitt vor allem an Frauen, die ihre Traumata verarbeitet haben, sich selbst regulieren können und die sich in sich selbst geborgen fühlen. Die Me-Too-Bewegung war ein Anfang, sorgen wir dafür, dass sie nicht verpufft. Weltweit sind die konservativen Kräfte auf dem Vormarsch, die uns Frauen die Rechte, die im Lauf der vergangenen 150 Jahre erkämpft wurden, wieder absprechen wollen. Lasst uns laut werden und eintreten für unsere Rechte. Dazu gehören die körperliche und psychische Unversehrtheit und der Schutz vor sexueller Gewalt.
Es fällt mir noch immer nicht leicht, mich mit dem Thema sexuelle und sexualisierte Gewalt öffentlich zu zeigen. Was ich befürchte: von Kolleg:innen und Klient:innen als unprofessionell angesehen zu werden. Was ich erhoffe: Betroffene Frauen fühlen sich verstanden, bauen Vertrauen auf, trauen sich selbst. Tief in mir ist ein Bewusstsein dafür, dass es unbequem ist für mich und andere, über diese Themen zu schreiben. Doch wenn ich, wenn wir es nicht tun, dann wird sich nie etwas ändern. Mein größter Wunsch ist, dass sich die Gesellschaft ändert, dass sexualisierte und sexuelle Gewalt nicht länger als Normalität in weibliches Leben eingewoben ist. Das ist kein “Problem” einzelner Frauen, es ist ein gesellschaftliches Problem. Solange “Opfer” ein Schimpfwort ist und als solches genutzt wird, um Opfer einzuschüchtern, zum Verstummen zu bringen, solange bringe ich den Mut auf darüber zu sprechen und zu schreiben. – Sylvia Tornau
Wie kannst du die Selbstschädigung durch Bagatellisierung beenden?
Den Kreislauf der Bagatellisierung zu durchbrechen, erfordert Mut, Selbstbewusstsein und oft auch Unterstützung von außen. Bitte mach einen Schritt nach dem anderen. Was auch immer du tust, tue es mit Wohlwollen und Liebe für dich selbst. Dein Gefühl von Sicherheit steht an erster Stelle. Sicherheit und Orientierung im Hier und Jetzt. Überfordere dich nicht, aber lass auch die Angst nicht gewinnen. Denke daran: Bagatellisierung schadet langfristig dir selbst und schützt die Täter:innen. Sei mutig und vor allem: Sei es dir wert! In deinem Tempo, für dich, deine Beziehung zu dir selbst und deine Beziehung zum Leben. Dein Leben ist es wert, gelebt zu werden, voller Energie und Freude!
Im Folgenden findest du einige Schritte, die dir helfen können, aus dem Kreislauf der Bagatellisierung auszusteigen.
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Herzliche Grüße











Dear Carole Orr, I find it courageous and admirable that you want to embark on this inner journey again at the age of 80. I hope you find the right therapy for you. Unfortunately, I don’t speak English, so I wrote this response to you using a translation program. For your continued journey, I wish you many good encounters with yourself and the people who are important to you. Best regards, Sylvia
Hello! I am an 80 year old & have led a very full life. Recently I realized my tendency to ‘brush off’ things relating to health, when visiting doctors, which leads me to take a closer look at parts of my life. Unfortunately i haven’t found a therapist (all booked out). My reason for wanting therapy is to ‘make real’ & fully process areas of my biography in which I see parts of me have not really traversed
– & before death arrives I consider it important to do this inner work.
Hallo Gabi, danke für deinen Kommentar und deine Unterstützung. Liebe Grüße Sylvia
Hallo Sylvia,
ein interessantes Thema, das du hast. Habe neugierig deinen Blogartikel gelesen und gratuliere dir zu einem so wichtigen Beitrag!
Jede 3. Frau wird im Laufe ihres Lebens mit sexualisierter Gewalt am eigenen Leib konfrontiert, erschreckende Zahlen und wirklich belegt sind sie nicht. Genau deshalb, weil noch immer viel zu viele das abtun und sagen “War doch gar nicht so schlimm”…
Danke daher, dass du diesem wichtigen Irrtum mit deinem Artikel Gegenwind gibst und bewusst machst, dass es immer schlimm ist, wenn jemand die eigene Sicherheitsgrenze und Körperlichkeit überschreitet.
Gruß Gabi